Psychologen-Interview zur Corona-Situation
"Selbst wenn wir wissen, dass wir das alles überleben werden, fühlen wir uns schlecht"

Der Mensch ist ein soziales Wesen, uns zu isolieren widerspricht unserem genetischen Code.
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  • Der Mensch ist ein soziales Wesen, uns zu isolieren widerspricht unserem genetischen Code.
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Die WOCHE spricht mit dem Villacher Psychologen Martin Sakrausky über die Corona-Situation und wie sie sich auf Menschen auswirkt.

WOCHE: Herr Sakrausky. Wir telefonieren heute ausnahmsweise. Führen Sie denn auch mit Ihren Patienten Online-Beratungen durch?
MARTIN SAKRAUSKY: Ja das tue ich. Für einige Patienten ist es jetzt besonders wichtig, einen Ansprechpartner zu haben. 

WOCHE: Warum empfindet der Großteil der Menschen die derzeitige Situation mit den einhergehenden Einschränkungen als äußerst belastend? 
SAKRAUSKY: Die Menschen werden derzeit nicht nur räumlich sondern auch sozial voneinander isoliert. Die Einsamkeit, auch wenn es in der Familie ist, stellt uns vor ein großes Problem. Besonders unsere Generation hat derartige Einschränkungen noch nie erlebt. Zuletzt gab es vergleichbare Zustände in Zeiten des Krieges.
Der Grund für unser Unbehagen in der Isolation liegt schon alleine in unseren Genen. Bereits vor hunderttausend Jahren waren wir in Stämmen organisiert, wer sich isoliert hat, hatte keine großen Überlebenschancen.

Menschen mit Depressionen potenziert sich die Problematik in einer solchen Ausnahmesituation.

Menschen verspüren den Drang, nicht isoliert zu sein, selbst dann, wenn es uns, in einem mitteleuropäischen Land, doch recht komfortabel in der Isolation geht. Selbst wenn wir wissen, dass wir das alles überleben werden, fühlen uns schlecht.
Der Mensch ist ein soziales Wesen, er möchte nicht alleine sein. Das ist auch das was die ganze Solidarisierungwelle hervorruft. Der Mensch hat ein großes Bedürfnis zu helfen und für einander einzustehen. Mit einer längeren Zeit der Isolation arbeiten wir gegen unseren genetischen Code.

WOCHE: Gibt es denn Untersuchungen, welche sich damit beschäftigen, wie lange ein vergleichbarer Zustand gut gehen kann?
Ja, es gibt zahlreiche Untersuchungen, die sich damit beschäftigen. Fakt ist, das kann natürlich alles sehr lange dauern und „gut“ gehen. Was nicht ausbleibt sind die Folgen. Es kommt zu posttraumatischen Stresssymptomen. Wir kennen das, permanente Anspannung beispielsweise. Es geht einem nicht richtig schlecht, aber eben auch nicht gut.

Der Mensch hat ein großes Bedürfnis zu helfen und für einander einzustehen. Mit einer längeren Zeit der Isolation arbeiten wir gegen unseren genetischen Code.

WOCHE: Sie sprachen eingangs von Menschen, die jetzt besondere Aufmerksamkeit benötigen.
Genau. Das sind beispielsweise Menschen, die alleine leben. Ganz besonders aber auch jene, die psychisch instabil sind. Menschen mit Depressionen etwa. Bei ihnen potenziert sich die Problematik in einer solchen Ausnahmesituation. Diese befinden sich in einer Alarmsituation. Hier ist besondere Sensibilität und Aufmerksamkeit gefragt.

WOCHE: Was kann man tun?
Viel Kontakt halten, oft anrufen, sich immer wieder melden. Diesen Menschen umso mehr zeigen, dass sie nicht alleine sind.
Betroffene selbst sollten sich eine Tagesstruktur zurecht legen: aufstehen, anziehen, essen, arbeiten. Den Tagesablauf möglichst genau zu planen, beugt einem Kontrollverlust vor. Durch geplantes Handeln hat man das Gefühl, einer Situation nicht hilflos ausgeliefert zu sein.
Auch wichtig ist es, Medien gezielt und bewusst zu konsumieren, sich an Qualitätsmedien zu halten. Keine Fake News zuzulassen. Denn gerade instabile Personen sind geneigt Verschwörungstheorien zu glauben.

WOCHE: Was löst die derzeitige Situation, auch das Zusperren der Schulen, in Kindern aus?
Erst einmal herrscht bei vielen die Freude vor: keine Schule mehr. Aber ganz schnell merkt man auch bei Kindern, dass sie eine gewisse Struktur benötigen. Auch Kinder genießen einen strukturierten Tagesablauf.
Man merkt aber rasch, dass sich Kinder schwer tun, sich selbst zu organisieren, eine gewisse Orientierungslosigkeit zeigt sich. Da sind Eltern gefragt. Stundenpläne könne hier helfen. Hier ist darauf zu achten, dass es Lern- und Freizeiten gibt. Und auch freie Zeiteinteilung, Zeit, in der sich Kinder zurückziehen können. Diese brauchen übrigens alle Familienmitglieder. Bitte auch die Bewegung der Kinde nicht vernachlässigen.

WOCHE: Was bedeutet eine Quarantäne-Situation für eine Paarbeziehung?
Im Prinzip verhält es sich so, Paare, die vorher gut miteinander auskamen, werden auch in dieser Situation gut miteinander klarkommen. Bei Paaren, wo es vorher problematisch war, potenzieren sich die Konflikte. Wenn Kinder im Haus sind, fokussiert man sich dann zumeist ohnehin auf diese.

WOCHE: Wofür könnten wir die Situation nutzen?
In Prinzip sollte man über Dinge reflektieren, für die wir sonst keine Zeit haben. Weil wir in unserer Schnelllebigkeit oft nicht links und rechts schauen.
Dieses „Runterfahren“ ist für viele beängstigend, das muss es aber nicht sein. Man kann die Chance nutzen, mit Menschen telefonieren. Ja, die Krise sogar zur Chance machen. 

WOCHE: Warum kommt es in Zeiten wie diesen zu Hamsterkäufen. Das ist für einige nur schwer nachvollziehbar?
Auch hier geht es um ein Bedürfnis nach Kontrolle. Auch wenn alles zusammenbricht, hat man zumindest im Keller noch Vorräte für die nächsten drei Jahre.
Es gibt generelle Angstmechanismen: Kampf, Flucht, Erstarren. Diese äußern sich dann auch im Supermarkt, wenn aggressives Verhalten zutage kommt. Aber man sollte dies nicht verurteilen, sondern zu verstehen versuchen.

WOCHE: Herr Sakrausky, ich bedanke mich herzlich für das Gespräch.

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Zur Sache

  • Wendepunkt, Zentrum für Psychotherapie; Martin Sakrausky, Psychotherapeut (Verhaltenstherapie), Klinischer Gesundheitspsychologe, Supervisor
  • www.wendepunkt-villach.at
  • Österreichweit: Die TelefonSeelsorge der Caritas: unter der kostenfreien Nummer 142 rund um die Uhr für Hilfesuchende erreichbar. Es gibt auch eine E-Mail- oder Chatberatung unter onlineberatung-telefonseelsorge.at.
  • Die Gesundheitskasse wird eigenen Angaben zufolge ab sofort Kosten für psychotherapeutische Sitzungen auch dann übernehmen, wenn sie telefonisch, per Chat oder mittels Skype durchgeführt werden.
Autor:

Alexandra Wrann aus Villach

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