Großdemo in der Donaustadt
Transitroute durch Lobautunnel? Mit Videos und Umfrage!

"Wir lassen uns die Zukunft nicht verbauen!", erklärten zahlreiche Teilnehmer.
16Bilder
  • "Wir lassen uns die Zukunft nicht verbauen!", erklärten zahlreiche Teilnehmer.
  • Foto: Kautzky
  • hochgeladen von Mathias Kautzky

Gegen den geplanten Lobautunnel und die "Stadtstraße" demonstrierten am 3. Juni 2021 tausende Menschen vom Praterstern über Hirschstetten bis nach Süßenbrunn: Die Wiener Außenring-Schnellstraße S1 könnte Teil einer internationalen Transitroute werden, so die Befürchtung.

WIEN/LEOPOLDSTADT/DONAUSTADT. Skateboards, Inlineskates, Lastenräder - die Fortbewegungsmittel waren vielfältig, mit denen die laut Polizei mehr als 1.500 Teilnehmer der Großdemonstration am Weltfahrradtag gegen den geplanten Lobautunnel und die "Stadtstraße" unterwegs gewesen sind: Die meisten fuhren nach einigen Ansprachen am Praterstern aber um 14.45 Uhr mit ihren Fahrrädern über die Lassallestraße und die Reichsbrücke zur Erzherzog-Karl-Straße und schließlich weiter zur Anfanggasse nach Hirschstetten, wo die Donaustädter "Stadtstraße" bald beginnen soll - zumindest, wenn es nach den Plänen der Wiener Landesregierung geht.

Mirjam Hohl organisierte die Protestveranstaltung mit: „In den 1980er-Jahren wurde in Hainburg der Schutz der Donauauen erkämpft. Nun ist unser Auwald aber durch den Lobautunnel erneut gefährdet." Auch aus der Donaustadt kommt Protest: "Die Kosten für die 3.200 Meter der 'Stadtstraße' sind von 231 Millionen auf aktuell 460 Millionen Euro explodiert", sagte Werner Schandl von der Bürgerinitiative "Hirschstetten-retten", die sich gegen den Bau der Autobahn-ähnlichen Verkehrsstrecke einsetzt.

"Durch die neue Straße wird es zu 320.000 neuen Autokilometern kommen - täglich", rechnete Schandl vor und warnt nicht nur vor steigenden Verkehrszahlen samt CO2-Emissionen, sondern auch vor erhöhter Feinstaubbelastung: "Am Rand der Lobau wird es einen weithin sichtbaren Rauchfang geben, der die Autoabgase von neun Kilometern Lobautunnel gesammelt ausstoßen wird. Da nützen auch viele neue Elektroautos wenig, denn auch die erzeugen viel Feinstaub."

Gleich nach dem Start ging's über die Reichsbrücke. Das Teilnehmerfeld des Protestzugs reichte aber noch bis weit in die Lassallestraße zurück.
  • Gleich nach dem Start ging's über die Reichsbrücke. Das Teilnehmerfeld des Protestzugs reichte aber noch bis weit in die Lassallestraße zurück.
  • Foto: Kautzky
  • hochgeladen von Mathias Kautzky

Der Bezirk ist dafür

Im Rathaus und in der Bezirksvorstehung des 22. Bezirk ist man allerdings für den Bau der vierspurigen "Stadtstraße", die Aspern mit Hirschstetten und damit auch mit der Südosttangente verbinden soll, und des rund neun Kilometer langen Lobautunnels: Erst Ende April wurden die 460 Millionen Euro Baukosten im Wiener Mobilitätsausschuss mit den Stimmen von SPÖ, Neos, ÖVP und FPÖ freigegeben. Der Vorsitzende Erich Valentin (SPÖ) begründete die Entscheidung mit der "Entlastung der alten Donaustädter Ortskerne" und erklärte dabei, dass es widersinnig sei, "Transitverkehr, der weder Ziel noch Ursprung in Wien hat, in die Stadt hineinzuziehen."

Der Schloßpark an der Donaustädter Anfanggasse war gut gefüllt.
  • Der Schloßpark an der Donaustädter Anfanggasse war gut gefüllt.
  • Foto: Kautzky
  • hochgeladen von Mathias Kautzky

Auch der Donaustädter Bezirksvorsteher Ernst Nevrivy (SPÖ) ist für den Bau: "Die Stadtstraße bringt Lebensqualität für die Donaustädter und ist essentiell für den Wirtschaftsstandort im Norden Wiens." Auch die ÖVP lobte die Entscheidung für die Freigabe der Baukosten: "Der Bau der Stadtstraße sowie des Lobautunnels ist ein wichtiges Infrastrukturprojekt zur Schaffung von Arbeitsplätzen", so Isabelle Jungnickel.

Werner Schandl von "Hirschstetten-retten" warnte vor "320.000 neuen Autokilometern täglich."
  • Werner Schandl von "Hirschstetten-retten" warnte vor "320.000 neuen Autokilometern täglich."
  • Foto: Kautzky
  • hochgeladen von Mathias Kautzky

"Autobahnen führen zur Klimakrise"

Die Teilnehmer der Großdemonstration waren anderer Meinung: "Der Bau neuer Autobahnen ist ein weiterer großer Schritt in Richtung Klimakrise", erklärte Saskia Heberger, die mit ihren zwei kleinen Kindern mit einem Lastenrad unterwegs war. "Unsummen für klimaschädliche Großprojekte zu verschwenden, ist gerade in der Coronakrise rückschrittlich und mehr als nur fahrlässig", so die 32-jährige Volkswirtschafterin aus der Donaustadt.

Lobautunnel und "Stadtstraße" bauen - oder nicht?

Vertreten war auch die Bürgerinitiative "Rettet die Lobau" mit zahlreichen Mitstreitern: "Wir lassen uns die Zukunft nicht verbauen", waren sie sich einig, "der Bau von 'Stadtstraße' und Lobautunnel bringt nur Millionengewinne für die Asfinag, dafür wird unseren Kindern die Zukunft gestohlen."

Der Protest war laut und bunt.

Internationaler Schwerverkehr bald in Wien?

Zahlreiche Redner, etwa vom Wiener Naturschutzbund, warnten davor, dass "die S1, also die Wiener Außenring-Schnellstraße, mit Lobautunnel und 'Stadtstraße' Teil der europaweiten Transitroute TEN 25 werden soll, die vom polnischen Danzig über Brno bis nach Wien geplant ist. Der internationale Schwerverkehr von der Ostsee bis zum Mittelmeer wird dann über Wien fahren, was Transitprobleme ähnlich wie in Tirol verursachen wird."

Studentin Hanna von "Fridays For Future" hielt am geplanten Startpunkt der "Stadtstraße" in der Hirschstettner Anfanggasse ebenfalls eine Rede: "65 Prozent des öffentlichen Raumes gehören den Autos, also Straßen und Parkplätze. Und das, obwohl sie nur fünf Prozent der Zeit gefahren werden und sonst nur herumstehen. Wir benötigen mehr Raum für Öffis, Räder und Fußgänger!"

Es wurde gegen Lobautunnel und "Stadtstraße" protestiert - Teilstücke der geplanten Schnellstraße S1.
  • Es wurde gegen Lobautunnel und "Stadtstraße" protestiert - Teilstücke der geplanten Schnellstraße S1.
  • Foto: Kautzky
  • hochgeladen von Mathias Kautzky

"Mit den Millionen für die Stadtstraße könnte man die Öffis im ganzen Osten Wiens ausbauen und modernisieren, und wahrscheinlich auch noch im halben Marchfeld", sagte Teilnehmer David, der an der TU Elektrotechnik studiert und als Fahrradbote arbeitet, "wenn man die Öffis aber nicht ausbaut, zwingt man die Leute fast ins Auto, was wiederum horrende Kosten für Straßen und Pendlerpauschale nach sich zieht. So eine Politik ist kurzsichtig und überhaupt nicht nachhaltig."

Bei strahlendem Wetter kamen die meisten Teilnehmer mit dem Rad.
  • Bei strahlendem Wetter kamen die meisten Teilnehmer mit dem Rad.
  • Foto: Kautzky
  • hochgeladen von Mathias Kautzky

Heidi Sequenz ist Gemeinderätin der Donaustädter Grünen, auch sie radelte die ganze Strecke bei strahlendem Sonnenschein mit: "Danke den vielen umweltbewussten und klimabewegten Menschen jeden Alters, die heute gemeinsam gegen diese megateuren Wahnsinnsprojekte protestieren", so Sequenz. "Die Zukunft liegt in nachhaltiger Mobilität, Öffis und sicheren Rad- und Fußwegen. Die kosten nur einen Bruchteil, brauchen aber Flächen, die von 'Stadtstraße' und S1 unnötig versiegelt werden."

Viele Teilnehmer hatten selbstgebastelte Schilder an ihre Räder montiert.
  • Viele Teilnehmer hatten selbstgebastelte Schilder an ihre Räder montiert.
  • Foto: Kautzky
  • hochgeladen von Mathias Kautzky

Mit ihrem Fahrrad war auch Barbara Neuroth unterwegs - viele Jahre war sie stellvertretende Bezirksvorsteherin (Grüne) auf der Wieden und ist heute Bezirksrätin. Was macht sie im 22. Bezirk? "Die Donaustädter Grünen unterstützen, die sich seit Jahren gegen 'Stadtstraße' und Lobautunnel einsetzen." Den Bau neuer Autobahnen findet auch sie "widersinnig, denn dadurch steigt nur der Verkehr weiter an."

Unterstützung aus der Gesellschaft

Die Großdemo wurde von zahlreichen Organisationen im Vorfeld unterstützt, darunter "Stopp Lobau-Autobahn", "Platz für Wien", "AktionsAkademie", "BürgerInnen Netzwerk Verkehrsregion Wien-NÖ/Nordost", "Hirschstetten-retten", "System change, not Climate Change", "Fridays For Future Vienna", "Geht-doch.wien" und "Selbstbestimmtes Österreich".

Aber auch die Umweltschutzorganisation Greenpeace hatte sich zu Wort gemeldet: "Das fossile Megaprojekt Lobauautobahn ist ein klima- und verkehrspolitisches Totalversagen und wird Österreich in Sachen Klimaschutz um Jahre zurückwerfen. Mitten in der Klimakrise sollen hier Betoniererfantasien aus den 1970er-Jahren verwirklicht werden.“

Lena von "Fridays For Future" bezeichnete Lobautunnel und "Stadtstraße" als "rückwärtsgewandt" und "unnötig".
  • Lena von "Fridays For Future" bezeichnete Lobautunnel und "Stadtstraße" als "rückwärtsgewandt" und "unnötig".
  • Foto: Kautzky
  • hochgeladen von Mathias Kautzky

Auch die Weltnaturschutzunion IUCN stemmt sich gegen das Straßenbauprojekt und drohte zuletzt mit der Aberkennung des Nationalpark-Status des Nationalparks Donauauen, wenn sich der Lobautunnel negativ auf das Ökosystem in der Lobau und insbesondere auf den dortigen Grundwasserspiegel auswirkt: "Das komplexe Ökosystem im Auwald lebt vom Grundwasser, daher kann dort ein Tunnel nicht ohne Auswirkungen sein."

"Ein bisschen fühlt man sich wie in Woodstock", meinte eine Teilnehmerin. "Aber auch wie damals in Hainburg", so ein älterer Radfahrer.
  • "Ein bisschen fühlt man sich wie in Woodstock", meinte eine Teilnehmerin. "Aber auch wie damals in Hainburg", so ein älterer Radfahrer.
  • Foto: Kautzky
  • hochgeladen von Mathias Kautzky

Der Abschluss der Protestveranstaltung fand ab 18 Uhr zwischen Süßenbrunner Feldern und der Lärmschutzmauer der Schnellstraße S2 statt: Die Molekularbiologin Martha Krumpeck erklärte, dass sie sich "seit 21. Mai im zeitlich unbegrenzten Hungerstreik" befindet. "Alle Projekte, die zu einem Mehrausstoß von Treibhausgase führen, müssen sofort eingestellt werden!"

Die Protestierenden untermalten ihre Forderungen mit Fahrradklingeln und Sprechchören.
  • Die Protestierenden untermalten ihre Forderungen mit Fahrradklingeln und Sprechchören.
  • Foto: Kautzky
  • hochgeladen von Mathias Kautzky

Viele Demonstranten hatten selbstgebastelte Schilder und Transparente mitgebracht, darauf stand etwa "Stadtautobahn stoppen!", "Lobau bleibt" oder "Stopp Stadtstraße!" zu lesen. Von Pensionisten ("Omas For Future") bis zu Kleinkindern waren beim Protest alle Altersstufen vertreten, dabei radelten auffallend viele Familien mit. "Die geplante 'Stadtstraße' soll genau neben der 'Smart City Seestadt' vorbeiführen, die als autofreies europäisches Vorzeigeprojekt groß beworben worden ist", so eine Mutter von zwei Kindern. "Was für eine Heuchelei!"

Auch noch kurz vor Schluss der Protestveranstaltung in Süßenbrunn reichte der Teilnehmerzug bis zum Horizont.
  • Auch noch kurz vor Schluss der Protestveranstaltung in Süßenbrunn reichte der Teilnehmerzug bis zum Horizont.
  • Foto: Kautzky
  • hochgeladen von Mathias Kautzky

Nach den letzten Reden applaudierten die Teilnehmer minutenlang den begleitenden Polizistinnen und Polizisten, die überwiegend ebenfalls auf (Dienst-)Fahrrädern unterwegs gewesen waren. Danach löste sich der Protest langsam, aber friedlich auf und die Demonstranten gegen "Stadtstraße" und Lobautunnel machten sich mit ihren Fahrrädern, Lastenrädern, Skateboards und Inlineskates auf den Heimweg. Manche sind sogar zu Fuß vom Praterstern bis in die Felder von Süßenbrunn marschiert. Mit dem Auto ist von den tausenden Teilnehmern übrigens kein einziger gekommen.

Die Abschlusskundgebung fand in den Feldern von Süßenbrunn statt und war nur durch eine Lärmschutzmauer von der S1-Schnellstraße getrennt.
  • Die Abschlusskundgebung fand in den Feldern von Süßenbrunn statt und war nur durch eine Lärmschutzmauer von der S1-Schnellstraße getrennt.
  • Foto: Fridays For Future
  • hochgeladen von Mathias Kautzky
3

Wohin in Wien?
Täglich neue Freizeit-Tipps für Wien mit unserer INSPI-App

Wie kann man aus dem Hamsterrad ausbrechen, wenn bereits alle Ideen ausgeschöpft wurden? Wenn du Abwechslung suchst, dann lass dich täglich aufs neue INSPIrieren, denn Wien hat wirklich viel zu bieten. Was machen in Wien?Wer suchet der findet, so lautet ein altbekannter Spruch. Wir machen es euch noch einfacher! Bei INSPI musst du nicht suchen, sondern bekommst täglich frische, unverbrauchte Ideen auf dein Handy. Inspi ist die App, mit der du von Hand ausgewählte Vorschläge von zufälligen...

Anzeige
1 2

Pink Skyvan Gewinnspiel
Wir verlosen 2 Gutscheine für einen Fallschirmsprung

Wer auf der Suche nach Nervenkitzel ist, für den haben wir das perfekte Abenteuer parat! Wir verlosen zwei Fallschirmsprünge bis zu 90 kg. Also einfach zu unserem  Wien-Newsletter anmelden und schon nimmst du automatisch am Gewinnspiel teil. Grenzenlose Freiheit in 4000m Höhe, das Gefühl schwerelos zu sein und natürlich der Nervenkitzel der damit verbunden ist - was eignet sich also besser als ein Fallschirmsprung mit der Pink Skyvan? Wer schon immer einmal einen Fallschirmsprung machen wollte,...

Am Vatertag lädt die BezirksZeitung zum großen Sommerfest ins Alte AKH.
3

Campus der Universität Wien
Die BezirksZeitung lädt am 12. Juni zum Sommerfest

Am Sonntag, 12. Juni, findet auf dem Campus der Universität Wien, vielen besser bekannt als Altes AKH, das Sommerfest der BezirksZeitung statt. WIEN. Von 10 bis 18 Uhr sind beim Sommerfest der BezirksZeitung Action und Spaß für die ganze Familie garantiert. Auf alle Sportbegeisterten warten eine Luftrutsche und Aero Bungee, mit dem man in luftige Höhen springen kann. Auch die Raiffeisen Hüpfburg ist wieder mit dabei. Beim Riesenwuzzler kommen alle Fußballfans auf ihre Kosten. Dabei kann man...

Am Vatertag lädt die BezirksZeitung zum großen Sommerfest ins Alte AKH.

3 Kommentare

?

Du möchtest kommentieren?

Du möchtest zur Diskussion beitragen? Melde Dich an, um Kommentare zu verfassen.

Du willst eigene Beiträge veröffentlichen?

Werde Regionaut!

Jetzt registrieren

Du möchtest selbst beitragen?

Melde dich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.