Interview
"Hilfe hört nicht bei von Menschen gemachten Grenzen auf"
- Manuela Erber-Telemaque rief die Hilfsorganisation "Zukunft für Tshumbe" ins Leben.
- Foto: Nadja Burghardt Fejes
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Die gebürtige Goingerin Manuela Erber-Telemaque gründete mit 20 Jahren einen Kindergarten in der Demokratischen Republik Kongo. In den vergangenen zwölf Jahren wurde daraus eine umfangreiche Non-Profit-Organisation.
GOING, KÖSSEN, DEMOKRATISCHE REPUBLIK KONGO. Mit nur 20 Jahren reiste Manuela Erber in die D. R. Kongo, mit der Idee im Gepäck, dort einen Kindergarten zu errichten.
Aufgewachsen auf einem Bauernhof in Going, hegte sie bereits im Volksschulalter den Traum, jenen zu helfen, die vom Schicksal benachteiligt wurden. Mittlerweile ist die heute 32-Jährige mit ihrem Mann Kerby Telemaque verheiratet, Mutter einer dreijährigen Tochter und lebt in Kössen.
Im Interview mit der MeinBezirk-Redaktion sprach die Gründerin der Hilfsorganisation "Zukunft für Tshumbe" über ihr bewegtes Leben zwischen den Alpen und Afrika.
- Aufgewachsen auf einem Bauernhof in Going, hegte sie bereits im Volksschulalter den Traum, jenen zu helfen, die vom Schicksal benachteiligt wurden.
- Foto: Nadja Burghardt Fejes
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MeinBezirk: Wie gestaltete sich der Weg von der Idee, einen Kindergarten in Afrika zu errichten bis zur konkreten Umsetzung?
Erber-Telemaque: "Bereits im Kindesalter beschäftigte mich die Tatsache, dass es wirklich ein Privileg ist, jeden Tag etwas zu essen zu haben und Bildung zu erhalten. Mir wurde bewusst, dass nicht jedes Kind auf dieser Welt dieses Glück hat. Schließlich habe ich mit 20 Jahren mein Lebensziel, einen Kindergarten irgendwo in Afrika zu errichten, in die Tat umgesetzt. Ich habe dann aber schnell gemerkt, dass ein Kindergarten alleine nicht ausreichend ist, um den Menschen langfristig helfen zu können. Viele Kinder dort sind Halbwaisen oder Vollwaisen und unterernährt. Zudem ist die häusliche Gewalt, vor allem gegen Frauen, sehr häufig und die Infrastruktur praktisch nicht vorhanden. Schrittweise haben wir Projekte ins Leben gerufen, die den Menschen helfen sollen, sich selbst und ihre Familien versorgen zu können. 110 Personen, alle ausschließlich aus Tshumbe und der umliegenden Region, umfasst das Team, das sich derzeit vor Ort um Ernährungsprogramme, Bildung, Selbstversorgung, Gesundheit usw. kümmert."
- "Viele Kinder dort sind Halbwaisen oder Vollwaisen und unterernährt. Zudem ist die häusliche Gewalt, vor allem gegen Frauen, sehr häufig und die Infrastruktur praktisch nicht vorhanden", sagt Manuela Erber-Telemaque.
- Foto: Zukunft für Tshumbe
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Wie hast du die ersten Tage in Tshumbe erlebt?
"In erster Linie habe ich pure Freude und pures Glück empfunden. Im tiefsten Inneren habe ich gemerkt, dass ich richtig im Leben angekommen bin. Am Anfang hatte ich jedoch ziemlich mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. So kam es, dass ich bereits in der ersten Woche an einer Lebensmittelvergiftung erkrankt bin. Ich kann mich noch genau erinnern, dass mir jemand in meiner Lehmhütte im Dunkeln eine Infusion verabreicht hat. Da bekommt man schon ein mulmiges Gefühl, da ich damals noch niemanden kannte und auch die hygienischen Umstände nicht. Ich war mir deshalb nicht so sicher, ob die Infusionsnadel steril ist. Ein anfängliches Thema war auch die Kommunikation, da nur ein kleiner Anteil der Bevölkerung in Tshumbe Französisch spricht – die meisten Einwohner sprechen Otetela. Menschen vor Ort, die beide Sprachen sprechen, haben mir aber geholfen, die sprachlichen Barrieren zu minimieren. Mit meiner Familie zu Hause konnte ich lediglich über ein Satelliten-Telefon kommunizieren."
Wie hast du die kulturellen Unterschiede wahrgenommen? Wie unterscheidet sich das Leben der Menschen in Tirol und in Tshumbe?
"Wo man geboren wird, ist Zufall. Den meisten Kindern, die in Tirol geboren sind, stehen alle Möglichkeiten im Leben offen. Wir können im Krankheitsfall unser Sozialsystem nutzen, uns im Krankenhaus behandeln lassen, wir haben Zugang zu Bildung uvm. Diese Dinge bleiben den meisten Menschen im Kongo leider verwehrt. Bereits in der Schwangerschaft sind das Ungeborene und die Mutter in höchster Lebensgefahr. Die Kindersterblichkeitsrate im Kongo ist weltweit am vierthöchsten. Viele Frauen und Säuglinge sterben bei der Geburt, da es einfach an medizinischer Grundversorgung und Lebensmitteln mangelt. Für die Menschen in dieser Region gibt es auch bei Sterbefällen in der Familie, die bedauerlicherweise immer noch recht häufig sind, keinerlei psychologische Unterstützung. Dass die Kinder oftmals Augenzeugen von Vergewaltigungen und Misshandlungen oder gar selbst zu Opfern werden, ist leider auch keine Ausnahme. Bei meinen Reisen zwischen Tirol und der D. R. Kongo stelle ich mir oft die Frage, wie es nur sein kann, dass all diese Dinge auf demselben Planeten passieren können. Wieso dürfen wir in diesem Luxus leben, während andere Leute ums Überleben kämpfen?"
Wie ist es dir gelungen, das Vertrauen der Einheimischen zu gewinnen?
"Generell wurde ich mit offenen Armen in Empfang genommen. Der Respekt vor den Einheimischen und das Verständnis, wie sie gewisse Dinge handhaben, waren mir immer sehr wichtig. Ich war von Anfang an offen für die Traditionen der Menschen in Tshumbe und habe mich den Einheimischen angepasst. Mit den Jahren und dem ständigen und engen Austausch mit den Menschen vor Ort konnte ich mein Wissen über ihre Lebensweise erweitern und lerne auch jetzt noch täglich dazu."
Wie wird die Finanzierung der Projekte abgesichert?
"Derzeit sind wir noch hauptsächlich auf Spenden und Sponsorings angewiesen. Zudem arbeiten wir mit öffentlichen Mitteln, zum Beispiel vom Staat oder von anderen NGOs. Zusätzlich haben wir Projekte ins Leben gerufen, die vor Ort Einnahmen generieren, zum Beispiel in der Landwirtschaft durch die Selbstversorgung. In Kürze wird in Österreich ein Onlineshop gestartet. Langfristig wollen wir nämlich nicht nur auf Spenden angewiesen sein, sondern unabhängig und komplett nachhaltig handeln. Wir arbeiten derzeit darauf hin, dass die Gehälter der Angestellten vor Ort vom kongolesischen Staat finanziert werden sollen. Leider ist dies im Kongo ein längerer und schwieriger Prozess und wir kommen nur schrittweise voran."
Welche Projekte werden aktuell vor Ort durchgeführt?
"Als 'aktuell' würde ich alle Projekte bezeichnen, die wir erarbeitet haben, denn die Weiterführung und Verbesserung dieser erfordert ein hohes Maß an organisatorischem Geschick. Die neuesten Projekte sind aber die Errichtung eines Krankenhauses und einer berufsbildenden Schule. Unsere bisherige Krankenstation befindet sich auf sehr einfache Weise in einer Lehmhütte, die medizinische Versorgung und das wenige Equipment reichen bei Weitem nicht aus, der Zulauf und Bedarf sind enorm hoch. In der Region gibt es derzeit auch keine einzige gut und ausreichend ausgestattete medizinische Einrichtung. Das neue Krankenhaus wird auf Gynäkologie und Geburtshilfe sowie Pädiatrie und Neonatologie spezialisiert sein. Wir wollen damit eine Anlaufstelle für die vulnerablen Gruppen schaffen."
- Das neue Krankenhaus wird auf Gynäkologie und Geburtshilfe sowie Pädiatrie und Neonatologie spezialisiert sein.
- Foto: Zukunft für Tshumbe
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Gab es Momente, an denen du an deine Grenzen gestoßen bist?
"Ja, sehr viele, körperlich sowie mental. Vor allem bei Todesfällen von Kindern mache ich mir oft selbst Vorwürfe und denke mir, dass ich noch mehr tun muss. Auch in rechtlicher Hinsicht stoßen wir oft an unsere Grenzen. Wenn zum Beispiel ein Kind Opfer einer Vergewaltigung wurde, versuchen wir, die Familie rechtlich zu unterstützen. Leider bleibt den Familien aber eine angemessene Hilfe oftmals verwehrt, da durch die Korruption oftmals die Täter mehr geschützt werden als die Opfer. Aktuell befindet sich ein sechsjähriges Kind in dieser Situation. Ein weiterer Moment, der mich an meine Grenzen brachte, war ein nächtlicher Einbruch in meine Lehmhütte. In derselben Nacht hatte mein Bruder zu Hause einen schweren Autounfall und schwebte in Lebensgefahr. Das hat mich wirklich an meine persönlichen Grenzen gebracht."
Was wünschst du dir für die Menschen in Tshumbe?
"Unser Ziel ist es, dass den Menschen vor Ort ein gutes Leben ermöglicht wird, sie sich selbst versorgen können und sie eine angemessene medizinische Basisversorgung erhalten. Generell wünsche ich mir, dass der Kongo in den 'privilegierten' Ländern mehr in den Fokus rückt und wir erkennen, dass wir trotz der großen Distanz sehr mit dem Kongo verbunden sind. Hilfe hört nicht bei von Menschen gemachten Grenzen auf."
- "Unser Ziel ist es, dass den Menschen vor Ort ein gutes Leben ermöglicht wird, sie sich selbst versorgen können und sie eine angemessene medizinische Basisversorgung erhalten", sagt Manuela Erber-Telemaque.
- Foto: Zukunft für Tshumbe
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Danke für das Gespräch!
Das Interview führte Johanna Bamberger
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