15.10.2014, 13:21 Uhr

"Auch wir waren Flüchtlinge"

Bojan und Nejra auf dem Balkon ihrer Wohnung. In den Händen Fotos von 1996. (Foto: Berger)

Das Ehepaar Taso stammt aus Sarajevo. In Kufstein hat es nach dem Krieg eine neue Heimat gefunden.

Von Hubert Berger



KUFSTEIN (hube). Der derzeitige Zulauf von Flüchtlingen scheint nicht abreißen zu wollen. Von Italien, über den Brenner, gelangten seit Juli 1.336 Personen nach Tirol. Vor 22 Jahren stand Österreich nach dem Bürgerkrieg in Bosnien-Herzegowina und den darauf folgenden ethnischen Massakern vor einer ähnlichen humanitären Problematik. Es war damals ein zwei Jahre anhaltender Flüchtlingsstrom, in dem an die 90.000 Personen die Flucht aus der Heimat als letzten Ausweg sahen.
Die Bevölkerung Österreichs, die Behörden und damaligen politischen Entscheidungsträger der Regierung zeigten Solidarität mit diesen Menschen. Auch wurden damals, trotz des im Jänner 1993 initiierten Ausländervolksbegehrens, recht leicht Unterkünfte gefunden. Laut Integrationsbericht leben heute an die 130.000 Personen mit bosnischem "Migrationshintergrund" in unserer Republik. Zwei von ihnen, die heute unter und mit uns leben und arbeiten, sind das Ehepaar Nejra und Bojan Taso. Sie erzählen ihre gemeinsame Geschichte, die in den 1980er-Jahren in Sarajevo begann.

"Es ging uns sehr, sehr gut"
Sarajevo war bis zum Jahr 1992, als über Nacht der Krieg über sie hereinbrach, eine weltoffene, multikulturelle Stadt. Nejra und Bojan waren damals 12 Jahre alt. Für die beiden Nachbarskinder, deren Eltern befreundet waren und die gemeinsam aufwuchsen, war diese Stadt das Zentrum ihres kindlichen Verständnisses. Nejra Taso sagt dazu: "Es ging uns in allen Bereichen sehr, sehr gut. Obwohl wir Moslems waren, feierten unsere Familien das Weihnachtsfest mit Baum und Geschenken für uns Kinder. Mein Vater war selbständig und besaß eine Schusterei, Mama war Bankangestellte. Mein um sieben Jahre jüngerer Bruder und ich verlebten eine wunderbare, unbeschwerte Kindheit. Unseren Urlaub verbrachten wir in Kroatien am Meer."

Flucht nach Tirol
Das Ende dieser glücklichen Kindheit kam in der Nacht vom 4. auf den 5. April 1992 mit der Einnahme des internationalen Flughafens im Vorort Ilidža durch die Jugoslawische Volksarmee. "Werft Bomben auf Sarajevo, verschont kein Objekt", ordnete der kommandierende Serben-General Ratko Mladic dieses Todesurteil an.
1.425 Tage, vier Jahre dauerte die Belagerung der Stadt, wobei laut Schätzungen ca. 11.000 Menschen, darunter 1.600 Kinder, getötet und 56.000 schwer verletzt wurden. Verwandte von Njera sind unter diesen Opfern zu beklagen. Ihr, ihrem kleinen Bruder und ihrer Mutter gelang in den ersten Tagen nach dem Ausbruch der Aggressionen die Flucht nach Tirol zu ihrer Tante. Ihr Vater wurde zur Armee eingezogen. Bojan und seine Familie blieben in Sarajevo. Nejra sollte ihren Jugendfreund erst im August 1996 für kurze Zeit wiedersehen.
Bojan, seine Familie und 40.000 Menschen lebten in dem von serbischen Freischärlern vier Jahre lang eingekesselten Stadtteil Dobrinja. Wann immer eine Pause im Gewitter der Granaten eintrat, gingen sie auf die Jagd nach Vögeln, um etwas Fleisch auf die Teller zu bringen. Wasser und Brot waren in dieser Zeit nicht mehr alltäglich.

Neue Heimat Kufstein
Nejra absolvierte derweilen in Kuf-stein die Hauptschule und den Polytechnischen Lehrgang, um dann den Beruf einer Friseurin zu erlernen, den sie heute auch ausübt. Im Sommer 1996 kam Bojan mit seiner Mutter für eine Woche auf Besuch. Die beiden Teenager waren unsagbar glücklich sich wiederzusehen. Vier Jahre lang wussten sie nicht, wie es dem anderen ging oder ob er noch am Leben sei, da kriegsbedingt keine Kommunikation möglich war. Die Spätsommertage verbrachten sie mit Schwimmen im Hechtsee und Nejra zeigte ihm voll Stolz ihre neue Heimatstadt.
Dann musste Bojan wieder nach Sarajevo. Für ihn begann wieder die Schule: er besuchte und absolvierte eine Technische Lehranstalt für Maschinenbau. Ab diesem Zeitpunkt trafen sie sich jährlich im Sommerurlaub. 2007 musste Nejra für längere Zeit zu ihrem Vater nach Sarajevo. Obwohl sich die Eltern zwischenzeitlich getrennt hatten, benötigte er die Hilfe seiner Tochter.

Glückliches Ende
2007 war auch das Jahr, in dem aus der seit Kindheitstagen bestehenden Freundschaft eine tiefe Liebe wurde, welche im Jahr 2009 mit ihrer Heirat besiegelt wurde. Zwei Kinder, der 6-jährige Sohn Amar und die 4 Jahre alte Tochter Ema, entstammen dieser Partnerschaft, die in Kufstein einen sicheren Hafen fand. Nejra Taso meint abschließend: "Ich kam als Flüchtling nach Kufstein, war der Sprache nicht mächtig und mir wurde in allen Belangen ein Leben in Frieden und Freiheit ermög-licht – dafür bin ich glücklich und dankbar!"
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