Salzburger Festspiele
Maria Kalesnikavas bewegende Rede prägt die Festspiel-Eröffnung
- Foto: Land Salzburg / Neumayr / Kolarik
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Es war eine Festspieleröffnung, bei der weniger der Glanz des kulturellen Großereignisses als die politischen und gesellschaftlichen Fragen unserer Zeit im Mittelpunkt standen. Freiheit, Demokratie, Dialog und die Verantwortung jedes Einzelnen zogen sich am Sonntag durch die Reden in der Felsenreitschule. Den stärksten Akzent setzte Festrednerin Maria Kalesnikava. Bundespräsident Alexander Van der Bellen erklärte schließlich die 106. Salzburger Festspiele offiziell für eröffnet.
SALZBURG. Wer die Reden dieser Eröffnung auf einen gemeinsamen Nenner bringen will, landet unweigerlich bei einem Begriff: Freiheit. Allerdings näherten sich die Rednerinnen und Redner diesem aus sehr unterschiedlichen Perspektiven. Während Landeshauptfrau Karoline Edtstadler vor der Selbstverständlichkeit warnte, mit der Wohlstand, Demokratie und Freiheit in Österreich betrachtet werden, stellte Vizekanzler Andreas Babler die gesellschaftliche Kraft der Kunst in den Mittelpunkt. Bundespräsident Alexander Van der Bellen wiederum spannte den Bogen von Heimat und Migration bis zu europäischem Zusammenhalt und Klimakrise.
Und dann war da Maria Kalesnikava. Bei ihr war Freiheit keine politische Theorie, sondern persönliche Erfahrung.
226 Tage in Freiheit
„Seit genau 226 Tagen lebe ich wieder in Freiheit. Es waren die kostbarsten 226 Tage meines Lebens“, sagte die belarussische Musikerin und Bürgerrechtlerin zu Beginn ihrer Festrede. Mehr als fünf Jahre Haft liegen hinter ihr. Entsprechend alltäglich und gerade deshalb eindringlich waren jene Dinge, die sie als neu gewonnene Freiheit beschrieb: Morgensonne, Regen, Musik, Familie, Umarmungen oder schlicht die Möglichkeit, dorthin zu gehen, wohin man möchte.
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Ihre zentrale Botschaft formulierte Kalesnikava in einem Satz: „Freiheit wird besonders kostbar, wenn man ihren Preis kennt.“ Gleichzeitig machte sie deutlich, dass Mut für sie nicht die Abwesenheit von Angst bedeutet. Zivilcourage beginne vielmehr dort, wo sich Menschen trotz ihrer Angst für Freiheit, Menschenwürde und Verantwortung entscheiden.
Bemerkenswert war dabei, dass Kalesnikavas Rede nicht bei der Abrechnung mit einem autoritären Regime stehen blieb. Im Gegenteil: Sie richtete ihren Blick sehr deutlich auf die westlichen Demokratien und deren Umgang miteinander.
„Sprechen ist ein Recht. Zuhören ist Verantwortung“
Eine der stärksten Passagen der Festrede beschäftigte sich mit der zunehmenden Aggressivität gesellschaftlicher Debatten. Demokratien seien nicht erst dann gefährdet, wenn Menschen nicht mehr sprechen dürften, argumentierte Kalesnikava. Die Gefahr beginne bereits dort, wo Menschen aufhörten, einander zuzuhören.
Dafür fand die Musikerin ein ebenso einfaches wie wirkungsvolles Bild: das Orchester. Unterschiedliche Stimmen und Persönlichkeiten müssten ihre Individualität nicht aufgeben. Musik entstehe aber erst, wenn alle bereit seien, auch den anderen zuzuhören, einmal zu führen und ein anderes Mal Raum zu geben.
„Sprechen ist ein Recht. Zuhören ist Verantwortung. Genau dort beginnt Demokratie“, brachte Kalesnikava ihre Botschaft auf den Punkt. Kunst könne keine Kriege beenden und keine Politik ersetzen, aber Vertrauen schaffen – und damit Dialog und Zusammenarbeit ermöglichen.
Auch die Künstliche Intelligenz nahm Kalesnikava in den Blick. Nicht die Frage, wie intelligent Maschinen künftig würden, sei letztlich entscheidend, sondern „wie menschlich wir bleiben“. Kultur, Bildung, Wissenschaft und freie Kunst seien daher keine Nebensachen, sondern stärkten die Widerstandsfähigkeit einer Demokratie.
Freiheit ist nicht selbstverständlich
Landeshauptfrau Karoline Edtstadler (ÖVP) begann ihre Rede mit Stefan Zweigs Beschreibung vom „goldenen Zeitalter der Sicherheit“. Zweig habe eine Gesellschaft beschrieben, die Frieden und Freiheit für unverrückbar gehalten habe – bis sie schmerzhaft eines Besseren belehrt wurde. Für Edtstadler liegen die Parallelen zur Gegenwart auf der Hand. Sie verwies auf den Krieg in der Ukraine ebenso wie auf politische Gefangene und Unterdrückung in Belarus.
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Dabei sparte die Landeshauptfrau nicht mit Kritik am Zustand der eigenen Gesellschaft. Man habe es sich in der Beschäftigung mit „Luxusproblemen“ gemütlich gemacht, übe sich in Empörung und fordere Veränderung, ohne sie tatsächlich zu wollen. Die Festspiele sollten deshalb nicht nur Kunstgenuss bieten, sondern zur Reflexion über den Zustand der eigenen Gesellschaft anregen.
Den Kontrast zur Lebensgeschichte Kalesnikavas bezeichnete Edtstadler als beinahe beschämend: Während Freiheit hierzulande meist theoretisch diskutiert werde, hätten Kalesnikavas Worte „das Gewicht der gelebten, schmerzhaften Realität“. Freiheit sei ein „unendliches, zerbrechliches Privileg“, das für kommende Generationen bewahrt werden müsse.
Zwischen Vernunft und Herz
Vizekanzler Andreas Babler (SPÖ) orientierte seine Rede stark am künstlerischen Programm der Festspiele. Ausgangspunkt war Blaise Pascals Gedanke: „Das Herz hat seine Gründe, die die Vernunft nicht kennt.“
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Dabei verstand Babler dies ausdrücklich nicht als Absage an die Vernunft. Menschenrechte, Menschenwürde und Völkerrecht seien Errungenschaften der Vernunft. Ohne moralischen Kompass könne Rationalität allerdings zur „kalten Rationalität“ werden. Ungleichheit, Krieg und das Ignorieren wissenschaftlicher Erkenntnisse seien Entwicklungen, deren Konsequenzen bekannt seien – und dennoch werde vielfach nicht gehandelt.
Babler schlug dabei unmittelbar die Brücke zum Festspielprogramm: vom „Jedermann“, dessen Leben dem Mammon unterworfen ist, über Elfriede Jelineks „Unter Tieren“ bis zu Carmen, die Konventionen bricht und kompromisslos nach Freiheit sucht. Kunst öffne einen Denkraum, in dem die Welt auch anders sein könne.
Kalesnikavas Lebensgeschichte wurde für Babler schließlich zum Beleg dafür, welche Kraft eine Stimme entwickeln könne, selbst wenn ein autoritäres Regime versuche, sie zum Schweigen zu bringen. Kunst stärke die Vorstellung, „dass die Welt auch anders sein könnte“.
Heimatbegriff nicht missbrauchen
Bundespräsident Alexander Van der Bellen setzte einen etwas anderen Schwerpunkt. Ausgehend von Kalesnikavas Schicksal und seiner eigenen Familiengeschichte beschäftigte er sich ausführlich mit Migration und dem Begriff Heimat.
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Heimat sei zunächst „eine Gnade“ beziehungsweise ein Glück in der „Geburtslotterie“. Gleichzeitig warnte Van der Bellen davor, den Heimatbegriff politisch zu verengen oder zu instrumentalisieren.
Seine Botschaft zielte stark auf die politische Kultur Österreichs und Europas. Nach den Katastrophen des 20. Jahrhunderts sei die Erkenntnis gewachsen, dass Zusammenarbeit und Kompromiss notwendig seien. Kompromisse dürften nicht als Verrat verstanden werden, sondern seien Zeichen demokratischer Reife und politischer Verantwortung.
Van der Bellen bekannte sich ausdrücklich zu Österreich und Europa und forderte zugleich mehr europäische Eigenständigkeit – bei Energie, Digitalisierung und Verteidigung. Auch die Klimakrise nahm er in seine Definition von Heimat auf: „Die schönste Heimat wird unbewohnbar ab 40 Grad Celsius.“
So unterschiedlich die politischen Zugänge waren, ungewöhnlich geschlossen wirkte der Grundton dieser Eröffnung. Edtstadler sprach über die Zerbrechlichkeit der Freiheit, Babler über die gesellschaftliche Kraft der Kunst, Van der Bellen über eine offene Vorstellung von Heimat und europäischer Verantwortung.
Kalesnikava führte diese Gedanken aus einer Perspektive zusammen, die keine abstrakte war. Ihre Rede erinnerte daran, dass Demokratie nicht allein von Institutionen, Wahlen und verbrieften Rechten lebt. Sie lebt auch davon, wie Menschen miteinander umgehen – ob sie einander zuhören, Widerspruch aushalten und trotz unterschiedlicher Positionen das Gegenüber weiterhin als Menschen wahrnehmen.
Damit wurde die offizielle Eröffnung der Salzburger Festspiele 2026 auch zu einer politischen Standortbestimmung: Freiheit ist kein Besitzstand. Demokratie kein Selbstläufer. Und Kunst vielleicht gerade deshalb mehr als Unterhaltung.
Mit den Worten „Für unsere Heimat“ erklärte Bundespräsident Alexander Van der Bellen die Salzburger Festspiele 2026 schließlich offiziell für eröffnet.
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