Globasnitz – Interview der Woche mit Anja
Ein Leben mit Angststörung und Panikattacken
- Laut der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik ist die Angststörung die zweithäufigste Diagnose bei psychischen Krankheiten. (Beispielfoto)
- Foto: Vitaly Gariev/Unsplash
- hochgeladen von Sandra Krischan
Im Gegensatz zu körperlichen Beschwerden, wie einem gebrochenen Bein, sind psychische Leiden weniger nach außen sichtbar. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie weniger real sind – ganz im Gegenteil: Die Psyche wirkt direkt auf unser Gehirn und so auf unseren ganzen Körper. Neben der Belastung, die eine psychische Krankheit mit sich bringt, haben Betroffene oft mit Vorurteilen und Stigmatisierung zu kämpfen.
GLOBASNITZ. Der 10. Oktober gilt als Welttag der psychischen Gesundheit. Dieser Aktionstag soll auf psychische Gesundheit aufmerksam machen, über Krankheiten informieren und mit Vorurteilen aufräumen. Anja Prikrznik leidet seit ihrem 14. Lebensjahr an einer Angststörung. Später kamen heftige Panikattacken hinzu. Im Interview gibt die heute 40-Jährige Einblicke in ihren Alltag und wie sie mit der Erkrankung umgeht.
MeinBezirk: Was ist eine Angststörung und Panikattacken – kannst du das kurz beschreiben?
Anja: „Normale Ängste hat, glaube ich, jeder. Man kann Angst vor einem Tier haben oder wenn man einen Unfall hatte und so weiter. Jetzt stellt man sich diese Ängste noch zehnmal schlimmer vor und das 24/7. So fühlt es sich für mich an. Dann sind da noch die Panikattacken, die plötzlich auftreten. In meinem Fall äußert sich das durch Schwindelgefühl, Atemnot, Zittern, Genickschmerzen, meine Hände werden taub, mein Kopf wackelt und ich bekomme nichts mehr mit. Mein Kopf schaltet sich quasi aus und fängt gleichzeitig an zu "vibrieren". Es ist so, als würde ich zusammenbrechen. Nach diesen "Angstschüben" ist mein Körper so k.o., als hätte ich zwei Tage nicht geschlafen.“
Wann fing es bei dir an und wie lange hat es bis zu einer Diagnose gedauert?
Anja: „Es kam ganz plötzlich – von einem Tag auf den anderen. Als ich 14 Jahre alt war, bekam ich in den Semesterferien eine Grippe. Ich blieb nach den Ferien noch ein paar Tage zu Hause. Dann kamen die ersten Symptome. Die Schule löste bei mir auf einmal negative Gefühle aus: Mir wurde bei jedem Gedanken daran schlecht. Es gab zuvor aber nie Probleme in der Schule. Bald kamen die Übelkeit und das Schwindelgefühl auch in anderen Situationen zum Vorschein. Ich hatte immer mehr Angst mich in der Öffentlichkeit übergeben zu müssen oder ohnmächtig zu werden. Meine Mutter stand mir zum Glück immer bei und schlug vor, einen Therapeuten aufzusuchen. Bald darauf wurden bei mir Angststörungen diagnostiziert. Ich schloss trotzdem die Schule ab und arbeitete danach auch. 2015 eröffnete ich sogar ein eigenes Lokal, doch dann kamen die Panikattacken. Seit 2017 bin ich zu Hause. Ein normaler Alltag ist nicht mehr möglich.“
Inwiefern kann man eine Angststörung behandeln? Gibt es deiner Meinung nach genug Hilfsangebote?
Anja: „Ich kann nur von meinen persönlichen Erlebnissen sprechen: Es gibt schon viele Therapeuten, aber eine gute Therapie kostet oft viel Geld. Momentan bin ich nicht mehr in Therapie, weil ich es mir einerseits nicht leisten kann und andererseits nicht die Kraft habe, mich nach Alternativen umzusehen.“
Wie meisterst du nun deinen Alltag?
Anja: „Viele für andere Menschen alltägliche Dinge sind für mich nicht mehr möglich, wie etwa öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen, selbstständig Auto zu fahren, auswärts essen und so weiter. Mittlerweile stellt sogar Treppensteigen ein Problem dar. Ich bin auf Hilfe von vertrauten Personen angewiesen. Meine Mutter unterstützt mich sehr und ist bis heute für mich da. Auch meine Schwester, ihr Mann und ihre Kinder akzeptieren mich, wie ich bin und unterstützen mich immer. Ich habe auch ein paar gute Freunde, die immer für mich da sind. Einer normalen Arbeit kann ich nicht mehr nachgehen. Ohne Tabletten würde ich gar nicht mehr aus dem Haus kommen. Was ich gern mache, ist Fotografieren. Das ist wie eine Art Therapie für mich. Im Grunde möchte ich ja unter Leuten sein und gemeinsam eine Freude haben, aber mein Körper macht es einfach nicht lange mit. Viele verstehen nicht, warum ich zwischendurch fotografieren gehen kann, aber nicht arbeiten. Ich wäge es jedes Mal ab, ob ich hinausgehen kann, oder nicht. Außerdem brauche ich immer eine vertraute Begleitperson.“
Was fotografierst du am liebsten?
Anja: „Am liebsten fotografiere ich die Natur. Egal, ob Tiere, Blumen oder was man noch so entdecken kann. Ich fotografiere auch vereinzelt bei Veranstaltungen, aber das mache ich für mich als Therapie. Ich bin danach zwar k.o. und brauch mindestens einen Tag, bis ich mich wieder erholt habe, aber ich möchte den Ängsten nicht die komplette Macht über meinen Körper geben.“
Gibt es eine Situation, in der du dich wohlfühlst und entspannen kannst?
Anja: „Ja, Zuhause auf der Couch und Fernsehen. Oder wenn ich mal Ängste habe, brauche ich im ersten Moment meine Mama und meinen Hund. Dann bin ich entspannter.“
Hast du oft mit Vorurteilen zu kämpfen?
Anja: „Ja, schon. Ich finde, es wird noch viel zu wenig über das Thema geredet und aufgeklärt. Ein Beispiel, das mir gerade einfällt: Eine Person in meiner Verwandtschaft glaubt, ich würde nur simulieren und mich "wichtig machen" wollen.“
Wie kann man einer Person, die eine Panikattacke erleidet, am besten helfen und was sollte man lieber unterlassen? Was wünschst du dir in diesen Fällen?
Anja: „Das Wichtigste: keinen Stress machen und die helfende Person sollte so gut es geht ruhig bleiben. Wenn die Person mit der Panikattacke es möchte, hilft es ihre Hand zu halten. Das kann beruhigend sein. Je nachdem wo man gerade ist, hilft es gemeinsam nach draußen spazieren zu gehen. Und wenn die Person, der es gerade nicht gut geht, sagt: "Bitte gehen wir", einfach "OK" sagen und mitgehen – das ist sehr wichtig.“
Gibt es einen Mutmach-Tipp, den du anderen Betroffenen und Angehörigen mitgeben möchtest?
Anja: „Zuallererst: Es ist völlig ok, wenn es jemandem mal nicht so gut geht. Es ist auch ok, nicht immer zu "funktionieren" oder gut gelaunt zu sein. Man darf sich auch manchmal schlecht fühlen, solange es nicht zum Dauerzustand wird. Dann sollte man sich unbedingt jemanden anvertrauen und darüber sprechen. Dafür muss man sich auf keinen Fall schämen. Man sollte es nicht "herunterspielen" oder in sich "hineinfressen". Wenn die andere Person dein Anliegen nicht versteht oder verstehen möchte, nicht böse oder beleidigt sein. Akzeptiere es, dass nicht jeder damit umgehen kann, wende dich von dieser Person ab und versuche mit einer anderen Person zu sprechen. Echte Freunde akzeptieren dich so, wie du bist und helfen dir auch. Das gilt übrigens auch für Familienmitglieder.“
Wichtiger Hinweis
Im Fall von akuten psychischen Notfällen erreichen Sie den Psychiatrischen Not- und Krisendienst für Kärnten rund um die Uhr kostenlos und anonym:
- Für die Bezirke Klagenfurt, St. Veit/Glan, Völkermarkt, Feldkirchen und Wolfsberg: +43 664 3007007 (Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie, Klinikum Klagenfurt)
- Für die Bezirke Villach, Feldkirchen, Spittal/Drau und Hermagor: +43 664 3009003 (Abteilung für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin, Landeskrankenhaus Villach)
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