Katholische Kirche im Salzkammergut
Predigtgedanken von Franz Starlinger für den 15. März 2026
- Dechant Franz Starlinger.
- Foto: Pfarre Laakirchen
- hochgeladen von Kerstin Müller
Die Predigtgedanken für den 15. März (vierter Fastensonntag) stammen von Dechant Franz Starlinger von der Pfarre Laakirchen und beschäftigen sich mit 1 Sam 16,1b. 6-7. 10-13b | Ps 23,1-6 | Eph 5,8-14 | Joh 9,1-41.
SALZKAMMERGUT. Sehend werden: Er ist blind. Von Geburt an. Kein Licht, keine Farben, keine Gesichter. Nur Stimmen, Geräusche. Ein Leben hinter einem Schleier. Ein Dasein im Dunkel. Jesus sieht ihn. Nicht als Fall, nicht als Schuld, nicht als Problem, das man erklären müsste. Er sieht den Menschen. Die anderen sehen nur das Defizit. „Wer hat gesündigt – er oder seine Eltern?“
Wie schnell sind wir dabei, nach Ursachen zu suchen, statt Wege zu finden. Wie oft fragen wir: Warum passiert das? Und vergessen zu fragen: Wozu kann es gut sein, wozu gut werden?
Jesus dreht die Blickrichtung. Er sagt: „An ihm sollen die Werke Gottes offenbar werden.“ Nicht das Warum, sondern das Wozu. Nicht die Schuld, sondern die Möglichkeit.
Und dann diese unscheinbare, zärtliche Geste: Er spuckt auf die Erde, macht aus Staub und Speichel einen Brei und legt ihn dem Blinden auf die Augen. Göttliches und Menschliches vermischen sich. Da, wo das Leben brüchig ist, wo es staubig und unansehnlich wird – da wirkt Gott.
Der Mann geht, wäscht sich – und sieht. Zum ersten Mal: Licht, Formen, Gesichter. Zum ersten Mal erkennt er die Welt. Aber das Dunkel bleibt – nicht bei ihm, sondern bei den anderen.
Die andere Blindheit
Die Frommen, die Wissenden, die Sicheren werden unruhig. Weil das Wunder nicht in ihr Raster passt. Weil es zu lebendig, zu frei, zu göttlich ist. Sie sehen und bleiben doch blind. Blind vor Angst, blind vor Stolz, blind vor der Wahrheit, die ihnen zu nahekommt. Das ist die andere Blindheit. Die Blindheit des Herzens. Und sie betrifft nicht nur die anderen. Sie betrifft mich.
Auch ich kenne diese Blindheit, wenn ich in Menschen zuerst das Schwierige sehe, statt das Gute, das in ihnen angelegt ist. Wenn ich festhalte, an Bildern, Urteilen, Mustern und den Menschen dahinter nicht mehr erkenne.
Dieses Evangelium hält mir einen Spiegel vor: Es fragt mich: Wo hast du aufgehört, zu sehen? Wo hast du dich im Dunkel eingerichtet? Und – lässt du dich von Gott berühren? Denn genau das passiert hier: Jesus berührt. Nicht aus der Distanz, nicht mit frommen Formeln, sondern mit Erde, Speichel, Nähe. Er mischt Himmel und Staub – und damit auch in meinem Leben das Göttliche und das Menschliche. Er legt seine Hand auf das, was ich lieber verstecke, und sagt: Hier kann Neues wachsen.
Mich selbst neu sehen lernen
Es gibt Menschen, die das erlebt haben: Eine Frau, die nach schwerer Krankheit sagte: „Ich hätte das nie gewollt. Aber jetzt sehe ich das Leben anders – kostbarer, echter.“ Ein Mann, der nach dem Verlust seiner Arbeit sagte: „Ich dachte, alles ist vorbei. Aber ich habe mich wiedergefunden – als Mensch, nicht als Funktion.“ Eltern, die ihr Kind verloren haben und doch anderen Eltern Mut machen, weil sie wissen, wie Dunkelheit aussieht und was es heißt, darin Licht zu suchen. Solche Menschen sind sehend geworden. Nicht, weil das Leid verschwand, sondern weil sie darin Gott gefunden haben. Sie haben erfahren: Wenn Gott berührt, wird das Dunkel nicht einfach hell – es bekommt Tiefe.
Dietrich Bonhoeffer hat das im Gefängnis gespürt. In der Tiefe menschlicher Ohnmacht bringt er seine Überzeugung auf Papier, dass Gott selbst im Schwersten und Dunkelsten noch eine Spur des Guten legen kann – und will.
Das ist kein billiger Trost. Das ist Glaube, der die Nacht kennt, aber ihr das letzte Wort nimmt. Sehend werden heißt: die Spuren Gottes im Alltag wahrnehmen, das Gute nicht übersehen, weil das Schlechte lauter schreit. Zu glauben, dass Gott auch in meinen Brüchen, in meiner Angst, in meiner Schuld noch wirken kann.
Gott will, dass wir sehen – das Leben, das Licht, die Liebe. Dass wir uns anschauen lassen von seinem Blick, der uns aufrichtet. Und dass durch uns andere wieder sehen lernen – mit den Augen des Herzens. Denn wo ein Mensch so sieht, da fällt Licht ins Dunkel dieser Welt. Wesentliches wird erfahrbar.
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