Gemeinschaft im O-Dorf
Geht das Miteinander im Innsbrucker Olympischen Dorf verloren?
- Eine Fläche zum Spielen gäbe es, doch die Kinder und Anwohnenden bleiben aus. Das Angebot ist schlicht nicht als Aufenthaltsfläche gestaltet.
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Geht das Miteinander in großen Wohnanlagen in Innsbruck verloren? Immer wieder hört man von der steigenden Anonymität in unserer Gesellschaft, besonders im dicht besiedelten Olympischen Dorf zeigt sich diese Entwicklung. Ein Lokalaugenschein in der Schützenstraße macht deutlich, wie fehlende Spiel- und Aufenthaltsräume den Alltag vieler Familien prägen.
INNSBRUCK. Das Olympische Dorf war für viele Bewohnerinnen und Bewohner früher mehr als eine Ansammlung von Hochhäusern. Kinder spielten gemeinsam im Hof, Nachbarinnen und Nachbarn kannten einander, man traf sich im Alltag. Heute wird das Zusammenleben von vielen als deutlich anonymer erlebt. Genau dieses Thema hat die Alternative Liste Innsbruck (ALi) kürzlich im Gemeinderat aufgegriffen. MeinBezirk hat sich die Situation vor Ort angesehen und mit Bewohnerinnen und Bewohnern gesprochen.
„Es gibt keinen Ort zum Zusammenkommen“
Besonders deutlich zeigt sich die Problematik in der Schützenstraße 10. Vor dem Hochhaus liegt eine große Wiese, doch gespielt wird dort kaum. Bewohner Muahaz Mirza erzählt, dass in der Anlage rund 50 bis 65 Kinder leben. Die Grünfläche grenze jedoch direkt an einen Gehweg und Straßenbahngleise, ohne durch einen Zaun oder eine dichte Hecke geschützt zu sein. Vorhanden ist lediglich eine alte Rutsche und ein wenig gepflegter Sandkasten.
Ein Kindergarten im Innenbereich verfügt zwar über einen modernen Spielplatz, dieser dürfe aber nur von den Kindergartenkindern genutzt werden. Viele Familien müssten daher auf andere Spielplätze im Stadtteil ausweichen.
- Der Kindergarten mit eigenem Spielplatz, der auf die Wiese angrenzt.
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Die nächsten größeren Spielplätze liegen weit entfernt und seien häufig stark ausgelastet. Besonders der neu gestaltete DDr.-Alois-Lugger-Platz zieht viele Familien an. Von der Schützenstraße aus sei der Weg dorthin für Kinder jedoch fast einen Kilometer lang und da es sich beim Lugger-Platz um einen der wenigen ausgebauten Spielplätze handelt, ist es hier schnell überfüllt, der neue Platz hat eine Sogwirkung.
Neben zusätzlichen Spielgeräten wünschen sich mehrere Bewohnerinnen und Bewohner in der Schützenstraße vor allem einen einfachen Begegnungsort: einen Tisch mit Bänken oder Sitzgelegenheiten, an denen man sich treffen und austauschen könne.
ALi fordert mehr Gemeinwesenarbeit
Die Alternative Liste Innsbruck hat sich mit der Problematik im Zusammenhang der kindgerechten Stadtentwicklung beschäftigt und sieht in den Konfliktfeldern rund um die Hochhäuser im Olympischen Dorf eine dringende Handlungsanweisung für die Stadtregierung.
"Die bestehenden und teilweise seit Jahren überholten Begegnungsstrukturen im Olympischen Dorf zeigen deutlich, dass die derzeitigen Ressourcen nicht ausreichen. Gerade in den wachsenden Stadtteilen müsse sowohl aufsuchende Stadtteilarbeit etabliert, als auch niederschwellige Anlaufstellen an die veränderten Bedürfnisse angepasst werden. Aktuell werden die Mieter:innen im O-Dorf mit ihren Sorgen alleingelassen."
Konkret wurde von ALi im Gemeinderat ein Antrag eingebracht, die Spiel- und Aufenthaltsflächen bei IIG-Hochhäusern im Olympischen Dorf zu evaluieren und bei Bedarf kindgerecht neu zu gestalten. Dabei soll auch die bewährte Kinderbeteiligung bei der Spielplatzplanung berücksichtigt werden. Der Gemeinderat hat den Antrag am 16. Juli 2026 dem Stadtsenat zur selbstständigen Erledigung zugewiesen. Die FPÖ enthielt sich bei der Abstimmung, Gegenstimmen oder weitere Enthaltungen gab es nicht.
ALi betont, dass Kinder Bewegungs-, Begegnungs- und Erfahrungsräume brauchen und dass gerade in Straßennähe sichere Abgrenzungen notwendig seien. Als Vorbild nennt die Fraktion die Stadtteilentwicklung Neu-Arzl/O-Dorf. Ziel sei es außerdem, die Menschen stärker direkt in den Wohnanlagen anzusprechen und für gemeinschaftliche Aktivitäten zu gewinnen. Dafür brauche es jedoch zusätzliche personelle Ressourcen.
"Für ein funktionierendes Zusammenleben brauche es Menschen, die aktiv auf die Bewohner:innen zugehen, Beziehungen aufbauen, vermitteln und Unterstützung anbieten."
IIG: „Kein Bedarf für größere Umgestaltung“
Die Innsbrucker Immobiliengesellschaft (IIG) sieht die Situation der Schützenstraße anders. Die Grundstücke würden grundsätzlich nicht eingezäunt, um die Durchwegung zu ermöglichen. In der Schützenstraße seien bereits eine Hecke, zusätzliche Bäume sowie Absturzsicherungen ergänzt worden, außerdem sei die Rutsche versetzt worden, so das Argument.
- Es gibt keinen Zaun oder keine Hecke, die das Wohngebiet und damit auch die potenzielle Spielwiese abgrenzt, die IIG sieht dies anders.
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Die Spielgeräte würden jährlich überprüft. Eine Hausversammlung vor zwei Jahren habe keinen Bedarf für eine größere Neugestaltung ergeben. Laut IIG sei die Bewohnerstruktur überwiegend von älteren Menschen geprägt, Jungfamilien seien nur in geringem Ausmaß vertreten. Zusätzliche Aufenthaltsbereiche seien wegen der beengten Platzverhältnisse nur schwer umsetzbar. Grundsätzlich begrüße man aber die Mitwirkung der Bewohnerinnen und Bewohner und würde entsprechende Anliegen prüfen, wenn sie aus der Hausgemeinschaft eingebracht würden.
Stadtteiltreffs sehen gesamtgesellschaftliches Problem
Auch die Innsbrucker Stadtteiltreffs beschäftigen sich mit der Frage nach dem nachbarschaftlichen Zusammenleben. Die ISD Stadtteilarbeit betont jedoch auf MeinBezirk-Anfrage, dass Vereinsamung und Anonymität gesamtgesellschaftliche Phänomene seien und nicht allein mit dem Wohnumfeld zusammenhingen.
Im O-Dorf würden am häufigsten öffentliche Treffpunkte und Verkehrsthemen angesprochen. Der DDr.-Alois-Lugger-Platz habe sich nach seiner Neugestaltung zu einem attraktiven und entsprechend stark genutzten Ort entwickelt. Um auf die intensive Nutzung zu reagieren, seien die Angebote der Stadtteil- und Jugendarbeit im Sommer 2026 ausgeweitet worden.
Gleichzeitig verweist die ISD auf bestehende Nachbarschaftsfeste, Straßenfeste und andere Aktivitäten im öffentlichen Raum, die Begegnungen fördern sollen. Besonders ältere Menschen und Familien mit kleinen Kindern seien auf solche Treffpunkte angewiesen.
Ein Thema über die Schützenstraße hinaus
Die Diskussion um die vermeintlich verloren gegangene Gemeinschaft in Innsbruck betrifft nicht nur einen einzelnen Wohnblock. Viele Bewohnerinnen und Bewohner großer Wohnanlagen wünschen sich Orte, an denen man sich begegnen kann, ohne konsumieren zu müssen. Ob zusätzliche Spielgeräte, mehr Sitzgelegenheiten oder stärkere Gemeinwesenarbeit die richtige Antwort sind, wird weiter diskutiert werden. Klar ist jedoch, dass die Frage nach Gemeinschaft im dicht bebauten Innsbruck zunehmend an Bedeutung gewinnt.
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