Gedenken an inhaftierte Geistliche
Mut und Hingabe

In der Gedenkstätte Dachau wirken Menschen ganz klein. Wie eng es auf dem Appellplatz war, als zum Kriegsende 30.000 Menschen hier interniert waren, kann man sich kaum vorstellen.
9Bilder
  • In der Gedenkstätte Dachau wirken Menschen ganz klein. Wie eng es auf dem Appellplatz war, als zum Kriegsende 30.000 Menschen hier interniert waren, kann man sich kaum vorstellen.
  • Foto: Rüggeberg
  • hochgeladen von Charlotte Rüggeberg

DACHAU. "Arbeit macht frei" – eiserne Stäbe bilden den Schriftzug im Tor des ehemaligen Konzentrationslagers. Dahinter liegt eine riesige Kiesfläche. Rechts das flache, u-förmige Hauptgebäude, links zwei rekonstruierte Baracken. Der Platz erstreckt sich flach und leer unter dem Himmel, die Menschen in der Ferne sehen aus wie kleine, dunkle Striche vor dem hellen Boden.
Für die Häftlinge zwischen 1933 und 1945 war der Anblick völlig anders. Ursprünglich für 6.000 Menschen gebaut, fasste das Lager zum Kriegsende 30.000 Gefangene. Am Morgen und am Abend mussten sie mindestens eine Stunde auf dem Platz Appell stehen, ausgehungert, erschöpft und krank. „Um einen Eindruck vom Lager damals zu haben, müsste man sich das vorstellen können, 30.000 Leute auf diesem Platz“, meint Bernhard Stibernitz, der an der Gedenkfahrt der Diözese Innsbruck teilnimmt. Mitglieder der Friedensbewegung Pax Christi, der katholischen Frauenbewegung und MitarbeiterInnen der Diözese sind an diesem Samstagmorgen zur Gedenkstätte gefahren. 

Drei Tiroler Geistliche inhaftiert

Am Eingang erinnert der Tiroler Bischof Hermann Glettler an alle Opfer des Nationalsozialismus: "In erster Linie gedenken wir den getöteten Juden, den Roma und Sinti, den Homosexuellen, Zeugen Jehovas und behinderten Menschen", betonte er. Bei der Gedenkfahrt stehen jedoch drei Geistliche aus Tirol im Vordergrund, die in Dachau inhaftiert waren und deren Todestage sich nun jähren. Am 13. November vor 75 Jahren richteten die Nationalsozialisten Carl Lampert hin, den Provikar von Innsbruck-Feldkirch. Einen Monat später starb die Mötzer Ordensschwester Angela Autsch in Haft und am 30. Mai vor 80 Jahren wurde Otto Neururer, Pfarrer aus Götzens, zu Tode gefoltert.
Als sie in Dachau ankamen, mussten sie sich zunächst bei der Gestapo melden. Das Lager betratn sie durch ein Tor mit der Aufschrift „Arbeit macht frei“. Als Besucher folgt man diesem Weg und betritt den riesigen Appellplatz. Erneut melden mussten sich Häftlinge dann im „Schubraum“ des Hauptgebäudes. Dort sind Wertgegenstände der Häftlinge ausgestellt: Uhren, Pässe, Familienfotos. Alles mussten sie an die „Schutzstaffel“ abgeben, auch die Kleidung. Nackt wurden sie kahl rasiert, dann in Desinfektionslösung getaucht und geduscht und erhielten die gestreifte Lagerkleidung. Ein Hemd und eine Hose hängen im Ausstellungsraum, in einem offenen Schrank, als könnten sie jederzeit ausgeteilt werden.
Den grausamen Alltag im Lager bestimmten drakonische Strafen bei den geringsten Verstößen gegen die willkürlichen Regeln der SS. Das „Pfahlhängen“, das die Schultern zerstörte und häufig zum Ersticken führte, verbot der Kommandant gegen Kriegsende – weil die Häftlinge zum Arbeiten gebraucht wurden. Die Löcher in den Pfeilern, wo die Stangen angebracht waren, stechen dunkel aus den weiß getünchten Wänden hervor. Im Bunker waren Gefangene in Einzelhaft in völliger Dunkelheit, monatelang. 41.500 Menschen wurden im Lager ermordet, in den Selbstmord getrieben oder starben an den unmenschlichen Lebensbedingungen.

Seelsorge in "dieser Hölle"

Das Lager in Dachau bauten die Nationalsozialisten schon zu Beginn ihrer Diktatur 1933 für politische Gefangene, berichtet Schwester Elinor, die durch die Gedenkstätte führt. Etwa 2.700 meist katholische Pfarrer waren unter den Häftlingen, 57 von ihnen hat die Kirche zu Märtyrern erklärt und seliggesprochen. Den reichsdeutschen Pfarrern war es erlaubt – sogar befohlen – die Messe zu feiern. Andere Gefangene seelsorgerisch zu unterstützen, war ihnen jedoch unter Todesandrohung verboten. Sie taten es dennoch: Verteilten Hilfsgüter und Hostien, hörten sich die Nöte und Beichten der Mitgefangenen an und begleiteten sie im Sterben. „Bedachten wir die Tausende von Menschen, die ohne jegliche Seelsorge in eben dieser Hölle ausharren mussten, dann wussten wir einen triftigen Grund für unsere Verhaftung. Ja wir hätten uns eigentlich freiwillig ins KZ melden müssen“, schrieb später der Benediktiner Johann Heß. Ihr Glaube und ihr Zusammenhalt gaben den Pfarrern die Kraft, andere in ihrem Leid zu unterstützen.
Die Geschichte dieser Menschen ist wenig verbreitet. Im vergangenen Jahr haben ChristInnen aus der Umgebung daher den Verein „Selige Märtyrer von Dachau“ gegründet und erzählen in Kirchen und Schulen von den Geistlichen. Die Vorsitzende Monika Neudert sieht ihre Hingabe als Inspiration: „Was die Menschen in ihrer Extremsituation erlebt haben, ihr Glaube und ihre Nächstenliebe, können uns heute noch bewegen und ermutigen.“ Bischof Glettler nannte auch die Klarsichtigkeit und den Mut der NS-KritikerInnen als Vorbild und warnte vor falschen Versprechungen in der Gegenwart: „Viele sind anfällig geworden für Parolen, die aus einem gefährlichen Fremdenhass resultieren“, bedauerte er beim Gedenkgottesdienst. Hier gelte es auch heute, Acht zu geben. „Jeglicher Antijudaismus, jegliche Menschenfeindlichkeit muss im Keim erstickt werden.“ 
Auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers stehen heute ein Mahnmal, eine jüdische Gebetsstätte und drei Kirchen. Die Überlebenden haben sich dafür eingesetzt, um an das Leid und den Trost dort zu erinnern.

Autor:

Charlotte Rüggeberg aus Innsbruck

following

Du möchtest diesem Profil folgen?

Verpasse nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melde Dich an, um neuen Inhalten von Profilen und Bezirken in Deinem persönlichen Feed zu folgen.

Eine/r folgt diesem Profil

Regionaut werden!

Du willst eigene Beiträge veröffentlichen?
Werde Regionaut!

Regionaut werden!



Kommentare

online discussion

Du möchtest kommentieren?

Du möchtest zur Diskussion beitragen? Melde Dich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung einbetten

Abbrechen
add_content

Du möchtest selbst beitragen?

Melde Dich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.