13.10.2014, 14:01 Uhr

Geschichte als absurdes Spiel

Jede für sich ein Traum: Ulrike Lasta, Petra-Alexandra Pippan, Janine Wegener (als Erzherzog Franz Ferdinand), Ivana Nikolic (als Gavrilo Princip), Eleonore Bürcher, Antje Weiser (als Sopie), Sara Nunius (als Nedjelko Cabrinovic). (Foto: Tiroler Landestheater)
Innsbruck: Tiroler Landestheater - Kammerspiele |

Das Franzobel-Stück „Sarajevo 14 oder der Urknall in Europa“ feierte seine umjubelte Uraufführung.

„Geschichte ist wie Musik, die immer neu interpretiert werden muss“, schreibt Franzobel im Programmheft zu seinem Auftragswerk „Sarajevo 14 oder der Urknall in Europa“, das vergangenen Samstag in Anwesenheit des Autors in den Kammerspielen seine bejubelte Uraufführung erlebte. Der ebenso gefeierte wie streitbare Autor hat sich für seine Interpretation des Sarajevo-Attentates als Quasi-Auslöser für alle Folgekatastrophen des 20. Jahrhunderts für ein Spiel im Spiel entschieden, welches er sieben Frauen nachstellen lässt. Die zu Beginn einheitlich in weißen Bermudas, Waffelmusterjäckchen, Kniestrümpfen und Stirnbändern gekleideten Frauen (Kostüme: Vazul Matusz) erscheinen dabei zunächst als Wäscherinnen einer imaginären Gefängnisanstalt, die möglicherweise für den Irrsinn der Geschichte steht, aus der sie sich dann spielend zu befreien versuchen.

Es waren ja auch die Frauen, die wenig später das Blut wegwischten, die Trümmer verräumten. Die Welt, das zeigt sich gerade in der absurden Zufallskonstellation dieses Attentats auf das ungeliebte Thronfolgerpaar, war offenbar bereit für den Urknall, den Gavrilo Princip nach einem gescheiterten Versuch schließlich fast beiläufig ausführen konnte. Das Habsburgerreich hatte sich zudem längst überholt und überlebt. Das manifestiert sich nicht nur in den Gesichtern und Reden der jugendlichen Attentäter, die sich ja eigentlich für „klasse Burschen“ halten, sondern auch im grandios geführten Schlagabtausch der beiden Dienstmädchen der Herzogin, wo alte und neue Werte aufeinanderprallen. Fabian Kametz hat bei der Umsetzung dieses eigentümlich entspannten und gleichzeitig ungemein gewitzten Text Franzobels jedenfalls ganze Arbeit geleistet. Der knapp zweistündige Theaterabend ist intensiv, nuancenreich und vergeht im Flug, nicht zuletzt dank der unglaublichen Präsenz, Spielfreude, und Wandlungsfähigkeit seiner sieben Darstellerinnen. Die zahlreichen Bravorufe für dieses Dream-Team vor und hinter der Bühne waren daher mehr als berechtigt.
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