15. Mai 2015: 60 Jahre Staatsvertrag – bis heute Österreichs größte Geschichtslücke

Foto: Prof. Dr. Norbert Hölzl, Ministerin Gabriele Heinisch-Hosek und Verleger Martin Reiter.
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Nicht Wodkakonsum sondern Brasilien brachte das begehrte Dokument

Deutschland war 1955 fassungslos, denn Wien war im Gegensatz zu Berlin plötzlich eine Stadt ohne Besatzungszonen. Der pfiffige deutsche Karikaturist H.E. Köhler lieferte die Begründung. Und bis heute glaubt Österreich an die kuriose Zeichnung mit dem Titel "Weaner Charme in Moskau": Außenminister Figl übertrifft in Moskau die Russen beim Wodkakonsum und Kanzler Raab macht sie "weich" mit Wienerliedern.
Bundeskanzler Kreiskys spätere Korrektur "Der Staatsvertrag wurde nicht ersoffen und es wurde auch nicht hart verhandelt. Wir fanden günstige Umstände vor" interessierte niemand. Das Wodka-Märchen ist viel lustiger als der nüchterne Kreisky. Und so feiern Schwarze und Rote ihren einzigen außenpolitischen "Sieg", der weltweit Beachtung fand.
Nun liegt ein Buch vor über die weltpolitischen Hintergründe für den nur scheinbar freiwilligen Rückzug der Sowjetunion: "Weltpolitik einer Österreicherin. Von der Unabhängigkeit Brasiliens bis zum Abzug der Sowjets aus Wien", verfasst von dem mehrfach ausgezeichneten ehemaligen ORF-Journalisten Prof. Dr. Norbert Hölzl. Abgedruckt sind hier die einzigen TV-Interviews mit den beiden Kronzeugen, Ex-Außenminister Karl Gruber und Otto Heller. Heller war als jüdischer Sozialist 1934 aus Wien geflüchtet. Er war jahrzehntelang Österreichs Honorar-Generalkonsul in Sao Paulo. Er lieferte die entscheidenden Hinweise für weitere Forschungen: 1952 lud Präsident Getulio Vargas den historisch völlig unbedarften Außenminister Gruber nach Rio de Janeiro ein und verblüffte mit der Feststellung: "Eure Kaisertochter Leopoldina hat so viel für unsere Unabhängigkeit getan, dass wir geradezu moralisch verpflichtet sind, auch einmal etwas für Österreich zu tun".

Brasilien erzwang Staatsvertrags-Debatte

Gegen den Protest von Sowjetunion und Tschechoslowakei erzwang Brasilien eine viertägige Staatsvertrags-Debatte vor der UNO-Vollversammlung und bescherte Österreich seinen größten Triumph vor der UNO, nämlich 48:0 Stimmen für einen raschen Abzug der Besatzungstruppen. Alle 21 lateinamerikanischen Staaten, die sog. Blockfreien, attackierten die UdSSR. Dem schlossen sich Indien an, der Libanon und aus dem westlichen Bündnis die Niederlande.
Die Regierung in Wien jubelte und nannte es die "Aktion Brasilien". 1953/54 erkannte Rio, dass auch die USA am Staatsvertrag wenig interessiert waren und appellierte an die Zusagen der Westmächte. 1954 bedankte sich Wien bei Brasilien mit einer Großausstellung inklusive großer Reden, etwa Unterrichtsminister Ernst Kolb: "Brasilien hat über Meere und Grenzen hinweg sich als Freund unseres hart kämpfenden Landes bewährt". Im Sinne des "brüderlichen Weltbürgertums" werde Österreich das niemals vergessen.

Österreich zahlte für den Abzug der Sowjets 150 Millionen Dollar

Wenige Monate später hatte Österreich den Staatsvertrag und vergaß alles, den Dank ebenso wie das "Weltbürgertum". Für den Abzug der Sowjets bezahlte Österreich 150 Millionen US-Dollars, die es eigentlich gar nicht hatte, und lieferte 1 Million Tonnen Rohöl. Der bestens informierte Außenminister Gruber war aus innerparteilichen Gründen gestürzt worden und Österreichs Politiker zahlten ohne Kenntnis der internationalen Zusammenhänge. Das war die teuerste Geschichtslücke Österreichs. Man weiß in Österreich bis heute nicht, dass die bei uns vergessene Kaisertochter Leopoldina aus Wien, die 1. Kaiserin von Brasilien, 1954 in Sao Paulo unter dem größten Unabhängigkeitsdenkmal Südamerikas beigesetzt und als Vorbild der brasilianischen Mütter in allen Schulen propagiert wurde. Ihr war es gelungen, Brasilien, die größte Kolonie der Welt ohne einen Schuss in die Unabhängigkeit zu führen, etwas in der Geschichte Einzigartiges. 130 Jahre später, ab 1952 bedankte sich Brasilien dafür ohne darum gebeten worden zu sein, wieder einzigartig in der Geschichte.
Das Buch von Norbert Hölzl schildert erstmals die Einbahnstraße der einstigen Sympathien zwischen Brasilien und Österreich und den heute kaum vorstellbaren politischen und wirtschaftliche Einfluss der Siegermacht Brasilien nach 1945. Dazu Gruber: "Das war das Einzige, was auf die Sowjets Eindruck machte". Schließlich träumte Moskau damals von einem roten Südamerika und nicht nur von einer kleinen roten Zuckerinsel. In Südamerika mussten sich die Sowjets als Befreier präsentieren und nicht als "imperialistische" Besatzer eines kleinen Landes, dem schon 1943 in Moskau die Unabhängigkeit garantiert worden war. Daher brauchte die Sowjetunion den Staatsvertrag mindestens so dringend wie Österreich.

700.000 Deutsche und Novo Hamburg

Heute kommt Austria in den brasilianischen Medien so gut wie nicht vor, während Alemanha bewundert und manchmal verklärt wird. Unter Kaiserin Leopoldina und ihrem Sohn Pedro II. - dieser wirtschaftlich erfolgreichste Politiker Südamerikas regierte 50 Jahre - kamen über 700.000 Deutsche von Pommern bis zum Hunsrück nach Südbrasilien. Vorher stand das Land nur Portugiesen offen. Alle Politiker, die vor 1955 Österreich unterstützten, stammten aus dem deutsch geprägten südlichsten Bundesstaat Rio Grande do Sul, wo bis heute der Tag der ersten deutschen Einwanderung am 25. Juli 1824 gefeiert wird. Geplant war ein Neu-Wien, aber es wurde Novo Hamburgo, da Wien eine österreichische Auswanderung blockierte.
Das Verhältnis zwischen Wien und Rio wurde besonders miserabel unter Kaiser Franz Joseph. In Paris rühmte Victor Hugo den Kaiser von Brasilien als "2. Marc Aurel". Wien nannte Pedro II. "Kaiser eines wilden Affenlandes". Der Affenland-Kaiser fand die Militärbegeisterung seines Vetters in Wien abstoßend. Der "Gottesgnaden-Kaiser" verachtete das bürgerliche Auftreten seines Cousins. Österreich durfte nie erfahren, dass ein Cousin von Franz Joseph in der Neuen Welt international unvergleichlich angesehener war als der Kaiser in Wien. Und auch heute kann Österreich hinter seiner Freiheit von 1955 nicht eine politisch geniale Frau sehen. Hatten doch Außenminister Figl und Kanzler Raab versichert, alles sei "mit der Hilfe des Herrgotts" geschehen, um 1956 bei den vorgezogenen Neuwahlen ihre eigenen Meriten hervorzustreichen. Die Große Koalition von damals war noch viel zerstrittener als heute. Für "Weltbürgertum" war da kein Platz.
Die Zusammenhänge zwischen Brasilien, Österreich und Deutschland sind nur ansatzweise erforscht. Das erste wissenschaftliche Buch über die Kaiserin Leopoldina erschien auf Deutsch erst 1988: Carlos H. Oberacker "Die Lebensgeschichte der Tochter von Kaiser Franz I., der Brasilien seine nationale Existenz verdankt", Amalthea Wien. Die einzige TV-Dokumentation über Österreich-Brasilien-Deutschland von Norbert Hölzl folgte 1993 auf 3sat, wobei die brasilianische Fassung mehr beachtet wurde als die deutsche. So findet man heute über die Kaiserin und die von ihr initiierte deutsche Einwanderung, die die Wirtschaft des Landes noch immer prägt, manches im Internet, aber nichts im öffentlichen Bewusstsein.

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