08.03.2017, 22:15 Uhr

Iran: Im Namen Gottes

Blick aus dem Hotel im 26. Stock – das Gebirge grenzt an die iranische Hauptstadt Teheran. (Foto: fotowild)

Der Oberbank-Wirtschaftsdelegation unter Leitung von Generaldirektor Franz Gasselsberger und Begleitung von Landeshauptmann Josef Pühringer sowie WKOÖ-Vizepräsidentin Doris Hummer bot sich bei einer Reise in die iranische Hauptstadt Teheran ein zwiespältiges Bild.

TEHERAN. „Im Namen Gottes.“ So leiten Minister und viele Unternehmer Ansprachen in der Islamischen Republik Iran ein. Gleichzeitig darf der Muezzin in Teheran morgens nicht zum Gebet rufen – weil er sonst wegen Ruhestörung verklagt wird. Auf den Straßen Teherans zeigen sich so gut wie gar keine vollverschleierten Frauen. Viele sind stark geschminkt und speziell junge Frauen bedecken ihr Haar nur noch teilweise mit dem Kopftuch, nehmen es in privater Atmosphäre auch ganz ab. iPhones sind verboten, aber jeder zweite Iraner hält eines an sein Ohr. Das Bild des streng religiösen und anti-westlichen Iran in den Köpfen so mancher Teilnehmer der von Oberbank-Generaldirektor Franz Gasselsberger geleiteten Wirtschaftsreise nach Teheran hat sich in den vier Tagen Aufenthalt relativiert. Genauso wie die Meinung über die oberösterreichische Verkehrsplanung rund um Eisenbahnbrücke & Co. Denn wer in der iranischen Hauptstadt unterwegs ist, braucht vor allem eines: Zeit – sehr, sehr, sehr viel Zeit. Es gibt kaum öffentliche Verkehrsmittel. Und auf den für 400.000 Fahrzeuge ausgelegten Straßen sind täglich sechs Millionen Fahrzeuge unterwegs.

Iraner im Angriffsmodus

Dazu kommt, dass die Iraner hinter dem Steuer im Angriffsmodus unterwegs sind, sich in Lücken zwängen, die nur halb so breit wie ihr Auto erscheinen und mit dem Moped auch gerne auf die vorgegebene Fahrtrichtung pfeifen oder den Gehsteig zur Fahrspur machen. Gleichzeitig zeigen Fußgänger beim seelenruhigen Überqueren mehrspuriger Hauptstraßen jenes Gottvertrauen, das anscheinend zur Grundausstattung der Iran gehört: „Im Namen Gottes“. Woran es dagegen fehlt: Fahrzeuge und Treibstoffe, die moderne Umweltnormen erfüllen – weshalb an rund zehn Tagen im Jahr die Schulen aufgrund des Smogs geschlossen bleiben. Ein Tag in Teheran, wo tagsüber rund 16 Millionen Menschen leben und arbeiten, „entspricht angeblich zehn gerauchten Zigaretten“, erzählt die aus Wartberg an der Krems stammende stellvertretende Wirtschaftskammer-Handelsdelegierte im Iran, Johanna Breinesberger.


Iran: Rennpferd der Region

Ihr Chef, Handelsdelegierter Georg Weingartner, sieht den Iran als „das Rennpferd in der Region, das durch die Sanktionen zurückgehalten wird“, denn: Im Gegensatz zu den meisten Ländern rundum könne der knapp 80 Millionen Einwohner zählende Iran mit einer jungen, hervorragend ausgebildeten Bevölkerung punkten. Das zeigt sich etwa an erfolgreichen Start-up-Unternehmen – Beispiel: Die iranische Alternative zu Amazon wird derzeit mit 300 Millionen Dollar bewertet. Dazu kommen große Gas- und Ölvorkommen und eine starke, wenn auch veraltete Industrie – sowie eine im Vergleich zu den Ländern rundum gute Sicherheitslagen.

Keine Angst vor Anschlägen

Grund: Das Land wird von Schiiten dominiert. Sie stehen im Islam den Sunniten gegenüber, deren extremste Form, die Wahabiten, als Ursprung der Terrororganisation IS gilt. Terroranschläge sind deshalb im Iran, der rund viereinhalb Mal so groß ist wie Deutschland, kein Thema – zumindest nicht in und rund um Teheran. Im Stadtgebiet, eineinhalb Mal so groß wie Oberösterreich, gibt es im Sommer Temperaturunterschiede von bis zu zehn Grad zwischen dem auf 1100 Meter gelegenen südlichen Teil und dem nördlichen auf 1800 Metern. Noch etwas höher, 20 Kilometer von Teheran entfernt und scheinbar mitten in der Wüste, hat die Regierung einen riesigen Technologiepark anlegen lassen. Bereits 200 Unternehmen mit rund 3000 Mitarbeitern forschen dort und entwickeln etwa Medikamente gegen Brustkrebs, die bis in die USA exportiert werden.
Den Import von Arzneien und Nahrungsmitteln in den Iran hat die Oberbank auch während der Sanktionen gegen das Land abgewickelt, berichtet Generaldirektor Gasselsberger – was sich nun bezahlt macht: „Wir halten Kontakte mit 18 wichtigen iranischen Partnerbanken und haben mit zwölf Kontoverbindungen. Wir wissen, wie wir mit den Sanktionsbedingungen umgehen müssen, was erlaubt ist und was verboten. Und wir genießen, dass wir hier als Oberbank einen gewissen Bekanntheitsgrad haben.“


Iran: Österreicher sind „Freunde“

Die Österreicher werden im Iran als „Freunde in schwierigen Zeiten“ gesehen, wie es der Präsident der Kammer für Handel, Wirtschaft und Bergbau, Gholamreza Shafei, formuliert. Das werde sich jetzt auch nach den Sanktionen auswirken. Zuletzt wurden Waren und Dienstleistungen im Wert von 300 Milionen Euro zwischen dem Iran und Österreich ex- und importiert. Wegen dem durch die Sanktionen ausgefallenen Ölhandel exportierte Österreich allerdings zwölfmal so viel in den Iran als es importierte. Das möchte der iranische Vizeminister für Bergbau, Handel und Industrie, Mojtaba Khosrowtaj, naturgemäß ändern: „Im Namen Gottes“ zählte er den Vertretern der 25 Unternehmen, die Teil der Oberbank-Wirtschaftsdelegation waren, auf, in welchen Bereichen ausländische Investitionen gewünscht sind: Automobil-, Textil- und Verpackungsindustrie, Automation, Banktechnologie, Industrialisieren der Landwirtschaft oder auch die Entwicklung des Bahnverkehrs. Nicht die einzigen Möglichkeiten, die Oberbank-Generaldirektor Gasselsberger in der „zweitgrößten Volkswirtschaft im Nahen Osten“ sieht. Das niedrige Durchschnittsalter, die hohe Technologie-Affinität und die geographische Nähe machen den Iran laut Gasselsberger zu einem der „großen Wachstumsmärkte der Zukunft für österreichische Unternehmen“, der zudem mit hoher Rechtssicherheit punkte. 500 österreichische Unternehmen sind laut Landeshauptmann Josef Pühringer im Iran tätig – „ein Viertel davon oberösterreichische. Umgekehrt leben und arbeiten rund 30.000 Iraner in Österreich – ein Drittel davon in Oberösterreich. Und die 2000 iranischen Ärzte in Österreich sind uns eine besondere Hilfe beim Aufrechterhalten des Gesundheitswesens.“ Außerdem gebe es im Kulturbereich einen intensiven Austausch, speziell bei digitaler Kunst.

Unternehmen zögern bei Markteintritt

Trotz der vielfältigen Bande, dem seit 500 Jahren währenden Austausch zwischen dem Iran und Österreich sowie der Chancen durch einen frühen Markteinstieg zögern viele Firmen mit einem Engagement im Iran. Und sie reden eher ungern über bereits laufende Geschäfte. Der Grund: Die USA – besser gesagt die Politik des neuen Präsidenten Donald Trump. Er hat der Entspannung der Beziehungen zwischen den USA und dem Iran unter seinem Vorgänger Barack Obama ein Ende gesetzt – obwohl es laut dem iranischen Wirtschafts- & Politikexperten Cyruz Razzaghi nur eines gibt, was zwischen den USA und dem Iran steht: Die Anerkennung Israels – jenes Landes, zu dessen „Löschung von der Landkarte“ iranische Politiker aber nicht nur einmal aufgerufen haben. Das ist auch auf einem der vielen großen offiziellen Bilder auf Häusern in Teheran zu lesen – natürlich: „Im Namen Gottes“.


Weitere Berichte zur Reise der Oberbank-Wirtschaftsdelegation in die iranische Hauptstadt Teheran:
Johanna Breinesberger aus Wartberg an der Krems ist stellvertretende Wirtschaftskammer-Handelsdelegierte in Teheran

"Made in Austria" hat guten Ruf im Iran
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Robert Zinterhof aus Perg | 09.03.2017 | 23:39   Melden
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