30.09.2016, 11:30 Uhr

15 von 30 Notquartieren in Wien wieder geschlossen

In vielen Notquartieren, wie hier im Geriatriezentrum Wienerwald, werden Deutschkurse angeboten. (Foto: Projekt IGOR)

Immer mehr Asylwerber in der Grundversorgung werden privat untergebracht.

WIEN. 20.700 Flüchtlinge befinden sich derzeit in Wien in der Grundversorgung. 63 Prozent von ihnen wohnen privat, das andere Drittel, also 7.660 Personen, wohnen in von Organisationen wie Samariterbund oder Caritas verwalteten Unterkünften.

Das sind weit weniger als vergangenen Herbst, als abgesehen von Asylwerbern in der Grundversorgung auch täglich Hunderte Flüchtlinge auf der Durchreise in Wien untergebracht wurden. Damals war es notwendig, zusätzlich zu den regulären Quartieren bis zu 5.000 Schlafplätze bereitszustellen. Zu den ersten, großen Notquartieren gesellten sich im Laufe der Monate weitere adaptierte Gebäude. Insgesamt, so ein Sprecher des Fonds Soziales Wien, gab es 30 Notquartiere in Wien.

Großquartiere vor dem Aus

Nun können die Großquartiere, die mehrere Hundert Personen beherbergt haben, langsam aufgegeben werden. Das heißt zwar nicht, das sich weniger Personen in Grundversorgung befinden, denn die Zahl war zu Jahresbeginn etwa gleich hoch - aber, dass sich andere Quartiere finden. "Es ist im Grunde ein Nullsummenspiel", sagt Corinna Dietrich, Sprecherin des Samariterbunds. Immer mehr Menschen finden auch eine private Unterkunft.

Vor allem gegen diese "Massenquartiere" hat es in der Vergangenheit immer wieder Proteste aus der Politik und auch der Bevölkerung gegeben. Besonders erhitzt hat sich die Diskussion rund um die Eröffnung des Notquartiers in der Ziedlergasse, in das ursprünglich 1.000 Menschen einziehen sollten. Damals wurde gegen die Unterkunft demonstiert und vom Bezirksvorsteher abwärts haben sich viele Lokalpolitiker gegen Großquartiere ausgesprochen. Im vom Arbeitersamariterbund und Johannitern betriebenen Haus Ziedlergasse leben heute noch etwa 320 Menschen, mehr als 370 waren es auch zu Spitzenzeiten nie. Einen Großteil der Aufregung im Vorfeld hätte man sich hier wohl getrost sparen können. Das Zusammenleben mit den Nachbarn funktioniert, so Dietrich, mittlerweile gut, "es gibt nur noch vereinzelte Beschwerden."

Vom Samariterbund aufgegeben wurde bereits das Dusika-Stadion, das größte der Notquartiere. Ebenfalls geschlossen sind das große Quartier in der Vorderen Zollamtstraße in Erdberg und jenes in der Floridsdorfer Grellgasse. Trotzdem gibt es noch mehrere Einrichtungen des Samariterbunds, in denen mehrere hundert Menschen wohnen: das Geriatriezentrum am Wienerwald, das Hotel Favorita und zwei Pavillons im Otto-Wagner-Spital etwa. Insgesamt haben in Wien noch 15 Notquartiere geöffnet.

Mit Ende Oktober wird ein anderes bekanntes Flüchtlingsquartier geschlossen: Das ehemalige Kurierhaus in der Neubauer Lindengasse. "Es leben derzeit nur noch etwa 90 Menschen hier", sagt Alexander Tröblinger vom Roten Kreuz, das die Unterkunft verwaltet. Diese werden im Laufe des nächsten Monats auf andere Unterkünfte aufgeteilt, das Haus wieder an den Eigentümer übergeben. Ebenfalls geschlossen wird die Unterkunft des Roten Kreuzes in der Primavesigasse. "Wir sind bestrebt, die großen Unterkünfte zu schließen und unsere kleinen offen zu halten", sagt Tröbinger.

Herausforderungen verschieben sich

Die Zahl der Personen in der Wiener Grundversorgung ist seit Jahresbeginn leicht angestiegen: Damals waren es rund 19.000 Personen, der Höchststand wurde im März 2016 mit 21.700 erreicht. Das sind zwar bedeutend mehr als die etwas unter 12.000 Personen, die es vor dem starken Anstieg im Herbst 2015 waren - aber jene 35.000 Menschen, mit denen die Stadt damals laut Medienberichten gerechnet hatte, wurden nie erreicht.

Weil immer mehr Menschen privat untergebracht sind, gibt es nun, so bestätigt der Fond Soziales Wien, ausreichend Platz in den Grundversorgungseinrichtungen der Stadt. Die Herausforderungen liegen nun woanders - bei Deutschkenntnissen, Integration und Arbeitsplätzen. Neue Initiativen in diesen Bereichen werden bereits gesetzt: Deutschkurse bekommen in der Regel nur anerkannte Flüchtlinge zugesprochen. Weil viele Asylwerber aber bereits Deutsch lernen möchten, werden über die Wiener Grundversorgung und deren Partnerorganisationen werden derzeit Kurse für rund 2.000 Asylwerber angeboten. Das Angebot soll in den nächsten Monaten weiter ausgebaut werden. Mit dem Jugendcollege wurden Anfang September 1.000 Ausbildungsplätze für unter anderem jugendliche Asylwerber und anerkannte Flüchtlinge geschaffen.

Zur Sache:

Personen in der Grundversorgung haben Anspruch auf Wohnung und Verpflegung. Das Verpflegungsgeld für einen Erwachsenen beträgt 200 Euro monatlich, für Kinder 90 Euro monatlich. Der Mietzuschuss beträgt für eine Einzelperson 120 Euro, für eine Familie 240 Euro. Wohnen Asylwerber in einer organisierten Unterkunft und ist die Versorgung mit Essen gegeben, bekommen sie 40 Euro monatlich.

Die meisten Flüchtlnge in der Grundversorgung befinden sich im laufenden Asylverfahren, das heißt sie warten auf die Entscheidung, ob sie bleiben dürfen oder nicht. In Wien sind das etwa 12.000, also 60 Prozent. Die restlichen 40 Prozent entfallen auf Menschen mit positivem Asylbescheid (der Anspruch bleibt vier Monate aufrecht), auf Menschen deren Antrag noch nicht in Bearbeitung oder auf jene mit einem rechtskräftig negativem Bescheid.

Hintergrund:

Bericht: Ein Jahr Notquartier "Kurierhaus" - Bilanz und Abschied
Bericht: Flüchtlinge: Bezirke fürchten Massenherbergen
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