Gedanken zur Corona-Krise
Nationalbibliothek-Chefin: Und plötzlich steht alles still
- Johanna Maria Rachinger, Nationalbibliotheks-Generaldirektorin seit 2001 und gebürtig aus dem Bezirk Rohrbach: "Die 'neue Normalität' nach der Krise könnte aber auch Raum geben für ein sanftes Umdenken, von dem wir im Grunde alle wissen, dass es dringend notwendig ist."
- Foto: Sabine Hauswirth/Österreichische Nationalbibliothek
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Das Ausbreiten des Corona-Virus und der Kampf dagegen haben weltweit dazu geführt, dass für das öffentliche Leben die Pause-Taste gedrückt wurde. Die damit verbundene Vollbremsung der Wirtschaft wird nicht nur gravierende ökonomische sondern auch gesellschaftliche Folgen nach sich ziehen – immer wieder ist von einer "neuen Normalität" nach Corona die Rede. Die BezirksRundschau hat deshalb Oberösterreicherinnen und Oberösterreicher gebeten, ihre Gedanken zur Corona-Krise und dem Leben danach öffentlich zu teilen. Der folgende Text stammt von Johanna Maria Rachinger, seit 2001 Generaldirektorin der Nationalbibliothek und seit 2018 Mitglied des Universitätsrates der Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung Linz. Rachinger ist gebürtige Putzleinsdorferin (Bezirk Rohrbach):
Und plötzlich steht alles still
Mit der gegenwärtigen Corona-Krise erleben wir Einschränkungen und Eingriffe in unseren Lebensalltag und unsere persönliche Freiheit, wie sie die meisten von uns wohl noch nie erfahren haben, und wie es sie seit dem Zweiten Weltkrieg in unserem Land nicht gegeben hat. Die gesundheitspolitischen Verordnungen der Bundesregierung haben das gesamte öffentliche Leben zum Stillstand gebracht – eine notwendige Vorsichtsmaßnahme, um noch schlimmere Folgen zu verhindern.
Wieweit diese Krisensituation neben allen offenkundigen negativen Auswirkungen auch heilsam wirken könnte, was wir aus ihr eventuell lernen könnten, darüber wurde in den letzten Tagen in den Medien viel spekuliert.
Chance auf etwas abgeklärtere Sicht auf unser Leben
Die Corona-Krise zwingt uns jedenfalls, alle einmal inne zu halten in unseren alltäglichen Routinen und Gewohnheiten und gibt uns damit die Chance, eine etwas abgeklärtere Sicht auf unser Leben, unsere Prioritäten und Wertmaßstäbe zu gewinnen. Wir lernen Dinge wieder mehr zu schätzen, die uns ganz selbstverständlich geworden sind, etwa unsere unbegrenzte Mobilität, die Möglichkeit Freunde und Verwandte zu treffen, wann immer wir es wollen und Vieles mehr. Wir erkennen im besten Fall ein bisschen besser, was uns wirklich wichtig ist im Leben und was verzichtbarer Luxus.
Wir erkennen den hohen Wert des gut organisierten Gesundheitssystems, das es in unserem Land gibt, und nicht zuletzt auch den einer politischen Führung, die in der Krise mit Augenmaß, sachorientierter Vernunft und Besonnenheit agiert. Noch stärker bewusst geworden ist uns in der erzwungenen Isolierung vielleicht auch die enorme Bedeutung von Internet und digitalen Medien. Durch die notwendige Schließung sämtlicher öffentlicher Benützungsbereiche hat etwa auch das breite Angebot an Online-Services der Österreichischen Nationalbibliothek in den letzten Wochen eine noch größere Bedeutung erlangt: Ein großen Teil unserer Bücher und anderer Medien kann bereits von zu Hause aus online genutzt werden.
Vollbremsung wäre Gelegenheit für eine langsamen Richtungswechsel
Die Corona-Krise stellt neben der direkten gesundheitlichen Bedrohung viele Menschen vor extreme wirtschaftliche Probleme, indem sie Arbeitsplätze gefährdet und die Existenz ganzer Unternehmen bedroht. Es ist daher verständlich, dass viele nach Beseitigung der schlimmsten gesundheitlichen Bedrohungen möglichst rasch zur „alten Normalität“ vor der Krise zurück wollen.
Die „neue Normalität“ nach der Krise könnte aber auch Raum geben für ein sanftes Umdenken, von dem wir im Grunde alle wissen, dass es dringend notwendig ist.
Sie könnte Anstoß sein, einen Weg zu suchen zu etwas bescheideneren Ansprüchen dafür aber mehr Nachhaltigkeit, zu weniger Ausbeutung der Natur, weniger Verschwendung und dafür zu einer gerechteren Verteilung unserer begrenzten Ressourcen. Die Vollbremsung praktisch aller Lebensbereiche, die wir gerade erleben, gäbe uns die Gelegenheit, einen langsamen Richtungswechsel vorzunehmen, der bei vollem Tempo sehr gefährlich wäre. Es liegt an uns diese Möglichkeit zu nutzen.
Ich bin allerdings wenig zuversichtlich in diesem Punkt. Es scheint, dass die meisten die Corona-Krise möglichst rasch hinter sich lassen und vergessen wollen, um in allem genau so weiterzumachen, wie bisher. Damit wäre eine wertvolle Chance vertan.
Johanna Maria Rachinger
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