Raiffeisen OÖ
Schaller: Banken müssen schlanker werden, aber wir bleiben vor Ort

Heinrich Schaller, Generaldirektor der Raiffeisenlandesbank OÖ, feiert am 11. November seinen 60. Geburtstag.
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  • Heinrich Schaller, Generaldirektor der Raiffeisenlandesbank OÖ, feiert am 11. November seinen 60. Geburtstag.
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  • hochgeladen von Thomas Winkler, Mag.

Am 11. November feiert Raiffeisenlandesbank OÖ-Generaldirektor Heinrich Schaller seinen 60er. Im Geburtstags-Interview mit der BezirksRundschau blickt er vor allem in die Zukunft des Bankgeschäfts und auf die Herausforderungen und Möglichkeiten, die die Digitalisierung mit sich bringt.

Das Wirtschaftswachstum geht zurück, wie stark ist das bei Raiffeisen OÖ und Ihren Kunden schon spürbar?
Unsere Kunden sagen uns immer noch, dass es ihnen gut geht. Sie werden vorsichtiger, das Geschäft geht leicht zurück. Dementsprechend nimmt auch die Nachfrage nach Investitionskrediten ab. Aber es ist aus unserer Sicht derzeit nicht dramatisch. Ob wir uns jetzt schon einpendeln oder das Wachstum noch ein kleines Stück weiter zurückgeht, traue ich mir jetzt nicht zu beurteilen. Aber ich sehe keine Katastrophe.

Die niedrigen Zinsen bleiben aber bis auf Weiteres dadurch erhalten ...
Das ist zu befürchten, dass wir zumindest im nächsten Jahr die extrem tiefen Zinsen nach wie vor haben werden. Ich halte das für problematisch, weil die EZB ihr Pulver verschossen hat, indem sie im letzten Quartal 2016 nicht begonnen hat, die Zinsen zu erhöhen. Damit kann sie nun nicht mehr die Wirkung entfalten, die sonst möglich gewesen wäre.

Franz Schellhorn, Direktor des Think Tanks Agenda Austria, behauptet: "Über einen Zeitraum von 40 Jahren hinweg wird bei sicheren Veranlagungen wie Staatsanleihen oder Sparbüchern nach Abzug von Inflation, Steuern und Gebühren die Hälfte des Kapitals vernichtet worden sein."
Da spielen sicher die letzten Jahre eine wesentliche Rolle. Ich kenne diese Rechnung nicht. Der doch sehr lange Zeitraum scheint mir etwas zu weit gegriffen. Fakt ist aber, dass Anleger und Sparer unter der Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank leiden und jene Staaten, die stark verschuldet sind, davon profitieren.

Fondsveranlagung gegen niedrige Sparzinsen

Was kann der normale Anleger, dem das Geld für riskante Veranlagungen fehlt, aber jetzt tun, damit sein Vermögen am Sparbuch nicht langsam schrumpft?
Die vernünftigste zusätzliche Veranlagungsform zur rasch verfügbaren eisernen Reserve am Sparbuch ist die Fondsveranlagung, weil da professionelle Manager das Vermögen verwalten. Da gibt es die Möglichkeit, über einen Mix aus Anleihen und Aktien einen höheren Ertrag zu erwirtschaften. Aber man muss sich immer dessen bewusst sein, dass das Kursschwankungen unterliegt. Wenn ich das Geld nicht dringend brauche, kann ich Phasen mit niedrigen Kursen durchtauchen, weil die Wahrscheinlichkeit, dass es wieder nach oben geht, sehr, sehr hoch ist.

Durch die entäuschenden Renditen vieler fondsgebundener Lebensversicherungen, die oft als besonders ertragreiche, sichere Geldanlage verkauft wurden, sitzt die Skepsis beim "einfachen Sparer" aber sehr tief.
Ich glaube, dass man sich in früheren Zeiten nicht vorstellen konnte, dass die Zinsen so weit nach unten gehen – das war einer der Gründe. Man muss aber schon sagen: Wenn man einen vernünftigen Mix gehabt hätte, hätte man zumindest mehr als gar keine Zinsen bekommen. Die Erwartungen waren auch zu hoch – man hat mit Verrechnungszinsen gerechnet, die dauerhaft einfach nicht machbar waren. Und: Es ist immer eine Frage des Zeitpunktes, wann ich eine Berechnung anstelle. Wenn stark auf Aktien gesetzt wurde und ich gerade zum Zeitpunkt eines Hochs nachschaue, werde ich sehr gut aussteigen. Wenn ich die Berechnung zu einem Zeitpunkt mache, an dem die Aktienkurse gerade ganz unten sind, wird die Berechnung sehr schlecht ausfallen.

"Mitarbeiterbeteiligungen stärker fördern"

Stichwort Aktien: Wie sieht es mit dem Finanzplatz Österreich aus?
Ausbaufähig. Und ich glaube ein Ausbau ist auch notwendig, aber da muss man bestimmte Rahmenbedingungen ändern. Wenn man den Kapitalmarkt in Österreich wirklich stärken will, muss man es zum Teil mit Förderungen probieren und Hindernisse aus dem Weg räumen, die es fast unmöglich machen, vernünftige Kapitalmarkt-Produkte zu verkaufen.

Was sind die größten Hindernisse?

Beratung und Haftungen.

Und welche Art von Förderung soll es für den Kapitalmarkt geben?

Ich könnte mir vorstellen, dass man etwa die Mitarbeiterbeteiligungen noch stärker fördert, dass man für bestimmte Instrumente vielleicht sogar teilweise Garantien ausstellt. Oder die Versteuerung von Gewinnen etwas zurückzunehmen.

Von manchen Seiten wird aber gerade gefordert, Vermögen stärker zu besteuern, um Einkommen aus Arbeit zu entlasten – welchen Weg soll die künftige Regierung gehen?
Von einer Vermögenssteuer halte ich offen gestanden dann nichts, wenn das Vermögen schon einmal beim Erarbeiten besteuert wurde. Wenn man sagt, Kapitalgewinne müssen stärker besteuert werden, muss ich mir die Frage stellen: Schade ich damit einer gesamten Volkswirtschaft, weil dann Leute nicht mehr bereit sind, stärker zu investieren. Dann geht das Geld wieder der Wirtschaft ab.

Wie sollen Einkommen aus Arbeit dann entlastet werden, wenn es keine Gegenfinanzierung gibt?
Wir müssen die gesamte Ausgabenseite des Staats intensivst durchschauen, inwieweit wir da unnötige Ausgabe haben – und über diese Schiene zu einer gewissen Entlastung beitragen.

"Digitalisierung verändert Geschäft und Markt massiv"

Wie läuft es für Raiffeisen Oberösterreich?
Gut. Wir haben bei Einlagen und Finanzierungen ein Wachstum. Im Finanzierungsbereich sind wir in den letzten Jahren sicher stärker als der Markt gewachsen. Aber auch wir müssen strukturelle Veränderungen vornehmen, weil sich der Markt und das Geschäft aufgrund der Digitalisierung massiv verändern.

In China wird ja bereits beim Straßenhändler per Handy bezahlt – geht es auch bei uns in diese Richtung?
Ja, und dementsprechend schlanker müssen die Banken werden. Wobei ich davon überzeugt bin, dass die direkte Ansprache von Kunden auch in Zukunft notwendig sein wird. Das Angebot an finanziellen Produkten ist inzwischen so groß, dass es für den einzelnen schwierig ist, herauszufinden: Was ist für mich jetzt das Richtige. Da hat Raiffeisen einen riesengroßen Vorteil, dass man nach wie vor zu uns kommen und sich diese Beratung holen kann. Diesen Vorteil wollen und werden wir nutzen.

"Raiffeisen wird vor Ort bleiben"

Braucht es denn für die Beratung künftig noch Menschen oder kann das dann auch die künstliche Intelligenz übernehmen – etwa ein Chatbot?
Zum Teil kann das künstliche Intelligenz machen. Ich glaube aber, dass es sehr wichtig ist, auf den Partner zu vertrauen. Und Vertrauen schafft man mehr über Psychologie, über Menschen.

Hat man als Bank Angst, dass ein Konzern wie Facebook einem das Geschäftsmodell ganz aus der Hand nimmt?
Zur Gänze nicht, dass sie Teile davon abknabbern, das wird wohl so sein. Da muss man die richtigen Antworten darauf finden. Heißt: Wir müssen uns umfassender um unsere Kunden kümmern, was andere Dienstleistungen betrifft.

Die Verlagerung des Bankgeschäft ins Digitale wird auch Einfluss auf die Anzahl der Bankfilialen haben.
Die Anzahl der Filialen und Standorte wird sicher zurückgehen. Aber man darf nicht den Fehler machen, dass man seine ureigenste DNA aufgibt und sagt: Jetzt sind wir nur noch digital. Den Vorteil wird Raiffeisen nicht aufgeben, wir werden vor Ort bleiben. Es wird zu Zusammenlegungen und zur Bildung von Kompetenzzentren kommen. Aber aus der Region verschwinden will Raiffeisen sicher nicht. Der Prozess hat bereits begonnen und wird kontinuierlich fortschreiten. 

"Hab mir noch keine Gedanken gemacht,
wie lange ich hier noch tätig sein will."

Brauchen wir in Zukunft noch Bargeld?
Ich würde nicht so sehr sagen: Brauchen wir's? Ich würde es auf die Frage reduzieren: Wie will ich am komfortabelsten zahlen? Wenn es Leute gibt, die sagen "ich will mit Bargeld zahlen", dann sollen sie das tun können. Und wer komfortabler zahlen will, der soll das auch tun können. Jeder soll das wählen, was er will.

In China könnte man noch mit Bargeld zahlen, aber es tut keiner mehr.

China hat diesbezüglich offensichtlich eine andere Tradition und ist in der Veränderungsgeschwindigkeit wesentlich vor Europa. Aber es gibt von unserer Seite her überhaupt keine Bestrebungen, Bargeld abzuschaffen.

Sie feiern in Kürze Ihren 60. Geburtstag – auf was blicken Sie als Generaldirektor der Raiffeisenlandesbank OÖ besonders gerne zurück?
Dass wir ein sehr starkes Fundament für unser Wirtschaften geschaffen haben.

Welche Herausforderungen sehen Sie für dieses Fundament?
Wie schaffen wir die Transformation zur Digitalisierung? Und wie gehen wir damit um, was machen wir daraus? Wo sind die Dienstleistungen, mit denen wir unsere Kunden nicht nur halten sondern deren Zahl auch ausbauen. Die Leute wollen ein umfassendes und bequemes Angebot in den verschiedensten Bereichen. Da müssen auch wir Banken hin, egal, welcher Bereich das ist.

Werden Sie zum 70. Geburtstag auch noch am Sessel des Raiffeisenlandesbank-Generaldirektors sitzen?
Ich habe mir offen gestanden wirklich noch keine Gedanken gemacht, wie lange ich hier noch tätig sein will. Mit 70 kann ich mir das aber schwer vorstellen.

Heinrich Schaller, Generaldirektor der Raiffeisenlandesbank OÖ, feiert am 11. November seinen 60. Geburtstag.
Im Gespräch mit der BezirksRundschau sieht Schaller die Digitalisierung als massive Herausforderung für die Bankenbranche.


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