Armut in Tirol
Obdachlosigkeit keine persönliche Schuld - Es kann jeden treffen

Notschlafstelle wie hier in Kufstein sind nicht mehr wegzudenken aus Tirol. Die Obdachlosigkeit in Tirol wächst, doch was wird dagegen unternommen, welche Hilfsangebote gibt es und warum steigen die Zahlen der Bedürftigen stetig? | Foto: TSD
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  • Notschlafstelle wie hier in Kufstein sind nicht mehr wegzudenken aus Tirol. Die Obdachlosigkeit in Tirol wächst, doch was wird dagegen unternommen, welche Hilfsangebote gibt es und warum steigen die Zahlen der Bedürftigen stetig?
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Obdachlosigkeit ist in Tirol nach wie vor ein Thema, vor dem man nicht die Augen verschließen kann. Organisationen wie die Caritas, Dowas, der Verein für Obdachlose oder die Tiroler Sozialen Dienste (TSD) bieten Hilfsangebote an. Doch ist es ein Kampf gegen Windmühlen? Währenddessen fordert die Grünen Landtagsabgeordnete Zeliha Arslan einen Maßnahmenplan gegen Obdachlosigkeit. Eine Bestandsaufnahme der aktuellen Lage in Tirol.

TIROL. Noch im letzten Jahr wurde bekannt, dass die Zahlen der wohnungslosen Menschen in Tirol gestiegen sei (ORF). Im Dezember 2023 schätzte Michael Hennermann vom Verein für Obdachlose, dass rund 2.000 Menschen auf den Tiroler Straßen leben würden. Damals seien die Zahlen vor allem aufgrund der erhöhten Mieten oder Betriebskostennachzahlungen gestiegen. Der Verein für Obdachlose merkt an, dass vor allem die Angebote der Sozialberatung und der Delogierungsprävention zugenommen haben. Viele Menschen könnten sich das Wohnen kaum mehr leisten, die Ersparnisse sind aufgebraucht und dazu kommen Mieterhöhungen und Betriebskostennachzahlungen. Wie sieht die Situation heute aus?"
Die Caritas Tirol merkt zu den Zahlen der Obdachlosen in Tirol an, dass über die tatsächliche Anzahl nur spekuliert werden kann, "da es aus datenschutzrechtlichen Gründen keinen Abgleich zwischen den einzelnen Einrichtungen gibt und die Klient*innen verschiedene Angebote nutzen." Die Caritas merkt ebenfalls an, dass der Anteil an wohnungslosen Frauen seit Jahren konstant bei 20% liegt. Dies mache eine Einschätzung schwierig, da Frauen überwiegend "versteckt wohnungslos" sind und in den Statistiken nicht auftauchen.

"Zudem sprechen wir von manifest wohnungslosen Menschen, die aufgrund ihrer Lebenssituation wenig Perspektive auf einen festen Wohnsitz haben, und solchen, die kurzfristig in eine Notlage geraten. Das Wesen unserer Arbeit ist vielfach, so dass wir oft nur die Notlage, aber nicht den Erfolg mitbekommen. Daher können wir zwar sagen, dass konkret 823 verschiedene Personen im Jahr 2023 unsere Beratung in Innsbruck aufgesucht haben, daraus jedoch nicht ableiten, wie viele Menschen in Tirol tatsächlich wohnungslos sind."

Im Dezember 2023 schätzte Michael Hennermann vom Verein für Obdachlose, dass rund 2.000 Menschen auf den Tiroler Straßen leben würden. | Foto: Pixabay
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Die Ist-Situation der Obdachlosigkeit in Tirol

Im Juni 2024 wurde von der Landesregierung bestätigt, dass 1,4 Millionen Euro in die Notschlafstellen in Innsbruck, Kufstein und Lienz fließen, 586.000 Euro in das Beratungszentrum NORA und 324.000 Euro in das Zentrum NIKADO. Laut Florian Stolz von den Tiroler Sozialen Diensten werden die Gelder folgendermaßen verwendet:

"Diese Gelder werden für die Sicherstellung und die Aufrechterhaltung des laufenden Betriebs der genannten Einrichtungen verwendet. Es handelt sich hier um bestehende Angebote, deren Finanzierung valorisiert wurde."

Seitens des sozialpolitischen Arbeitskreises (SPAK) wird die Realisierung weiterer Notschlafstellen in Tirol kritisiert. Genauer gesagt, dass zum Mittel der Notschlafstellen gegriffen wird, statt leistbaren (Miet-)Wohnraum zu schaffen.
Der Verein Dowas hält in seiner Jahresstatistik von 2023 fest, dass die Anzahl der Menschen, die sich an die Sozialberatungsstellen wenden, sich in den letzten 22 Jahren mehr als vervierfacht hat. Auffällig dabei: Immer mehr Familien, Menschen mit Erwerbseinkommen bzw. im aufrechten Mietverhältnis wenden sich an die Sozialberatungsstellen. Hier ähnelt sich also das Bild, das auch der Verein für Obdachlose im Dezember-Interview mit dem ORF gezeichnet hat. 1.655 Personen waren beim ersten Kontakt mit Dowas im Jahr 2023 wohnungslos.

Ein Maßnahmenplan gegen Obdachlosigkeit?

In den Reihen der Grünen Tirol möchte sich die Grünen Landtagsabgeordnete Arslan dem Thema "Obdachlosigkeit in Tirol" widmen. Sie fordert einen Maßnahmenplan. 
Dazu bräuchte es allerdings zuerst konkrete Zahlen und Daten sowie eine "klare Positionierung der Landesregierung mit dem klaren Ziel, die Wohnungs- und Obdachlosigkeit in Tirol anzugehen". Arslan schlägt unter anderem folgende Maßnahmen vor:

  • Leerstandsabgabe verdreifachen und für den Wohnungsmarkt mobilisieren
  • Mietzinsbeihilfe ab dem ersten Tag
  • Anrechenbarkeit von Betriebskosten für Unterstützungsleistungen
  • Einkommensgrenzen an die Lebensrealitäten der Menschen anpassen
  • Notwohnungen zur Verfügung stellen, in denen Menschen eine Zeit lang unterkommen können
  • Ausbau der Beratungseinrichtungen in allen Regionen
  • Informationskampagne, um über Unterstützungsangebote aufzuklären

Sollte ein Maßnahmenplan entstehen, würden sich die TSD folgende Punkte darin wünschen:

  • Tirolweite, wissenschaftlich begleitete Erhebungen, welche die Faktoren, die zur Obdachlosigkeit führen, erfassen à einerseits um aufzuzeigen, wie viel durch Maßnahmen der Landesregierung bereits abgedeckt wird und andererseits mit dem Ziel, dort nachzubessern, wo es noch Bedarf gibt. Diskussion der Ergebnisse an runden Tischen mit (Gemeinde)Politikern, Sozialvereinen, Betroffenen (auch ehemalige), Expertinnen und Experten aus dem Sozialbereich
  • Eine Zentrale Anlaufstelle für Menschen in Not und von dort Weiterverteilung an die bestehenden Hilfsangebote (Vorbild Beratungszentren der Wohnungslosenhilfe Wien des FSW)

Laut Landtagsabgeordneter Arslan, wären diese Wünsche absolut "unterstützungswürdig". 

"Wir wissen aus Erhebungen der Immobilienbranche, dass Tirol mit die höchsten Wohnkosten österreichweit hat. Aber wir haben immer noch nicht konkrete Daten, wie die Lebensrealität der Menschen aussieht. Wie viele Tiroler:innen sind mit mehreren Monaten im Mietrückstand? Wir haben keine konkreten Zahlen, wie viele Frauen mit und ohne Kindern "verdeckt" wohnungslos sind?"

Zudem bräuchte es einen "Scan" der Unterstützungs- und Beratungslandschaft in Tirol, um Lücken zu lokalisieren und Verbesserungen anzugehen. "Das sind alles Erhebungen, die wir brauchen, um erfolgreich gegen Obdachlosigkeit in Tirol vorzugehen."

Welche Hilfen gibt es aktuell in Tirol?

Hilfsangebote des Vereins für Obdachlose
Seit 1985 bietet der Verein für Obdachlose Beratung und Betreuung für betroffene Personen an. Die Angebote des Vereins für Obdachlose sind grundsätzlich kostenlos und anonym. 

  • Delogierungsprävention: Hier werden Personen unterstützt, die von Wohnungsverlust bedroht sind. Das Ziel ist es den Erhalt der Wohnung sicherzustellen bzw. andere Alternativen zu erarbeiten.
  • Teestube: Eine Tagesaufenthaltsstätte, ein Begegnungsraum und eine Anlaufstelle, eine Kontaktstelle und ein Treffpunkt für akut Wohnungslose, von Wohnungslosigkeit Bedrohte und potenziell wohnungslose Menschen, sowie für Menschen, die einsam, alleinstehend und familienlos sind.
  • BARWO: Beratung in Hilfestellung in den Bereichen Arbeit, Wohnen, Existzenzsicherung, Ämter- und Behördenkontakte oder Infrastrukturnutzung
  • Betreutes Wohnen: Das Betreute Wohnen ist ein längerfristiges Wohn- und Betreuungsangebot für volljährige Personen mit intensivem Unterstützungsbedarf.
  • Streetwork: Aufsuchende Sozialarbeit und ambulante Hilfestellungen für Obdachlose auf der Straße; Organisieren und Betreuen in Notunterkünften; Vermittlung in andere Einrichtungen; Freizeitangebote.
  • Kleidung "im Bogen": Kostenlose Kleiderausgabe von Secondhand-Kleidung nach Verfügbarkeit; Notdusche
  • Rehaprojekt LAMA: Das Projekt LAMA des Vereins für Obdachlose ist ein niederschwelliges und akzeptierendes Beschäftigungsprojekt für alkoholkranke Menschen.

Hilfsangebote der Caritas

Nachgefragt bei der Caritas, welche Angebote stark in Anspruch genommen werden, gab es folgende Antwort:

"Die Zahl der Personen, die beim Bahnhofsozialdienst Beratung in Anspruch nehmen, ist von 486 im Jahr 2021 auf 823 im Jahr 2023 gestiegen, was einer Zunahme von 70% entspricht. Die ausgegebenen Essen in der Wolfgangstube sind im letzten Jahr um 23% auf knapp 12.000 gestiegen. In der größeren Katharinastube gab es eine ähnliche Steigerung auf 30.283 Essen. Die Anzahl der Personen, die das kostenlose Angebot für Nichtversicherte in der MedCare-Praxis nutzen, ist von 2022 auf 2023 um 50% auf 256 Personen gestiegen. Mit dem zusätzlichen mobilen Angebot des MedCare-Busses stieg die Anzahl der Behandlungen auf 1.321, was einem Anstieg von 17% gegenüber 2022 entspricht. Diese exemplarischen Zahlen lassen sich auch auf die restlichen Arbeitsbereiche des Bahnhofsozialdienstes übertragen und verdeutlichen leider den eindeutigen Aufwärtstrend. Bemerkenswert ist, dass nur 37% der Personen in der Beratung bereits früher in einer Notlage waren, während 63% im Jahr 2023 erstmals den Bahnhofsozialdienst aufsuchten."

Hilfsangebote der Tiroler sozialen Dienste

Hilfsangebote Dowas

  • Innsbruck: Sozialberatungsstellen, Übergangswohnhaus, Betreutes Wohnen, Wohngemeinschaft, Familienwohnung
  • Imst: Sozialberatungsstelle
  • Kufstein: Sozialberatungsstelle
  • Dowas Chillout: Für Jugendliche und junge Erwachsene in Notlagen

Mehr Wohnungen statt Notschlafstellen?

In den Augen des SPAK müsste man statt weiteren Notschlafstellen, das Problem an der Wurzel packen. Das einzig probate Mittel, um Wohnungslosigkeit nachhaltig zu bekämpfen, wäre die Schaffung von schnell verfügbarem, dauerhaftem und leistbarem (Miet-)Wohnraum.

"Mit der beabsichtigten Eröffnung einer weiteren Notschlafstelle für 30 Frauen und Kinder zeigt sich, dass nicht nur der bestehende Wohnungsnotstand negiert, sondern lediglich probiert wird Symptome zu bekämpfen."

SPAK fordert unter anderem: 

  • Eine Wohnkostenverordnung in der Tiroler Mindestsicherung, die den realen Mietpreisen in Tirol entspricht
  • Mietzinsbeihilfe ohne Anwartschaft – also mit Zugang ab dem ersten Tag der Meldung
  • Den tirolweiten Zugang zu gemeinnützigem Wohnen, der einen Wohnortswechsel erlaubt, ohne in der Vergabe benachteiligt zu werden
  • Zahlreiche leistbare Wohnungen, die Menschen in Not schnell und niederschwellig zugänglich gemacht werden und in denen mithilfe eines ambulanten Sozialarbeitsangebots ein dauerhaftes Wohnen möglich wird

Stolz von den TSD kommentierte die Kritik der SPAK an den Notschlafstellen folgendermaßen: 

"Ein „entweder, oder“ ist in dieser Hinsicht nicht angebracht, sondern viel mehr ein „sowohl, als auch“. Notschlafstellen sollen in ersten Linie akute Notsituationen entschärfen und Menschen für eine Nacht versorgen und schützen. Für die Erfüllung dieser Aufgaben sind diese Einrichtungen (lebens)wichtig und aus dem Angebot der Tiroler Soziallandschaft nicht wegzudenken. Aus diesem Grund werden sie von der Tiroler Landesregierung und den Städten Innsbruck, Lienz und Kufstein entsprechend finanziert und unterstützt. Notschlafstellen stellen in keinem Fall ein sozialpolitisches Ziel, sondern eine tatsächliche und kurzfristige Notwendigkeit dar. Seitens der Soziallandesrätin Eva Pawlata und dem zuständigen Wohnbaureferenten LHStv Georg Dornauer wird langfristig alles daran gesetzt, Wohnungslosigkeit präventiv zu verhindern."

In den Augen Stolz sollte es eine Differenzierung der Angebotslandschaft geben. Vor allem in Innsbruck gebe es Menschen, die zwar erwerbstätig, aber kurzfristig wohnungslos sind und keine andere Option haben als die Notschlafstellen in Anspruch zu nehmen. Personengruppen wie diese sollten aus den Notschlafstellen heraus und auf passendere Angebote umgeleitet werden.

Auch die Caritas Tirol sieht in leistbarem Wohnraum das "beste Mittel gegen Wohnungslosigkeit, besonders bei akuter Wohnungslosigkeit, da die Zeitspanne, bis man aus dem sozialen Netzwerk fällt, relativ kurz ist und der Wiedereinstieg umso länger dauert." Man macht auf jene Menschen aufmerksam, die nach Österreich als Arbeitssuchende kommen. Obwohl dies oft Arbeitskräfte wären, die besonders im Tourismus gebraucht werden würden, scheitere die Vermittlung oft an Sprachbarrieren und den Umständen, dass sie auf der Straße leben. Zielorientierte Sprachkurse, z.B. gefördert vom Tourismusverband, und verbesserte Bedingungen in der Notschlafstelle wären in den Augen der Caritas einfache Maßnahmen mit Vorteilen für alle Seiten.

"Gerade in den Zwischensaisonen gibt es einen markanten Anstieg an obdachlosen Menschen, da sie ihre Hotelunterkunft verlieren und nur die wenigsten eine alternative Arbeit finden. Wohnung anmieten geht nicht, da die Verträge zu langfristig sind. Günstige Zwischenwohnmodelle wären hier eine wirksame Möglichkeit."

Es gäbe aber auch Menschen, die ohne Hilfe nicht wohnfähig wären. Für sie brauche es laut der Caritas betreuten Wohnraum. Dies geht einher mit dem Thema Pflege und Obdachlosigkeit, das immer mehr an Bedeutung gewinnt. 

Die Grünen Landtagsabgeordnete Zeliha Arslan bestätigt, dass Notschlafstellen oft eine "notwendige kurzfristige Lösung für Menschen in akuten Wohnungsnotlagen" sind, jedoch keine "langfristige Lösung für das Problem der Obdachlosigkeit" bieten. Notschlafstellen dürften nicht die Antwort der Politik für obdachlose Menschen sein, sondern nur als vorübergehendes Angebot verstanden werden.

"Wir müssen frühzeitig mit umfassenden Maßnahmen auf die individuellen Bedürfnisse der Menschen eingehen, um die grundlegenden Probleme anzugehen. Die Gruppe der Menschen, die von obdach- oder wohnungslosigkeit betroffen sind, ist extrem heterogen. Wir haben Menschen mit psychischen Erkrankungen und/oder Alkoholproblemen, bis hin zur berufstätigen alleinerziehenden Mutter mit Kindern. Soziale Beratungsstellen haben die Kompetenzen, hier zu begleiten, aber es fehlen die finanziellen Ressourcen. Und hier ist die Landesregierung gefragt.",

so Arslan.
Weiters wäre leistbarer Wohnraum benötigt, der für wohnungslose Menschen zur Verfügung steht. Allein jetzt gäb es 100 Frauen mit 80 Kindern, die dringend eine Wohnung benötigen.

Ein gesellschaftliches Problem?

Obdachlosigkeit ist nach wie vor ein sehr stigmatisierendes Thema in unserer Gesellschaft. Können wir aber etwas daran ändern? Laut Stolz von den TSD müsse es für uns als Gesellschaft Aufgabe sein, jeden und jede Einzelne beim Weg zurück in eine geregelte Wohnsituation zu unterstützen. 

"Das Aufzeigen, wie vielfältig die dahinterliegenden Problemlagen sein können, würde zu einem besseren Verständnis und einem Abbau der Vorurteile beitragen."

Mit Maßnahmen wie Workshops in Schulen hätte man bereits gute Erfahrungen gemacht, betont Stolz. 

Die Grünen Politikerin Arslan sieht das Problem der Stigmatisierung ähnlich: "Wir müssen diese vorhandenen Bilder aufbrechen". Es gibt Menschen, die die Notschlafstellen aufsuchen, obwohl sie einer bezahlten Tätigkeit nachgehen. Frauen mit Kindern können sich die Miete nicht mehr leisten, da die Alimente ausbleiben und müssen vorübergehende bei Freunden oder Verwandten leben.

"Wir haben einen Antrag im Landtag gestellt, dass das Land hier im Rahmen vom Projekt "Sicheres Vermieten" als Vermittler Leerstand für diese Zielgruppe mobilisieren sollte. Leider wurde dieser Antrag abgelehnt."

Arslan sieht vor allem die Politik in der Verantwortung, die Stigmatisierung zu beenden. 

Anna Kröss, Dienststellenleitung Bahnhofsozialdienst, gibt auf die Frage nach der Verantwortung der Gesellschaft folgende Antwort: 

"Wie bei allen Themen, die mit Stigmatisierung einhergehen, ist auch das Thema Obdachlosigkeit eng mit der Schuldfrage und persönlichen Ängsten verknüpft. Obdachlose auf der Straße zu sehen, ist unangenehm. Wenn man ihnen die Schuld an ihrer Situation zuschreibt, kann man sich distanzieren und Maßnahmen wie Vertreibung und Verbote akzeptieren oder sogar unterstützen, die der moralische Kompass sonst nicht gutgeheißen hätte."

Es würde wie so oft um Aufklärung und einen offenen Diskurs gehen. Obdachlosigkeit sei keine persönliche Schuld, kein Schicksal oder eine Strafe, so Kröss. Wie es auch schon das Dowas in der Jahresstatistik festgehalten hat, nahm die Sozialberatung deutlich zu. Dies geht Hand in Hand mit der Aussage von Kröss, dass es eine Trennung sein kann, plötzlicher Eigenbedarf einer Mietwohnung, ein Unfall, Arbeitsverlust oder eine falsche Investition. Es sei eine Verkettung von Lebensumständen und kann im Prinzip jede und jeden treffen.

"Die Geschichten unserer Klient*innen, wie sie in die Obdachlosigkeit geraten sind, sind so vielfältig wie die sozialen Hintergründe, aus denen sie kommen."

Die gesellschaftliche Verantwortung liege zu einem Teil darin, dass diejenigen, die es sich leisten können, Wohnungen leer stehen zu lassen, als Teil des Problems sehen und umdenken.

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