30.05.2017, 11:05 Uhr

Kuriose Technikgeschichte: 100 Jahre Elektrizität im Waldviertel

Reinhard Bentz vor Replikaten der ersten jemals gebauten Glühbirnen.

Vom Gastwirt zum Energiewirt: Reinhard Bentz führt in seinem Museum in der Riedmühle durch die Anfänge der Stromversorgung im Waldviertel. Mit teils haarsträubenden Konstruktionen.

KARLSTEIN. Kaum eine Technologie hat das Leben im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert so verändert wie die Elektrizität. Die Arbeitszeit wurde nicht mehr durch das Tageslicht bestimmt, immer effizientere Maschinen konnten betrieben werden und immer neue Anwendungsgebiete taten sich auf.

Im Waldviertel rollte die Revolution mit etwas Verspätung an. Reinhard Bentz widmet sich diesem Stück der Technik-Geschichte in seiner Riedmühle an der Thaya zwischen Raabs und Karlstein. Dort wurde nämlich früher ebenfalls Strom produziert. Die so genannte Lichtgemeinschaft versorgte dort ab den 1920er Jahren Speisendorf, Obergrünbach und Eggersdorf mit Strom. 200 Haushalte kamen in den Genuss von elektrischem Licht. Bentz hat in jahrelanger Arbeit eine Sammlung an bemerkenswerten und teils kuriosen Fundstücken aus 80 Jahren gesammelt und mit ihnen ein privat geführtes Museum geschaffen.

Kuriose Technik-Geschichte

Heute schicken Energieversorger Rechnungen, der Strom wird mittels Zähler (hoffentlich) genau abgerechnet. Im frühen 20. Jahrhundert bezahlte man seinen Strom völlig anders: nämlich in Korn. Minutiös wurden in einem Buch die Zahl der Lampen und Motoren in einem Haushalt festgehalten. Je nach dem wie viele Leuchtmittel die Bauern hatten, mussten sie auch mehr Korn abliefern. Eine 25-kerzige Glühbirne kostete 1924 den Pauschalbetrag von 20 Kilo Korn im Jahr. Im Umgang mit der damals noch relativ neuen Technologie war man relativ sorglos: da wurde mit blanken Drähten hantiert und Werkzeuge waren kaum isoliert und meist aus Holz.

Drive-In Strom zum Mitnehmen

Wer nicht zu den privilegierten gehörte, die schon per Kabel an die "Lichtgemeinschaft" angeschlossen war, besorgte sich seinen Strom anders. Wer nämlich mit seiner Glasbatterie in die Mühle kam, konnte sich diese gegen eine kleine Gebühr laden lassen. Ein Drive-In für Elektrizität im frühen 20. Jahrhundert. Dass nicht alles im kleinen Maßstab ablief beweist die wohl stärkste Glühbirne der Welt. Von Bentz liebevoll "Big Mama" getauft. 2.000 Watt leistet sie - und wurde früher in Leuchttürmen eingesetzt. "Wennst da nicht aufpasst, hast wahrscheinlich einen Sonnenbrand", lacht Bentz bei einer Führung durch sein Reich der historischen Stromerzeugung. Möglich wurde das alles, weil im alten E-Werk in der Riedmühle noch ein großer Teil der damaligen Installation vorhanden ist.

Heute produziert die Riedmühle nach wie vor Strom - aber aus moderner Kleinwasserkraft und Photovoltaik. Reinhard Bentz öffnet gerne die Museumstüren für Interessierte. Infos unter: riedmuehle@aon.at
0
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.