21.09.2016, 12:42 Uhr

Ärztemangel in Kalsdorf

Dr Jörg Garzarolli ist Hausarzt mit Leib und Seele. Für die Jugend ist der Beruf des Allgemeinmediziners weniger lukrativ.
Volle Wartezimmer bei den Hausärzten, lange Wartezeiten auf Termine bei den Fachärzten, haben wir zu wenig Ärzte? In Kalsdorf ist das Problem so akut, dass die Gemeinde Unterschriftenlisten auflegt. Bgm. Ursula Rauch und GR Almuth Huderz-Thümel vom Sozialausschuss versprechen sich davon eine Rückendeckung, um Druck auf die Zuteilung von Kassenverträgen zu machen.

Kalsdorf mit knapp 7.200 Einwohnern gilt als Zuzugsgemeinde. Stimmt die Statistik, dann wird sich diese Zahl in den nächsten zwanzig Jahren um 30 Prozent erhöhen. Die steigende Lebenserwartung lässt nicht nur die Kalsdorfer älter werden. Diese demographische Entwicklung hat auch Auswirkungen auf das Arbeitspensum der Hausärzte. Kalsdorf hatte vor 15 Jahren mit einer geringeren Einwohnerzahl mehr Ärzte als heute. Seit Jahren gibt es in der Gemeinde keinen Kinderarzt mehr, dazu fehlt ein weiterer Arzt für Allgemeinmedizin. „Wir waren bei der Gebietskrankenkasse vorstellig, auch dass der zweite unserer Zahnärzte einen Kassenvertrag bekommt“, sagt Huderz-Thümel. Vorerst heißt es warten, denn im Spätherbst werden die Planstellen zwischen Kammer und Kasse vereinbart.

Ärzte klagen über Bürokratie


Im Bezirk Graz-Umgebung mit rund 150.000 Einwohnern gibt es 60 Kassenärzte für Allgemeinmedizin. Der Bezirk schneidet dabei im Verhältnis zu Graz, wo 111 Kassenärzte doppelt so viele Einwohner behandeln, relativ gut ab. Errechnet werden die Planstellen nach einem Schlüssel, um den Ärzten eine gewisse Anzahl an Patienten auch möglich zu machen.

Der Ansturm auf das Medizinstudium in Österreich setzt sich ungebrochen fort, wie die Aufnahmetests beweisen. Aber nach Abschluss des Studiums geht ein Drittel der jungen Ärzte ins Ausland und sind für den heimischen Bedarf verloren. Ein weiteres Drittel geht aus finanziellen Gründen eine Zeitlang ins Ausland, weil die Gehälter in Deutschland oder der Schweiz lukrativer sind als hier. Vom verbleibenden Drittel ziehen viele junge Ärzte den Spitalsjob dem des Hausarztes am Land vor.

„Die Effektivität des niedergelassenen Allgemeinmediziners hat in den letzten Jahren gelitten“, sagt MR Dr. Jörg Garzarolli. Er ist Arzt für Allgemeinmedizin in Hausmannstätten, Vizepräsident der steirischen Ärztekammer und Kurienobmann der niedergelassenen Ärzte. Zurückzuführen ist das lt. Garzarolli auf Belastungen, die von den Krankenassen kommen, vor allem im Bereich von zeitaufwändigem Bürokratismus und dem enormem ökonomischem Druck in fast allen Bereichen. Zudem entspreche der Leistungskatalog, nach dem die Ärzte bezahlt werden, nicht mehr den heutigen Anforderungen.

Stirbt der gute alte Hausarzt aus?

Die Mehrheit unserer Ärzte ist weiblich. „Ärztinnen haben oftmals eine andere Einstellung zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie“, sagt Garzarolli. Es sei auch eine Frage der Einstellung, ob es sich jemand antun möchte, ein freiberufliches Unternehmen alleinverantwortlich zu führen. „Eine Arztpraxis ist ein kostenintensives Klein-Unternehmen und braucht Angestellte und Räumlichkeiten“, so Garzarolli. Bei Letzterem wäre die Gemeinde Kalsdorf bereit, nach ihren Möglichkeiten unterstützend zu helfen, so sich ein Kinderarzt finden ließe. Die Unterschriftenlisten liegen im Gemeindeamt zu den Öffnungszeiten auf
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