Von Gamsbärten und Schneiderfliegen

Alte und neue Männertracht: Peter Ziegler hat so manches Schmuckstück in seinem Fundus.
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  • Alte und neue Männertracht: Peter Ziegler hat so manches Schmuckstück in seinem Fundus.
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Sie sind Ausdruck unserer Tradition und Gesamtkunstwerke steirischer Handwerkskunst: Schneider, Säckler, Gerber, Stricker, Weber, Schmiede und noch viele mehr "mischen" bei der Herstellung eines echten Trachtenanzugs mit. Einer von ihnen ist Hubert Fink, Maßschneider für Männertrachten in sechster Generation. Und damit nicht genug: Fink ist 2002 sogar vom Land offiziell beauftragter Trachtenberater für Männertrachten: "Mit einer Tracht zeige ich nach außen, woher ich komme. Die Tracht ist ein Schatz, der bewahrt werden muss", bringt es Fink auf den Punkt.
Eine "waschechte" steirische Männertracht bekommt Mann übrigens nicht einfach im Geschäft, sondern diese wird nur auf Anfrage maßgeschneidert wie beispielsweise bei Trachten Ziegler in Etmißl. Zur Auswahl stehen verschiedenste Modelle, die die Geschichte der jeweiligen Regionen widerspiegeln.

Vom Wechsel-Janker zur Tragößer Joppe
Die Zuwendung zur Tracht wird bekanntlich gerne mit Erzherzog Johann in Verbindung gebracht, der damit seine Verbundenheit mit der Bevölkerung zum Ausdruck brachte. Aus dieser Zeit stammen auch noch viele Aufzeichnungen, die über die Entwicklung der Tracht Aufschlüsse geben. Auch der heutige "Landesfürst" Hermann Schützenhöfer ist stolzer Trachtenträger: "Die lebendige Trachtenkultur in der Steiermark bildet einen wesentlichen Bestandteil unserer regionalen Besonderheiten und kulturellen Schätze", so der Landeshauptmann und Volksskulturreferent.

Regional untypisch
Der Etmißler Peter Ziegler ist sozusagen ein wandelndes Trachten-Lexikon. In seinem Fundus hat er mehr als 200 Jahre alte Kleiderstücke. "Wir versuchen diese alten Stücke neu aufzubereiten. Die Schnitte bleiben erhalten, bei den Stoffen versuchen wir uns ebenso an die alten Traditionen anzulehnen – beispielsweise ungefärbter Lodenstoff", erklärt Peter Ziegler.
Mit der zu puristischen Zuordnung der regionalen Tracht hat er keine rechte Freude: "Den Ausseer Hut gibt es in Wirklichkeit ja nicht. Die Ausseer haben sich nur des typischen Steirer Hutes bemächtigt. Ebenso ist es beim Schladminger. Diesen Lodenjanker hat man seinerzeit in der ganzen Obersteiermark getragen. Es gefällt mir, dass jetzt die Mariazeller mit dem Krupp-Janker ebenfalls einen typisch steirischen Lodenjanker auf den Markt bringen."

Traditionell hängt die Entwicklung eigener Trachten auch eng mit dem Bestehen von Musikkapellen zusammen, daher finden sich in den besonders "musikalischen" Gebieten auch dementsprechend viele Trachtenmodelle: Das reicht vom Wechsel-Janker aus Hartberg-Fürstenfeld bis hin zur Tragößer Joppe aus dem Brucker Raum.
Die WOCHE hat sich umgeschaut und präsentiert jeweils zwei Männertrachten aus den Regionen:

Der Breitenauer Anzug:
• Der Rock:
Stoffqualität: Kammgarn oder Loden
Farbe: grau
Besatztuch: grün
Schnittform: doppelreihiger Schlussrock mit Umlegekragen und Revers
Rücken: Schlussrockrücken: Rückwärtige Mitte Naht mit Hakenschlitz, Rundbogennähte und Dreieckpatte unterhalb der Taillennaht
Verschluss: 3 Knopfpaare (Hirschhorn, Steinnuss oder gepresste Lederknöpfe)
Auszier: alle Kanten breit passepoiliert
Umlegekragen aus Besatztuch
Ärmelaufschlag mit 2 Knöpfen
Rücken: Dreieckpatten mit 1 Knopf
Taschen: 2 Applikationstaschen aus Besatztuch

• Die Weste:
Stoffqualität: Seidenbrokat oder Samt
Farbe: blauviolett mit Pfauenaugenmuster (Seidenbrokat); dunkel (Samt)
Schnittform: einreihig, hochgeschlossen mit Umlegekragen und gerundetem Längenabschluss
Verschluss: 18 Knöpfe (Silber in Halbkugelform)

• Die Hose:
Langhose aus Stoff des Rocks mit doppeltem, hinten gewelltem Lampas oder
steirische Lederhose mit grünen Stutzen

• Hintergrundinfo:
Der Breitenauer Anzug gilt als Taltracht des Breitenauertals. Er wurde bereits 1863 von Peter Rosegger grafisch festgehalten und galt – laut mündlicher Überlieferung von Gundl Holaubek-Lawatsch – als sein Lieblingsgewand.

Die Tragößer Joppe
(Lamingtal)

• Der Janker:
Stoffqualität: Loden
Farbe: grau
Besatztuch: grün
Schnittform: doppelreihig mit Stehkragen und Revers
Rücken: Rückwärtige Mitte Naht mit Quetschfalte und, Rundbogennähte
Verschluss: 3 Knopfpaare (Hirschhorn)
Auszier: alle Kanten schmal passepoiliert
Stehkragen aus Besatztuch mit schwarzer Eichenlaubstepperei
Revers aus Besatztuch mit Knopf
Ärmelaufschlag mit 2 Knöpfen
Rücken: Applikation und 2 Knöpfe
Taschen: 2 Leistentaschen aus Besatztuch

• Die Hose:
Steirische Lederhose (kurz oder Kniebundhose) mit grünen Stutzen

Hintergrundinfo:
Die Tragößer Joppe stammt ungefähr aus der Zeit 1820-1830, wurden in allen bislang erschienen Publikationen zur steirischen Tracht – unter anderem in der bekannten Steirischen Trachtenmappe, die im Erzherzog-Johann-Jubiläumsjahr 1959 herausgegeben wurde – beschrieben und hat daher einen hohen Bekanntheitsgrad.

Einen gesammelten Überblick über die Geschichte der Männertracht in der Steiermark von Erzherzog Johann bis heute sowie sämtliche regionalen "Trachtenmodelle" findet man im kürzlich erschienenen Buch "Lampas, Gams und Schneiderfliege.

Die steirischen Männertrachten." Mehr infos dazu hier.

Und übrigens für alle, die sich schon die ganze Zeit über die "Schneiderfliege" wundern: So wird ein in Dreiecksform gestickter Faltenabschluss genannt. Somit ist die steirische Tracht jedenfalls "tierisch" modisch.

Autor:

Markus Hackl aus Bruck an der Mur

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