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Es gibt Abschiede, die kann man nicht planen. Und es gibt jene seltenen Momente, in denen alles zusammenpasst. Für den 36jährigen Karl Proderutti war sein letzter Kampf genau so ein Moment. Der neunfache K-1 Kickboxen-Weltmeister aus St. Lorenzen besiegte mit Fadi Merza ausgerechnet jenes Idol, das ihn über viele Jahre begleitet hatte und verabschiedete sich anschließend vom aktiven Kampfsport. Ein gemeinsames Bild von einem Treffen am Anfang der Karriere Proderuttis mit dem damals besten in Österreich hing seither an seinem Kühlschrank, ehe er es ihm bei der Abwaage in Wien in die Hand drückte. „Es gibt keinen besseren Abschied“, sagt Proderutti heute. „Mein Idol in der zweiten Runde K.o. zu schlagen und den Gürtel zu holen, das kann kein Geld der Welt ersetzen und mich auch nicht zu weiteren Kämpfen animieren.“
ST. LORENZEN/KAPFENBERG/WIEN. Beim Duell im Thaibox-Käfig beim XCC4-Event in der Wiener Steffl Arena vor 6000 Besucherinnen und Besuchern sicherte sich Proderutti in seinem allerletzten Karriere-Fight durch einen K.o.-Sieg den Weltmeistertitel gegen sein einstiges Idol. Es war für viele Kampfsportfans ein Traumkampf. Fadi Merza galt über Jahre als einer der bekanntesten und erfolgreichsten Kickboxer Österreichs. Mehr als 160 Kämpfe bestritt der heute 48jährige in seiner Karriere, nur rund 30 davon verlor er, keinen einzigen durch Knockout. Als Merza, auch als Teilnehmer bei Dancing Stars bekannt, nach einem Kampf im November 25 auf Proderutti zukam und Interesse an einem Duell bekundete, musste der Lorenzer nicht lange überlegen. „Die Legende spricht dich an und fragt nach einem Kampf. Da sagt man nicht Nein.“ Mit Respekt, aber ohne Ehrfurcht ging Proderutti in den Ring. Seine Einstellung sei immer dieselbe gewesen: „Ich kämpfe gegen jeden, für mich gibt es keinen schweren Gegner.“
Yes, the Austrian Zombie Proderutti hat es geschafft
Dennoch absolvierte er nach seinem Motto "Hart trainieren, leicht kämpfen" ein zweiwöchiges Trainingslager in Hannover, wo er mit Teilnehmern am Oktagon, der größten MMA Veranstaltung im europäischen Raum mit trainierte. Dennoch gehörte die erste Runde beim Kampf in Wien am 2. Mai noch dem erfahrenen Merza, doch Proderuttis Trainer hatte dessen Kampfstil genau analysiert. Mit zunehmender Kampfdauer ließ die Ausdauer des Wieners nach. Mitte der zweiten Runde erkannte Proderutti die entscheidende Lücke. Ein High Kick traf sein Idol am Kopf und beendete den Kampf vorzeitig. Für Merza war es das erste K.o. seiner langen Karriere. Für Proderutti war dieser Sieg der krönende Abschluss einer Laufbahn, die bereits im Volksschulalter begonnen hatte.
Der Grundstein wurde gelegt, als Karl Proderutti sechs Jahre alt war. Damals fehlte ihm das nötige Selbstvertrauen und ich wurde gemoppt, erzählt er rückblickend. Inspiriert von Actionfilmen mit Jean-Claude Van Damme meldeten ihn seine Eltern zum Karate an. Was als Versuch begann, selbstbewusster zu werden, entwickelte sich rasch zur Leidenschaft. Im Karate feierte er zahlreiche Erfolge und erfüllte sich 2010 mit dem ersten Dan einen Kindheitstraum. Noch im selben Jahr wechselte er zum Kick- und Thaiboxen.
Dabei gehörte er nach eigenen Worten nie zu den größten Naturtalenten. „Es gibt die Talente und jene, die sich alles erarbeiten müssen. Ich war in der zweiten Gruppe.“ Umso größer war die Motivation, als er seinen ersten Kampf gewann, während zwei deutlich talentiertere Trainingskollegen Niederlagen einstecken mussten. Dieses Erfolgserlebnis gab ihm den entscheidenden Schub. Es folgten Jahre harter Arbeit, unzähliger Trainingseinheiten und großer Entbehrungen. Vor Wettkämpfen musste der rund 78 Kilogramm schwere Atlhlet regelmäßig mehrere Kilogramm an Gewicht verlieren. Für Kämpfe zwischen 70 und 72,5 Kilogramm bedeutete das oft strenge Diäten und lange Saunagänge in den letzten Tagen vor dem Wiegen.
Titel, Weltmeisterschaften und eigene Veranstaltungen
Der Aufwand zahlte sich aus. Proderutti gewann Staatsmeistertitel, Österreichische Meisterschaften, Europameistertitel und schließlich Weltmeisterschaften. Heute darf er sich neunfacher Weltmeister nennen. Der schönste Sieg ist immer der letzte, sagt er und das gegen ein Idol. Doch zu seinen prägendsten Erinnerungen zählt unter anderem auch ein Europameisterschaftskampf im Jahr 2015. Trotz gebrochenem Ellbogen kämpfte er weiter und gewann durch K.o. in der vierten Runde. Auch seine erste Europameisterschaft bleibt unvergessen. Über soziale Medien wurde kurzfristig ein Gegner für einen gefürchteten tschechischen Kämpfer gesucht. Viele sagten ab, Proderutti nahm die Herausforderung an.
Neben seiner eigenen Karriere begann er früh, Verantwortung für andere zu übernehmen. 2016 gründete er den Styrian Fight Club, den er bis heute leitet. Aus einer kleinen Trainingsgruppe entwickelte sich ein erfolgreicher Verein mit zahlreichen Nachwuchssportlern. In Kapfenberg-Hafendorf bezog der Verein im Vorjahr eine neue Trainingsstätte. Dort werden Boxen, Kickboxen, MMA und Selbstverteidigung angeboten. Gleichzeitig etablierte Proderutti mit der Styrian Fight Night eine der bekanntesten Kampfsportveranstaltungen der Region. Bei der ersten Veranstaltung 2022 verteidigte er vor rund 600 Zuschauern seinen Weltmeistertitel. Drei Jahre später verwandelte die fünfte Auflage der Styrian Fight Night die Bammer-Halle in Bruck an der Mur vor rund 1.500 Besucherinnen und Besuchern erneut in eine Kampfsportarena. Dort verteidigte er seinen WKF-Weltmeistertitel gegen den Kolumbianer Daniel Torres erfolgreich.
So sehr ihn der Kampfsport geprägt hat, die Entscheidung zum Rücktritt fiel bewusst. Mehrere Angebote für weitere Kämpfe sowie Retourkämpfe von Geschlagenen liegen bereits vor, doch Proderutti bleibt standhaft. „Die haben jetzt Pech“, sagt er mit einem Schmunzeln. „Ich habe meiner Verlobten versprochen, dass ich aufhöre.“ Mit ihr hat er auch ein kleines Kind. Seine Tochter Emily aus einer früheren Partnerschaft ist bereits 13 Jahre alt und ist mit dem Kickboxen mit aufgewachsen, war sie doch bei seinen ersten Kämpfen immer mit dabei. Der Wunsch nach Familie und mehr gemeinsamer Zeit spielte bei der Entscheidung eine zentrale Rolle. Gleichzeitig haben die Jahre im Ring auch körperliche Spuren hinterlassen. Kieferbruch, Hämatome an der Lunge und zahlreiche kleinere Verletzungen gehören zu den Schattenseiten einer langen Karriere. Dass ihm der Wettkampf fehlen wird, bezweifelt er nicht. „Einmal Kampfsportler, immer Kampfsportler.“ Doch aktuell überwiegt die Freude über den richtigen Zeitpunkt.
Sie hat Ja gesagt beim Heiratsantrag bei der Styrian Fight Night 2026
Auch wenn die aktive Karriere beendet ist, wird Karl Proderutti weiterhin eine prägende Figur der heimischen Kampfsportszene bleiben. Als Trainer fördert er die nächste Generation von Athletinnen und Athleten, als Organisator entwickelt er die Styrian Fight Night weiter. Die nächste Ausgabe der Veranstaltung ist bereits geplant. Am 6. Februar 2027 soll die Fight Night wieder in Bruck stattfinden und erstmals gibt es auch am 26. September in der Festhalle St. Lorenzen ein Event. Zudem lädt der Styrian Fight Club am 4. Juli zu einem Tag der offenen Tür in sein Gym nach Kapfenberg-Hafendorf. Den Gürtel hat Proderutti behalten und vor allem hat er etwas geschafft, das nur wenigen Sportlern gelingt: Er konnte seine Karriere auf dem Höhepunkt beenden – mit einem Sieg gegen sein Idol und mit dem Wissen, dass nun ein neues Kapitel beginnt.
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