Interview
Das Radio in Tirol: Geschichten über einen Alltagsbegleiter
- Der Autor Benedikt Kapferer fasste erstmals Tirols Radiogeschichte in einem Buch zusammen.
- Foto: Alicia Martin Gomez
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Das Buch "Das Mikrofon im Dorf" von Benedikt Kapferer erzählt erstmals umfassend die Tiroler Radiogeschichte.
INNSBRUCK. Es ist das schnellste Medium der Welt: Das Radio! Geschichten, Nachrichten und Musik gehen direkt ins Ohr und damit auch mitten ins Herz. Kein Wunder also, dass dieses vielseitige Medium auch in Tirol eine lange Tradition hat. Anlässlich des 100-jährigen Jubiläums des Radios in Österreich hat sich Benedikt Kapferer mit der Vergangenheit und Zukunft des Radios in Tirol beschäftigt und nun ein Buch heraus gebracht. "Das Mikrofon im Dorf" so lautet der Titel des Werkes, das aufzeigt, wie nah und greifbar das Medium Radio für uns Tiroler ist. In einem Gespräch mit MeinBezirk erzählt der Journalist und Autor von seinen Erfahrungen mit dem Audiophänomen, dem Prozess des Schreibens und die Geschichte hinter dem Buch.
Das Radio der Kindheit
"Das Radio ist vielseitig und erzählt so viele Geschichten, dass jeder seine ganz eigenen Erinnerungen daran hat"
, meint Benedikt Kapferer und erzählt mit einem Schmunzeln von seinen frühesten Begegnungen mit diesem Medium:
"Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich einen Kassettenrekorder hatte mit Mikrofon, auf dem ich die Musik aus dem Radio oder meine Stimme beim Geschichtenerzählen aufgenommen habe. Oder daran, dass das Radio früher die einzige Möglichkeit war, Musik auch mitzunehmen, man aber selbst nicht der DJ sein konnte. Weshalb meine Freunde und ich auch mal versucht haben per Telefon einen Musikwunsch zu äußern. Da war man immer ganz aufgeregt, ob man in der Warteschlange durchkommt"
Der frühe Wegbegleiter des Autors und Journalisten hat ihn sein ganzes Leben fasziniert. Er begründet das damit, dass das Radio ein sehr schnelles Medium sei, dass direkt in jeden Haushalt und ins Ohr geht. Es sei unglaublich vielseitig und bietet im Vergleich zum Film die Freiheit zur Vorstellungskraft. Benedikt Kapferer beschäftigt sich auch im Zuge seiner Arbeit bei ORF Tirol mit der Gestaltung von Radiobeträgen und ist so ganz tief in der Materie verankert.
- Ravag-Reporter Balduin Naumann kommentiert den 50km Langlauf in Seefeld bei den FIS-Wettkämpfen am 13. Februar 1933
- Foto: ÖNB/Wien, RÜ 1-2-55, Foto: Lothar Rübelt
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Was steckt dahinter?
Angefangen hat die Idee zum Buch, wie so vieles im Leben, durch einen glücklichen Zufall. Benedikt arbeitete nach seinem Studium zunächst am Institut für Zeitgeschichte an der Universität Innsbruck und erwarb so eine umfassende Expertise in Sachen Recherche. Während der Pandemie begann er, sich umzuorientieren und machte eine Ausbildung an der Tiroler Journalismusakademie, in deren Anschluss er einige Praktika bei Medienunternehmen absolvierte. Eines davon bei der Zib 2, wodurch er bereits Experten in Bezug auf die Tiroler Radiogeschichte kennenlernte. Zurück in Innsbruck wandte sich das ORF Landesstudio Tirol an das Institut für Zeitgeschichte mit dem Wunsch, die eigene Vergangenheit aufzuarbeiten. Mit dem Wissen, dass Benedikt journalistisch und historisch interessiert ist, übertrug Prof. Dirk Rupnow dieses spannende Projekt an ihn. Die Forschungsarbeit hatte einen Umfang von 300 Seiten und erstreckte sich über die Jahre 1920 bis 1970.
"Es war eine intensive Zeit, die alle Bereiche, die mich interessiert haben, vereint hat. Mediengeschichte, Journalismus und Erinnerungskultur. Da konnte ich nach dem Forschungsprojekt einfach nicht loslassen"
, erzählt der junge Autor, der nach der Fertigstellung des Forschungsprojektes eine Stelle als Journalist bei ORF Tirol bekam.
Viel Arbeit und Recherche
Der Zeitplan für die Entstehung dieses Buches war äußerst knapp. In nichtmal einem Jahr sollte das Werk vollendet sein, denn die Veröffentlichung war an das 100-jährige Jubiläums des Radios in Österreich gebunden, das am 1. Oktober 2024 gefeiert wird. Trotz der überaus umfangreichen Vorarbeit fehlten Benedikt noch die Jahre von 1970 bis heute.
"Das spannende, aber auch herausfordernde an diesem Projekt war, dass es zum Großteil nur Literatur über die bundesweite Radiogeschichte gab, zu Tirol aber nicht. Ich entdeckte sozusagen etwas Neues"
, erläutert er und erzählt, wie er bei dem Buch vorgegangen ist. Zahlreiche Stunden verbrachte er damit, Archive zu durchstöbern, sei es beim ORF, im Ferdinandeum dem Tiroler Landesarchiv oder auch im Brenner Archiv. Doch viele der Infos erhielt er vor allem durch Gespräche und Interviews. Ca. 25 davon wurden durchgeführt, indem Benedikt zunächst Freunde, Verwandte und Kollegen nach berühmten Tiroler Radiostimmen befragte und diese dann ausfindig gemacht hat.
- Innsbrucker Eigensendungen hatten Sonderstatus und wurden in den Zeitungen groß angekündigt
- Foto: Tiroler Radiowoche / Innsbrucker Nachrichten, 16.1.1932, S. 12
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Besondere Momente
So kam es auch, dass Benedikt Kapferer einer der letzten war, der Ernst Grissemann vor dessen Tod interviewt hat.
"Das war eine wahnsinnige Ehre. Schließlich war Ernst Grissemann als 'The Voice' bekannt. und diese warmherzige Stimme dann persönlich zu hören, wenn auch nur digital, war einfach toll. Er war sehr humorvoll und unterstützend und es war eine wunderschöne Begegnung"
, schwärmt der junge Journalist. Er hatte zahlreiche solche Begegnungen, unter anderem auch mit Anti Knoll, Thomas Kamenar oder Martin Sailer.
"Das ist das Schöne am Beruf als Journalist. Man kommt mit vielen Menschen in Berührung, mit denen man sonst nie zu tun hätte. Und ich sehe es auch als Privileg, mit Zeitzeugen gesprochen und deren Offenheit gespürt zu haben"
, berichtet Benedikt wertschätzend. Doch nicht nur die außergewöhnlichen Gespräche zählen zu den schönsten Momenten während des Recherche- und Schreibprozesses des Autors. Es waren auch die zufälligen Entdeckungen, die das Projekt bereichert haben. So fand Benedikt beispielsweise einen Tagebuchauszug von Erich Kästner, der während seines Aufenthaltes in Tirol über das Radio schrieb.
- Benedikt war einer der Letzten, die noch ein Interview mit Ernst Grissemann führen konnte. Allerdings nur digital.
- Foto: Benedikt Kapferer
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Herausforderungen
Doch auch wenn im Zuge des Projektes zahlreiche Glückstreffer gelandet wurden, kann man keineswegs davon sprechen, dass es einfach war. Drei Herausforderungen musste sich Benedikt Kapferer neben dem engen Zeitplan besonders stellen: Das Finden von Bildmaterial, das Organisieren von Interviewterminen und die Suche nach weiblichen Repräsentantinnen.
"Das Radio ist eigentlich ein bildloses Medium. Man sieht die Sprecher und Sprecherinnen nicht. Da ist es natürlich besonders schwierig Bildmaterial für ein Buch zu finden, weshalb ich oft auf die privaten Fotos von den Beteiligten angewiesen war"
, berichtet der junge Journalist und ergänzt:
"Das war dann die nächste Herausforderung, denn viele der potenziellen Interviewpartner und -partnerinnen sind sehr beschäftigt. Da einen geeigneten Termin zu finden, bedarf großer Hartnäckigkeit."
- „Märchentante“ Margit Seeber im Studio mit Mikrofon und Schreibmaschine
- Foto: Corso/Oswald Gasser/Wedermann
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Ein persönliches Fazit
Für Benedikt Kapferer ist die Geschichte des Radios fest verwoben mit der Entwicklung der politischen und gesellschaftlichen Systeme sowie der Mediengeschichte, weshalb man die Tiroler Radiogeschichte auch über die Grenzen hinaus betrachten muss. "Was viele gar nicht wissen ist zum Beispiel, dass Tirol und Vorarlberg sich lange eine Frequenz teilen mussten. Da hat man sich dann ausgemacht, wer welchen Wochentag übernimmt, was besonders die Tiroler störte, die die Vorarlberger Radiosprecher und -sprecherinnen zum Teil nicht verstanden", erläutert Benedikt mit einem Schmunzeln. Er sieht für das Radio noch eine vielversprechende Zukunft:
"Das Radio ist keineswegs tot. Das zeigen auch unterschiedliche Studien und die Entwicklung der zahlreichen Podcasts. Und genau darin sehe ich die Zukunft des Radios. Das Medium ist unkompliziert, denn im Vergleich zum Film kann jeder und jede eine Radiosendung oder einen Podcast ganz einfach zu Hause gestalten. Es ist also sehr greifbar."
Das Buch
Mal exklusiv, mal inklusiv, völkisch eingeengt oder kosmopolitisch, verkitscht und romantisiert oder lebensnah und aufgeschlossen, von wirtschaftlichen und von uneigennützigen, aufklärerischen Motiven getrieben: Radio, und besonders Radio in Tirol, war immer auch ein Kind seiner Zeit - und nah dran an den Menschen. So zeichnet der Journalist Benedikt Kapferer die wichtigen, weichenstellenden Einflüsse auf das Radiomachen und das Radiohören nach, erzählt zugleich aber von vielen kleinen und großen Begebenheiten, legendären Sendungen, Meilensteinen und prägenden Persönlichkeiten wie Ernst Grissemann, Roland Staudinger, Bert Breit, Margit Humer-Seeber, Andi Knoll, Martin Sailer, Gudrun Liener, Thomas Kamenar oder Rainer Dierkes, die manchmal auch den Sprung zur überregionalen Karriere und Bekanntheit schafften und verrät unter anderem:
- Welche Sprecherin aus Tirol gehörte zu den ersten weiblichen Radiostimmen Europas
- Warum schrieb Erich Kästner 1945 im Zillertal über das Radio?
- Welche Rolle spielte der Bruder von Dollfuß-Nachfolger Kurt Schuschnigg beim Wiederaufbau des Tiroler Radios nach dem Zweiten Weltkrieg?
- Mit welcher Sendung legte Jonny Hill den Grundstein für seine Karriere als Entertainer?
- Wie verschlug es ZIB2-Anchor Armin Wolf als Maturant ins ORF Landesstudio?
- Welcher Falco-Song läutete die Ära des Privatradios in Tirol ein und mit wem duellierte sich z. B. Radio Freirad um die Sendelizenz?
- Was hat der britische Musikproduzent Fatboy Slim mit der Tiroler Radiogeschichte zu tun?
Geheimtipps
Zur Einstimmung in diese spannende Lektüre gibt es zwei Möglichkeiten:
- Man hört sich die Spotify Playlist passend zum Buch an, in der die beliebtesten Radiohits aus den 100 Jahren großteils zusammengefast sind.
- Man besucht die Buchpräsentation am 23. Oktober um 19:00 Uhr im Zeughaus Innsbruck
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