„Unter der Schüssel-Ära habe ich wirklich sehr gelitten!“

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Vizebgm. Eugen Sprenger bilanziert über 20 Jahre Sozial- und Umweltpolitik, bemängelt die Sozialkompetenz der ÖVP und erinnert sich an die „schwerste Zeit der Stadtpartei“

Eine Woche vor seinem endgültigen Rücktritt zieht Eugen Sprenger im STADTBLATT über 20 Jahre Innsbrucker Politik Bilanz und findet auch in Bezug auf aktuelle Entwicklungen sehr klare Worte.

STADTBLATT: Sehr geehrter Herr Vizebürgermeister! Sie haben gerade in Innsbrucks Sozialpolitik wichtige Spuren hinterlassen. Welche waren die wichtigsten Entwicklungen, die sich unter Ihrer Federführung ereignet haben?
VIZEBGM. EUGEN SPRENGER:
„Als ich 1987 Sozialreferent geworden bin, hat es mehrere große Herausforderungen gegeben. Im Bereich der Wohn- und Pflegeheime habe ich die Situation vorgefunden, dass, wenn jemand pflegebedürftig geworden ist, er ins Heim am Hofgarten verlegt werden musste. Das war für die Heimbewohner eine sehr schwierige Situation, weil ihnen natürlich dadurch bewusst wurde, dass jetzt das Ende naht. Deshalb war es von Anfang an mein Anliegen, dass in allen Heimen Pflegestationen errichtet werden, sodass niemand mehr verlegt werden muss, wenn er pflegebedürftig wird. Das ist ein Programm, das mich bis heute begleitet und in wenigen Monaten mit dem Bauteil 3 des Wohnheims Hötting abgeschlossen werden kann.“

STADTBLATT: Auch in der Obdachlosenhilfe haben Sie neue Maßstäbe gesetzt. Welche waren dies?
SPRENGER:
„Ja, hier hat es erhebliche Defizite gegeben. Man muss sich vorstellen, die städtische Herberge ist damals so geführt worden wie heute die Notschlafstelle. Die Leute durften dort zwar nächtigen, mussten das Haus aber um 8.00 Uhr wieder verlassen, egal ob es draußen 30 Grad plus oder 20 Grad minus hatte und es hat keinerlei sozialarbeiterische Betreuung gegeben. Ich habe also Schritt für Schritt diese Einrichtung generalsaniert und adaptiert. Zudem haben wir in einem politischen Kraftakt das Alexihaus neu geschaffen. Ich bin heute noch stolz, dass das damals gelungen ist. Heute gibt es einen Personenkreis von etwa 150 Menschen, die wir in diesen Einrichtungen betreuen und es gibt darüber keinerlei politische Diskussion mehr.“

STADTBLATT: Diese Initiativen sind vor allem für einen bürgerlichen Politiker bemerkenswert. Sie haben immer das Christlich-Soziale in Ihrer Politik hervorgehoben. Wie schwer hatten Sie es diesbezüglich mit Ihrer eigenen Fraktion?
SPRENGER:
„Ich stamme aus einer Arbeiterfamilie, bin in bescheidensten Verhältnissen aufgewachsen und kann nicht zuletzt deshalb und wegen meiner christlich-sozialen Vorstellungen die Nöte dieser Menschen nachempfinden. Ich glaube, das ist überhaupt die Voraussetzung für gute Sozialpolitik. Ich habe mich daher in diesen Bereichen auch nie von den Vorstellungen der Sozialdemokraten oder der Grünen unterschieden. Ich war bisweilen sogar sozialer.“

STADTBLATT: ... und in der eigenen Fraktion? Breite Zustimmung?
SPRENGER:
„Nein! Ich hatte hier sehr wohl Schwierigkeiten mit den eigenen Leuten, die diese sehr weitgehende soziale Einstellung nicht nachvollziehen konnten. Das führte bisweilen zu heftigen Auseinandersetzungen – gerade ums Geld. Unter Finanzreferent und Bgm. Van Staa wurde es schließlich leichter, da er diese Bemühungen fast immer unterstützt hat.“

STADTBLATT: War für Sie die Sozialpolitik immer schon ein Steckenpferd?
SPRENGER:
„Eigentlich nicht! Als ich in den Gemeinderat eingezogen bin, hatte mich aufgrund meiner Ausbildung als Forstingenieur vor allem die Umweltpolitik interessiert. Ich habe damals sehr viele ökologische und umwelttechnische Maßnahmen initiiert. Man muss sich vorstellen, dass es damals noch keinen Laufmeter Radweg gegeben hat. Zudem hatten wir eine Luftsituation, die heute unvorstellbar ist. Die Schadstoffwerte waren so enorm hoch, dass gerade ältere Menschen und Kinder sehr darunter gelitten haben – ich würde sagen 10- bis 15-mal höhere Werte als heute. Mein Schwerpunkt war also der Natur und Umweltschutz. Für den Sozialbereich habe ich einfach, wie erwähnt, den entsprechenden emotionalen Zugang und die Lösungsorientiertheit mitgebracht. Ich war einfach der richtige Mann zur richtigen Zeit.“

STADTBLATT: Inwieweit vermissen Sie in Ihrer eigenen Partei auf Bundes- und Landesebene das soziale Engagement?
SPRENGER:
„Das wäre sehr wünschenswert. Ich habe es immer bedauert, dass wir sowohl im Land Tirol als auch auf Bundesebene nie besonders profilierte Sozialpolitiker hatten bzw. wir auch diese Ressorts nie geführt haben. Ich habe hier auch gelitten, wenn ich gerade an die Schüssel-Ära denke, wo unsere Partei keine besondere soziale Kompetenz vermittelt hat. Die christlich-soziale Komponente unserer Partei sollte eigentlich viel mehr vermittelt werden. Ich glaube, dass wir dadurch auch wesentlich bessere Wahlergebnisse erzielen könnten und mehr Zuspruch erhielten.“

STADTBLATT: Apropos Wahlergebnisse: Ihre Amtszeit, vor allem als ÖVP-Obmann, war von einer schwierigen Situation für die Stadtpartei gekennzeichnet. Wie sehen Sie diese Dinge im Rückblick?
SPRENGER:
„Die Zeit, die ich hier erlebt habe, war für die ÖVP mit Sicherheit die schwierigste seit 1945 – keine Frage. Das Antreten von FI und damit die Spaltung der Partei hat diese ja de facto gelähmt. Einerseit hätte ich nämlich die Interessen der Gesamtpartei, andererseits die Interessen der Fraktion wahrnehmen sollen. Dies war im Alltag sehr schwer zu leben, besonders am Anfang unter Van Staa. Mit der Zeit hat sich die Situation dann stabilisiert. Unter Hilde Zach sind diese Differenzen jedoch wieder voll aufgebrochen, was zu einigen schwierigen Situationen geführt und der Partei massiv geschadet hat, da viele Mitglieder die Orientierung verloren hatten.“

STADTBLATT: Was ist an der Legende dran, dass die SPÖ und die Grünen Sie 2006 zum Bürgermeister machen wollten?
SPRENGER:
„Ja, dieses Angebot hat es gegeben. Ich habe hier, an diesem Tisch, mit den Sozialdemokraten und den Grünen zwei Gespräche geführt. Das Angebot war klar, aber in der eigenen Fraktion überwog die Skepsis. Aber ich muss sagen, dass ich diesen Weg gegangen wäre, wenn die Verhandlungen mit FI gescheitert wären. Ob das so ein erfolreicher Weg geworden wäre, weiß ich nicht, weil ich den beiden Fraktionen voll ausgeliefert gewesen wäre. Für mich war das damals zweifellos eine sehr, sehr schwierige Entscheidung!“

Das Interview führte
Stephan Gstraunthaler

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Autor:

Stadtblatt Innsbruck aus Innsbruck

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