20.03.2017, 16:23 Uhr

Zügellose Lust am Spiel

Schwabs Präsidentinnen sind auch in der Neuauflage ein Ereignis. (Foto: Christina Schmoelz)

Schwabs Präsidentinnen im Treibhaus, Motel im Westbahntheater – zwei Theaterkritiken von CHRISTINE FREI

Alles, nur keine Wiederholung, muss sich Esther Frommann, Ausstattungskönigin der Szene und Dritte im Bunde beim Staatstheater wohl gedacht haben, als sie zum Zehnjährigen an die Neuinszenierung ihrer Kultproduktion aus dem Jahr 2008 rangingen. Und ein Blick auf die Homepage wie auch ins eigene Erinnerungshinterstübchen lässt keine Zweifel offen: die Frommann wird ihrem Ruf auch mit dieser Produktion wieder gerecht. Ganz anders das Szenario: kein kleinbürgerlicher Plastikkrempel, keine Grillwürstel, vor diesen semitransparenten Nylonvorhängen und in diesem reduzierten Wohnzimmernichts wird einem kalt ums Herz, und das soll es wohl auch. Dieses Mal lässt sie die Körper sprechen, und wie. Denn aus diesen entäußerten Körpern brechen die verstörenden Seelen der Präsidentinnen förmlich heraus. Mona Kraushaar setzt in ihrer Inszenierung ganz auf die sezierende Wucht von Werner Schwabs grausam poetischen Text und nicht zuletzt auf die Gestaltungskraft ihrer Darstellerinnen. Ute Heidorn und Carmen Gratl haben dieses Mal übrigens ihre Rollen getauscht. Heidorn wird also zur allzeit lustigen Grete, Gratl zu Erna, der bigotten Wohnzimmerdiktatorin mit Pelzhut. Elena Ledochowski gibt die heilige Mariedl der verstopften Kloschüsseln. Mit dieser intensiven Neuinszenierung beweist das Staatstheater jedenfalls einmal mehr, dass sie sich wie kaum eine andere Formation auf drastische kompromisslose Theaterinhalte verstehen.

Nicht minder passioniert und doch ganz anders in seiner Absurdität ist indes die jüngste Westbahntheaterproduktion „Motel“ der beiden ungarischen Schriftsteller und Schauspieler András Vinnai und Viktor Bodó. Denn in „Motel“ ist nichts wirklich logisch (oder vielleicht doch?), da wird wie nur was in der Theater- und Filmgeschichte gewildert, da öffnen sich unentwegt Türen und neue Handlungsstränge, die auf den ersten Blick nicht wirklich was miteinander zu tun haben, außer dass Vinnai und Bodó sie in einem etwas abgewirtschafteten Motel ansiedelten, das der Hoteldirektor lediglich durch das Umdrehen eines Straßenschildes zu einem Großstadtfünfsternehotel umfunktioniert. Aber das kommt halt vermutlich davon, wenn ein unterforderter Rezeptionist am Manuskript eines Hotelgastes weiterschreibt. Als Besucher/in tut man, so wie vom Autorenduo vorgeschlagen, gut daran, sich nicht lang mit verstehen wollen aufzuhalten, sondern sich einfach nur dem Wahnwitz der rasanten Szenenfolgen hinzugeben. Denn was Fabian Kametz hier mit dem Westbahntheaterensemble gelingt, das dieses Mal von Hausherr Konrad Hochgruber, Elena Maria Knapp und Stephan Lewetz verstärkt wird, ist schlichtweg atemberaubend. Wunderbar auch Luka Oberhammers Bühnenbild: Aneinandergereihte Wohnzimmerkästen werden bei ihr zu Hotelzimmern, aus denen man jederzeit heraustreten und hineinverschwinden kann. Und zuletzt ist nur eines gewiss: So viel ungebremste Theaterleidenschaft macht richtig Spaß.
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