Landesgericht
Bordellbesitzer soll Kunden erpresst haben

Richter Slawomir Wiaderek
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Vor dem Landesgericht St. Pölten: Bordellkunden – darunter ein Kremser – fühlen sich betäubt und betrogen.

St. PÖLTEN/ KREMS. Geschockt reagierten mehrere Kunden eines Bordells in St. Pölten, als sie nach meist alkoholbedingtem Tiefschlaf erwacht die Rechnung für Dienste von Prostituierten und gemeinsamer Konsumationen präsentiert bekamen. Einige wurden sogar bei der Polizei angezeigt, als sie sich weigerten für etwas zu bezahlen, an das sie keinerlei Erinnerung hatten.

Bordellbesitzer vor Gericht

Am Landesgericht St. Pölten konfrontierte Staatsanwalt Thomas Korntheuer nun den 33-jährigen Betreiber der Luststätte, seinen 40-jährigen Schuldeneintreiber und eine Prostituierte unter anderem mit dem Vorwurf, man habe Kunden des Etablissements absichtlich mit starken alkoholischen Getränken so abgefüllt, dass sie nach dem Aufwachen keine Erinnerung an angebliche Bestellungen hatten. Mit Bildern am Handy, auf denen die Kunden meist mit mehreren Rotlichtdamen im Bett und jeder Menge leerer Flaschen zu sehen waren, forderte man die Männer auf, den „Schandlohn“ zu begleichen.

Kremser Kunde soll 11.850 Euro zahlen

So machte etwa die Rechnung eines Kunden aus dem Bezirk Krems im September 2019 insgesamt 11.850 Euro aus. Er soll dafür fünf Prostituierte über sieben Stunden bestellt und insgesamt 30 Flaschen Sekt konsumiert haben. Der Mann zahlte 7.600 Euro, den Rest blieb er schuldig, weshalb es bei ihm zur Anzeige bei der Polizei kam.

Melker ist fassungslos

„Ich bin fast in Ohnmacht gefallen, als ich die Rechnung gesehen habe“, so ein Pädagoge aus dem Bezirk Melk gegenüber Polizeibeamten, der dem Schuldeneintreiber sogar die Bankomatkarte samt Code gab. Mit den behobenen 700 Euro war es jedoch nicht getan. Als der Lehrer sich weigerte noch weitere 8.000 Euro zu zahlen, suchte man ihn zweimal an seiner Wohnadresse auf und drohte, seine Dienststelle über seine Bordellschulden zu informieren. Zuletzt kam es im Sekretariat der Schule unter Vorlage des „Beweisfotos“ zur letzten Aufforderung, indem man dem angeblichen Schuldner über einen Kollegen ausrichten ließ, dass er zu zahlen hat, andernfalls würde man ihn über Medien bloßstellen. Am 16. Jänner 2020 bezahlte das Opfer, leidet jedoch nach wie vor an den gesellschaftlichen Auswirkungen der Nötigung.

Die Drohung mit einer Anzeige brachte im Jänner 2019 einen Kunden dazu, 7.000 Euro von einem Bankomat zu holen und im Oktober 2019 soll eine Kellnerin, die bereits vor dem Prozess untergetaucht war, einem schlafenden Gast die Kreditkarte entwendet haben, mit der sie Buchungen, für die sie keinen Code brauchte, tätigte. Belege mit der gefälschten Unterschrift des Kartenbesitzers legte sie zum Beweis den Ermittlungsbeamten vor.

Barkeeper packt aus

Unwohl fühlte sich einer der Angestellten des Etablissements. Der Barkeeper wollte bei den Geschäftspraktiken nicht mitmachen. Er beschuldigt nun seinen damaligen Chef, zwischen September 2018 und Oktober 2019 mehrmals zugeschlagen, ihn gewürgt und mit dem Umbringen gedroht zu haben, falls er nicht mitmache oder gar zur Polizei ginge. Eine Prostituierte soll von dem Puffpapa einen heftigen Faustschlag gegen die Schläfe bekommen haben und auf dessen Anordnung von Kolleginnen bewusstlos vor dem Lokal abgelegt worden sein.

Ebenfalls angeklagt ist eine rumänische Prostituierte, die sich zu Beginn des Prozesses nicht schuldig bekannte und über Verteidiger Hans Pucher die teils hohen Rechnungen auflisten ließ. So sei etwa einer der „Betrogenen“ bereits stark alkoholisiert gekommen, habe auch diverse Extraspielchen verlangt und habe sich dabei als „Bettnässer“ entpuppt, weshalb mehrfach die Wäsche gewechselt werden musste. „Das kostet natürlich“, meinte Pucher, wobei es die Zimmermiete betreffend schließlich egal sei, ob er auch dort schlafe.

Drei Flaschen Whiskey sind zu viel

Der Erstangeklagte, ein russischer Staatsbürger, der ab 2013 das Bordell führte, bestritt überwiegend die Vorwürfe, obwohl er sich vor Polizeibeamten doch weitgehend geständig zeigte. Er habe vor der Einvernahme zwei Tage nicht geschlafen und rund drei Flaschen Whiskey getrunken, so seine Erklärung gegenüber Richter Slawomir Wiaderek. Von seinen Angestellten habe er erwartet, dass sie sich um die Gäste „kümmern und bemühen“. Möglicherweise hätten diese die Kunden betrogen. Die Gewaltvorwürfe wies der Vorbestrafte vollständig zurück. Verteidiger Martin Engelbrecht hob in seinem Eingangsplädoyer hervor, dass es sich bei den angeblichen Opfern meist um Stammgäste gehandelt habe, denen die Preise bekannt waren und die häufig auch nach den vermeintlichen Betrugshandlungen wieder als Kunden das Bordell aufsuchten.

Kunden bewusst betäubt

Der Zweitangeklagte, ein gebürtiger Österreicher, war „Mädchen für alles“ und kümmerte sich auch um Schuldner. Er sei nur seiner Aufgabe nachgekommen und habe die Kunden zum Zahlen jener Beträge aufgefordert, die ihm Kellner und Prostituierte nannten. Daher fühle auch er sich nicht schuldig.
Man habe die Kunden bewusst betäubt und ihnen dann weit überhöhte Rechnungen vorgelegt, erklärte die untergetauchte Kellnerin, die sich auch zu ihren Falschaussagen schuldig bekannte, in ihrer polizeilichen Einvernahme. Allerdings habe man alles nur auf Auftrag des Betreibers gemacht.
Der Prozess ist vorerst für drei Tage anberaumt, für die Angeklagten gilt bis zu einem rechtskräftigen Urteil, das frühestens nächste Woche zu erwarten ist, die Unschuldsvermutung.
Die Zeugenaussagen finden vorerst unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Ein Urteil wird im Laufe der Woche erwartet.

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