Plastikwahnsinn
Granulat im Kunstrasen? Söll setzt auf Kork!

Zwischen Kufsteins Kunstrasenplatz und der Polytechnischen Schule schmilzt der Räumschnee dahin, der von Gummigranulat durchsetzt ist.
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  • Zwischen Kufsteins Kunstrasenplatz und der Polytechnischen Schule schmilzt der Räumschnee dahin, der von Gummigranulat durchsetzt ist.
  • hochgeladen von Sebastian Noggler

Kunstrasen ist ein nützlicher Helfer für Sportvereine, besonders im  Fußball, da sich diese Plätze weit weniger abnützen und weniger Pflege in Anspruch nehmen, als mit herkömmlichem Rasen. Zudem bleiben sie im Frühjahr während der Schneeschmelze kürzere Zeit feucht. Im Bezirk Kufstein nutzen acht von 23 Fußballclubs einen Kunstrasenplatz. Die Tiroler Landesregierung will künftig nur noch solche Plätze fördern, die ohne Gummigranulat auskommen.

BEZIRK (nos). Lange Winter lassen den Naturrasen oft sehr lange feucht bleiben, nicht zuletzt darum nutzen auch acht Fußballclubs im Bezirk Kufstein einen Kunstrasenplatz: Alpbach, Ebbs, Kramsach, Söll, Kirchbichl, Thiersee, Wörgl und Kufstein. Auf Gummigranulat verzichten können dabei nur Alpbach und Ebbs, ab Sommer setzt Söll auf Kork. Auf allen anderen Plätzen wird der Kunstrasen mit winzigen Plastikteilchen aufgefüllt, "um ein Hängenbleiben und damit verbundene Bänderverletzungen der Spieler zu verhindern", erklärt Kufsteins BEZIRKSBLÄTTER-Sport-Guru Friedl Schwaighofer. Auch in Tennishallen komme solches Granulat beispielsweise zum Einsatz.

Nur noch Förderungen "ohne Gummi"

Der Bau von Kunstrasenplätzen mit Verwendung von Gummigranulat wird seitens des Landes nun nicht mehr gefördert. Das wurde im Rahmen der jüngsten Regierungssitzung beschlossen. Im Gegenzug dazu erhöht sich der Zuschuss beim Bau von Kunstrasenplätzen, bei denen auf Gummigranulat verzichtet wird: 25 Prozent der Kosten sollen förderbar sein, bisher waren es 15 Prozent. Insgesamt werden dafür 500.000 Euro im Rahmen der Infrastrukturförderung der Abteilung Wirtschaft und Wissenschaft veranschlagt.

LH Günther Platter:

„Kunstrasenplätze sind bei uns wesentlich, um beispielsweise Fußball überhaupt in dem Ausmaß ausüben zu können. Durch die Schneeschmelze und die ständige Aufbereitung und Reinigung der Kunstrasenplätze gelangt das Gummigranulat häufig in Böden und Gewässer, was wiederum eine große Belastung für Natur und Umwelt darstellt. Die möglichen Risiken für die Ökologie können und wollen wir nicht mittragen. Kunstrasenplätze mit verfülltem Granulat sind für uns daher nicht mehr förderwürdig.“

LHStvin Ingrid Felipe:

„Jedes Jahr werden Tonnen von Mikroplastik in Form von Granulat von Tirols Kunstrasenplätzen abgetragen. Die Unmengen an Plastikpartikeln schaden nicht nur dem Ökosystem rund um den Sportplatz, sondern gelangen über Umwege auch in unsere Bäche.“

Alpbacher bauten den zweiten "Unverfüllten" in ganz Tirol

Die Anschaffungskosten für "unverfüllte" Kunstrasenplätze oder alternative Füllstoffe sind teilweise weit höher, als für die gängigen Modelle. Allerdings müssen mit Kunststoffgranulat verfüllte Plätze nach Ablauf ihrer Lebensdauer von zehn bis 15 Jahren als Sondermüll entsorgt werden, wie Alpbachs Bürgermeister Markus Bischofer gegenüber den BEZIRKSBLÄTTERN erklärt: "Darum haben wir uns damals den Kunstrasenplatz 'am Besele' in Innsbruck angesehen, den ersten unverfüllten in Tirol, und uns für die Anschaffung eines solchen Platzes entschieden. Unser Kunstrasen hat eine Lebensdauer von 25 Jahren und kann danach recycelt werden." Dafür griff die Gemeinde gerne etwas tiefer in die Tasche.
Laut einer Studie von "GemNova" und "Eurac Bozen" von 2006 kommen bei der Entsorgung eines herkömmlichen Kunstrasenplatzes über 77.000 Euro an Kosten auf die Gemeinden zu.

Auch Ebbser kicken "ohne Gummi" am Kunstrasen

In Ebbs wurde von Sommer bis Herbst 2018 ein neuer Kunstrasenplatz angelegt, wie Vizebürgermeister Sebastian Kolland erklärt:

"Im Vorfeld der Planungen wurden diverse Projekte in Tirol und auch in Salzburg besichtigt. Auch wenn die Errichtungskosten bei einem unverfüllten Platz höher sind, haben wir uns vor allem aus Gründen des Umweltschutzes  – in direkter Nachbarschaft des Platzes befinden sich ein Waldstück und bewirtschaftete Felder – als auch in Hinblick auf die in Folge geringeren Wartungskosten für die Errichtung einer Kunstrasenanlage nach den neuesten technischen Standards entschieden."

Insgesamt gibt Ebbs für das Projekt etwa 1,25 Millionen Euro aus, allerdings nicht nur für den Platz selbst, sondern auch für alle notwendigen Nebenanlagen wie eine Zufahrtsstraße, die Umzäunung des Platzes, die Errichtung eines Brunnens zur Bewässerung, eine neue LED-Flutlichtanlage und eine zusätzliche Naturrasenfläche. "Das Land wird aller Voraussicht nach etwa 180.000 Euro beisteuern", so Kolland.
Die Pflege des Platzes übernimmt der SK Ebbs, dafür wurde ein eigenes Platzpflegegerät angeschafft. "Über dieses Maß hinaus rechnen wir nicht mit weiteren jährlichen Wartungskosten", meint der Vizebürgermeister.

Kufsteiner suchen Alternativen bis zum Neubau

In Kufstein wird der 2008 um rund 505.000 Euro errichtete Kunstrasenplatz an der Sportarena vom Team des Bauhofs betreut. Dessen Leiter Thomas Guglberger sei bereits in Kontakt mit dem Hersteller, um nach Alternativen zu den Kunststoffteilchen zu suchen. "Von der damals ausführenden Baufirma wurde zugesichert, dass ,'für das Projekt Kunstrasenplatz Kufstein (…) ausschließlich geprüfte, gesundheitliche und umweltverträgliche Materialien eingesetzt' werden", so die Stadt auf Anfrage der BEZIRKSBLÄTTER, "die Ausführung war in dieser Weise damals auch vom FC Kufstein gewünscht."
Auch mit Umweltreferent Stadtrat Stefan Hohenauer (Parteifreie) wurde das Thema Granulatbefüllung bereits diskutiert. "Ein solcher Belag ist nach rund 15 Jahren Bespielung ohnehin 'fertig' und dann werden wir wohl einen neuen errichten müssen. Das wird dann sicherlich ohne Plastikteilchen erfolgen", erklärt Hohenauer gegenüber den BEZIRKSBLÄTTERN. Für die restlichen kommenden Jahre wolle man sich um Alternativen für die Befüllung bemühen, dabei wolle man auch auf die Pläne in Söll eingehen. Bisweilen werden in Kufstein rund 200 bis 300 kg neues Granulat jährlich in den Platz eingebracht, die Kosten für die Instandhaltung trägt die Stadtgemeinde.

Söll setzt ab Sommer auf Kork!

Die Errichtung des Schul- und Vereinszentrums in Söll erfolgte ab dem Juni 2006, der Sportplatz ist seit April 2007 im Einsatz, in Abhängigkeit der Benützungsintensität und des laufenden Pflegeaufwandes wurde die Lebensdauer mit zehn Jahren prognostiziert, mittlerweile wird der Kunstrasen dort rund zwölf Jahre intensiv genutzt, erklärt Vizebürgermeister Wolfgang Knabl, Obmann-Stv. des FC Söll, gegenüber den BEZIRKSBLÄTTERN: "Aufgrund des Verschleißes ist nun eine Komplettsanierung erforderlich, die in den Sommermonaten 2019 erfolgen soll."
Rund 300.000 Euro schätzen die Söller aus Erfahrungswerten besichtigter, vergleichbarer Anlagen, werde die Sanierung insgesamt kosten. "Die langjährige Erfahrungen und die Vergleiche mit bestehenden Fußballplätzen, welche kein Granulat verwenden, hat unsererseits ergeben, dass die Standfestigkeit der Spieler im erforderlichen Ausmaß nicht gegeben ist. Es kam dabei immer wieder zu Verletzungen und Kritik aufgrund der mangelhaften Qualität in Bezug auf die Benützungs-  und Spieleigenschaften", führt Knabl aus.
Allerdings hat Söll eine Alternative zum Kunststoff gefunden, die allerdings rund viermal so teuer sei, wie der Vizebürgermeister anmerkt:

"In Söll soll eine Befüllung mit Korkgranulat erfolgen, die bereits bei anderen Anlagen, wie der Akademie in St. Pölten, von uns besichtigt und ausprobiert wurde. Korkgranulat ist ein gänzliches Naturprodukt und hat gegenüber dem unbehandelten Gummigranulat die wesentlichen Vorteile der Umweltverträglichkeit, dass es sich bei Sonneneinstrahlung kaum erhitzt und optimale Spieleigenschaften gewährleistet. Damit wird in Söll der erste Kunstrasenplatz mit Kornkgranulatbefüllung in ganz Tirol errichtet!"

Bislang wird hier sogenanntes „behandeltes“ Granulat verwendet. "Das heißt, dass das herkömmliche Gummigranulat in einem aufwändigen und teuren Verfahren mit einer Farbschicht ummantelt wurde und dadurch die Umweltbelastung deutlich verringert wurde, dies wurde uns auch mittels eines uns vorliegenden Gutachtens bestätigt", so Knabl.

"Die Gemeinde Söll ist sich der Verantwortung für eine umweltschonende Sportplatzsanierung und –erhaltung bewusst und hat sich daher für die kostenintensive Variante der Korkgranulatbefüllung entschieden."

Vizebürgermeister Wolfgang Knabl, Söll

Kirchbichl: Weniger Granulat, mehr Quarzsand

Die Gemeinde Kirchbichl und der SV Kirchbichl unterzeichneten 2008 den Bestandsvertrag, der den Sportverein als Hauptnutzer zur Pflege des dortigen Kunstrasenplatzes verpflichtet. Da das Gelände nahe des Strandbads besonders moorig ist, entschied man sich damals für den Bau der Anlage anstatt Naturrasen zu verwenden, so die Gemeinde. Rund 400.000 Euro gaben die Kirchbichler dafür aus, inklusive Unterbau und weiterer Anlagen. Der SV kickt hier auf 6cm hohen "Grasfasern", die im unteren Drittel mit Quarzsand und im mittleren mit Kunstoffgranulat aufgefüllt werden, um die optimale Bespielbarkeit zu garantieren. Die war auch der Grund für die Entscheidung für die gewählte Kunstrasenvariante, man habe sich vor der Errichtung einige Plätze in Tirol angesehen.

Wörgler Platz auch ohne neues Granulat "in hervorragendem Zustand"

Der Kunstrasenplatz in Wörgl wurde 2008 errichtet, die Kosten betrugen damals rund 200.000 Euro und wurde dem SV Wörgl vom Generalunternehmer STRABAG angeboten, so Andreas Widschwenter, Obmann des SV Wörgl: "Eine Alternative wurde nicht vorgeschlagen, weil dieser Platz damals dem höchsten Stand der Technik entsprach."
Vom SV Wörgl wurde, trotz Anraten des Errichters, in diesen "zehn Jahren des Betriebs noch kein weiteres Granulat aufgebracht", erklärt der Obmann, "trotzdem hat dies der Qualität des Platzes bisher nicht geschadet. Es waren auch niemals Reparaturarbeiten notwendig. Insofern sind diesbezüglich kein Kosten angefallen. Sollten Kosten anfallen, trägt diese aufgrund einer Vereinbarung zwischen der Stadtgemeinde Wörgl und dem SV Wörgl der Sportverein, weil dieser auch der Hauptnutzer dieses Platzes ist."

Kramsach prüft derzeit Notwendigkeit für Neubau

Im Jahr 2006 baute die Gemeinde Kramsach um 387.000 Euro ihren Kunstrasenplatz, seitdem wurden zusätzliche 5.000 Euro für die fallweise Wiederauffüllung mit Gummigranulat notwendig, wie Bgm Bernhard Zisterer den BEZIRKSBLÄTTERN erklärt. Die Instandhaltungskosten trägt der Fußballverein. Eine Alternative zum "befüllten" Kunstrasen wurde damals nicht geprüft, derzeit allerdings die Notwendigkeit eines Neubaus als Ersatz für den nun bald 13 Jahre alten Kunstrasen.

Die "GemNova" & "Eurac"-Studie von 2006 finden Sie hier im pdf-Format.
Alle Beiträge zum Thema Kunstrasen finden Sie hier.
Alle Beiträge zum Thema Sportplatz finden sie hier.

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