10.07.2017, 14:48 Uhr

IV-Präsident: "Mehr in die Zukunft investieren, weniger in den Apparat"

Im WOCHE-Interview: Die IV-Präsidenten Georg Kapsch (Österreich) und Georg Knill (Steiermark)

Was macht den Standort Österreich aus Ihrer Sicht aus?
Kapsch: Engagierte Mitarbeiter, engagierte Unternehmer. Die Menschen haben eine hohe Flexibilität, sie sind flexibler, als es die gesetzlichen Rahmenbedingungen zulassen.
Knill: Ich möchte das noch um die Leistungsbereitschaft ergänzen. Wir haben hochmotivierte, loyale Mitarbeiter, sie wollen Leistung bringen und Geld verdienen. Und sie wollen flexibel arbeiten. Wir haben leider aus einem falschen Schutzgedanken heraus Regelungen, die nicht mehr der Realität und nicht mehr den Wünschen der Mitarbeiter entsprechen. Wir brauchen mehr Freiraum auf unternehmerischer Ebene, dann können wir uns wieder besser entwickeln.

Woran fehlt es noch?
Kapsch: Wir haben – aus der Historie heraus – gut ausgebildete Menschen in diesem Land. Das wird aber aufgrund des Niedergangs des Bildungssystems immer schlechter. Wir haben in verschiedenen Bereichen schon jetzt zuwenige gut ausgebildete Kräfte. Und wir haben immer noch zuwenige Frauen, die sich für technische Berufe erwärmen können. Das liegt an der Sozialisierung. Das beginnt in der Familie, im Kindergarten, in der Volksschule. Dort muss man den Hebel ansetzen. Es ist auch unsere Aufgabe, die Lehrberufe für junge Frauen interessant zu gestalten. Nicht anders als für Männer, aber wir müssen die Frauen stärker motivieren. Es gibt keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen.

Niedergang des Bildungssystems – woran machen Sie das fest?
Kapsch: Wir investieren, gemessen am OECD-Schnitt, überproportional viel in die Bildung und bei den PISA-Tests schneiden wir unterdurchschnittlich ab. Der zweite Aspekt ist, dass unsere Lehrlingsanwärter mit einer schlechteren Bildungsbasis aus den Pflichtschulen kommen als noch vor 30 Jahren.
Knill: Wenn Lehrlinge im ersten Lehrjahr Grundrechnungsarten und sinnerfassend Lesen nachlernen müssen, fragt man sich schon, was zuvor in den 8 Jahren Schule gemacht wurde.

Szenenwechsel: Wie stellt sich das Bild der Industrie in Österreich dar?
Kapsch: Die Hälfte der Beschäftigen in Österreich sind direkt oder indirekt in der Industrie beschäftigt – das sind insgesamt 2,4 Millionen Beschäftigte.
Knill: Wir haben derzeit einen Beschäftigungshöchststand. In der Steiermark leisten wir mit 34 Prozent den höchsten Anteil an der Wertschöpfung und damit zum Wohlstand. Im Vergleich: Landwirtschaft und Tourismus liegen jeweils bei rund vier Prozent. Wir sind ein Industrieland.

Fühlen Sie sich von öffentlicher Seite genug wertgeschätzt für diese Wertschöpfung?
Kapsch: Nein. Grundstätzlich erhalten Unternehmer in diesem Land nicht die Wertschätzung, die sie verdienen. Wer schafft denn Arbeitsplätze? Es sind die Unternehmer. Und ohne uns gäbe es keinen einzigen Beamten in diesem Land, das muss auch einmal klar gesagt sein.
Knill: Ja, es gibt so etwas wie eine leistungsfeindliche Einstellung in diesem Land. Leistungsträger – und das sind Unternehmer und ihre Mitarbeiter nun einmal – haben immer wieder mit einer negativen Gesinnung zu kämpfen, da kommt sehr schnell der Neid ins Spiel, Leistung wird bestraft.

Eine Mentalitätsfrage?
Kapsch: Ja, es gibt Länder in denen vorrangig die Gier im Mittelpunkt steht, Amerika zum Beispiel. Und Länder, wo der Neid im Vordergrund steht. Und da ist Österreich an vorderster Front dabei. Beides ist nicht gut, ein gesundes Mittelmaß wäre der Weg.
Knill: Jeder Fußballer feiert ein Tor, als Unternehmer muss man sich für Erfolge fast ein bisserl schämen.

Zurück zur Politik ...
Knill: Es ist Wahlkampf und es wachsen schon wieder die Begehrlichkeiten der Politik, Begehrlichkeiten, die auf Unternehmer und die Leistungsträger losgehen.
Kapsch: Wenn man Unternehmer in die Enge treibt, vernichtet man Arbeitsplätze. Und Arbeitsplätze sind das höchste Gut der Gesellschaft. Arbeitsplätze garantieren den sozialen Zusammenhalt. Arbeitslosigkeit führt immer dazu, dass es Radikalisierung und Extremismus gibt. Darum verstehe ich nicht, dass man in diesem Land permanent auf jene hinschlägt, die für Wertschöpfung und Arbeitsplätze stehen.

"Hinschlagen" bedeutet ...?
Kapsch: Da gibt es weiche und harte Faktoren. Weiche sind zum Beispiel das Image, das man uns umhängt, das uns nah an Verbrecher und Ausbeuter rückt. Und dann gibt es harte Faktoren wie Steuer- und Abgabenlast, extrem hohe Arbeitskosten – seit 2004 sind diese um 29 Prozent gestiegen, zum Vergleich: In Deutschland waren es nur 20 Prozent, ähnlich ist es bei den Lohnkosten. Das bedeutet: Die Menschen können sich heute weniger leisten als vergleichsweise vor 25 Jahren – und das obwohl wir die Löhne fast immer über Inflationshöhe angehoben haben.

Das heißt?
Kapsch: Weder Mitarbeiter noch Unternehmer profitieren von Entwicklungen. Und das, weil wir eine Steuer- und Abgabenquote von 43 Prozent haben. Diese Punkte führen dazu, dass die Menschen finanziell unzufrieden sind – und nicht, weil sie vom Unternehmertum ausgepresst werden.
Knill: Faktum ist, dass der Staat immer gieriger wird und mit den ständig steigenden Einnahmen nicht zurecht kommt. Wir haben seit 46 Jahren durchgehend Neuverschuldung, trotz positiver Konjunkturentwicklung, trotz hoher Beschäftigung, trotz Null-Prozent-Zinsthematik. Schuldenmachen scheint für Parteien kein Problem zu sein, wir leben in Saus und Braus und geben den Kelch an unsere Kinder weiter. Dabei wäre jetzt ein guter Zeitpunkt für Reformen des öffentlichen Haushalts.

Ihre wichtigsten Forderungen?
Kapsch: Ersten müssen wir mehr in die Zukunft und weniger in die Vergangenheit investieren. Nur 25 Prozent des Bundesbudgets geht in Investiionen, der Rest geht in Vergangenheitsbewältigung und in den Apparat. Sprich: Es braucht Geld für Bildung und Forschung. Zweitens: Wir müssen wieder weltoffener werden. Diese Xenophobie, dieses Rückdrehen der Grundfreiheiten in der EU – das alles führt zur Verminderung des Wohlstands. Drittens geht es um Vereinfachung der Verwaltung und Bürokratie, inklusive Staatsreform. Viertens geht es um eine Reduktion der Steuer- und Abgabenbelastung für Unternehmen, zum Beispiel bei den Lohnnebenkosten.
Knill: Und ein wesentliches Thema ist auch die Schattenregierung, die wir in Österreich haben, die Sozialpartnerschaft.

Ihre Meinung?
Knill: In den letzten Tagen haben sich unsere schlimmsten Befürchtungen bewahrheitet. Die Sozialpartnerschaft ist weder lösungsfähig noch lösungswillig. Das aktuelle Ergebnis bedeutet 900 Millionen Euro mehr Belastung für die Unternehmer und Null in Sachen Arbeitszeitflexibilisierung. Damit wurde einer der wichtigsten Standortfaktoren beschädigt.

Das bedeutet?
Knill: Die Sozialpartnerschaft in dieser Form ist für uns nicht mehr tragbar.
Kapsch: Mit diesem Übereinkommen hat die Gewerkschaft der Sozialpartnerschaft den Todesstoß versetzt. Das können sie sich hinter die Ohren schreiben.

Also ein Aus für die Sozialpartner?
Kapsch: So wir die Sozialpartnerschaft leben, ja. Prinzipiell ist sie etwas ganz Wichtiges, im Sinn von Miteinander und Interessensaustausch. Aber nicht in einer Bazarmentalität und nicht, um die eigenen Funktionen zu behalten.

Ihr Vorschlag für die Zukunft?

Kapsch: Die Interessensvertretungen sollen sich auf ihre Kernkompetenzen zurückziehen und auf das Verhandeln mit der Bundesregierung. Aber sie sollen nicht eine Parallelregierung aufbauen.
Knill: Mein Wunsch wäre es außerdem, die betriebliche Sozialpartnerschaft zu stärken, die Betriebsräte. Auf dieser Ebene funktioniert das viel besser, auf Augenhöhe und aktueller. Dort gehören mehr Kompetenzen hin, die Institutionen darüber haben ja längst den Zugang zu ihren Mitarbeitern verloren. Die fühlen sich nicht mehr vertreten. Und mit unserer Arbeitgebervertretung haben wir auch so unsere Probleme.

Weil?
Knill: Ein Verhandlungsergebnis kann man nicht nur einer Seite umhängen, dazu gehört auch die Wirtschaftskammer unter Präsident Leitl. Wir sind mit dem Ergebnis höchst unzufrieden. Wir fühlen uns als Industrie in mehreren Themen nicht ausreichend vertreten.

Gibt es eine Erwartungshaltung für die Zeit nach dem 15. Oktober?
Kapsch: Die nächste Bundesregierung muss die echten Probleme anpacken: Arbeitszeit, Arbeitsnehmerschutz, insgesamt geht es um die Arbeitswelt. Die Bedürfnisse der Menschen und der Unternehmer sind ganz andere als in früheren Zeiten.

Das heißt konkret?
Kapsch: Das ist die Frage: Was wollen wir in Zukunft eigentlich entlohnen? Wollen wir auf Dauer Zeit entlohnen – oder wollen wir nicht doch besser Leistung entlohnen?

Gibt es eine Präferenz für die neue Regierung?

Nein. Aber es stellt sich die Frage: Welche Regierung, welche Regierungskonstellation ist unseren Zielen näher? Nationalismus brauche ich nicht in der Regierung – ansonsten ist es ist mir egal, welche Partei da oben sitzt, solange sie die Probleme anpackt.
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