Trofaiacher Stimmungsbilder
Marlies Zechner: "Als ob ich von einem Reaktor käme"

Marlies Zechner erzählt, wie es ihr in der zweiten Woche der Ausgangsbeschränkungen ergangen ist und was sie aktuell beschäftigt.
  • Marlies Zechner erzählt, wie es ihr in der zweiten Woche der Ausgangsbeschränkungen ergangen ist und was sie aktuell beschäftigt.
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  • hochgeladen von Verena Riegler

Mit den "Trofaiacher Stimmungsbildern" zeigt Jacqueline Juri, wie sich der Alltag der Menschen in Trofaiach in der aktuellen Zeit verändert.

TROFAIACH. "Das Stimmungsbild einiger Menschen in einer kleinen Stadt in einer Krisenzeit zu archivieren", ist das Ziel des Projektes von Jacqueline Juri, der Obfrau des Museumsvereins Trofaiach. Dafür hat sie in den vergangenen Wochen einige Trofaiacher telefonisch befragt, um zu erfahren, wie es ihnen mit der aktuellen Situation ergeht. Nachdem Marlies Zechner – sie ist Bereichsleiterin ,Kasse‘ bei  Merkur – ihre Gedanken und Erfahrungen bereits nach der ersten Woche der Ausgangsbeschränkungen geteilt hat, folgt nun ein weiteres Fazit nach Woche zwei.

Die zweite Woche seit der Ausgangsbeschränkung ist nun vorbei. Wie empfinden Sie Ihren körperlichen und geistigen/seelischen Zustand?
MARLIES ZECHNER: Körperlich hat sich nichts verändert. Ich fühle mich gut. Mir tut nichts weh. Geistig, muss ich ganz ehrlich sagen, bin ich nach einem Arbeitstag müde. Ich bin ,schwach im Kopf‘, ich mag nicht mehr reden, ich möchte meine Ruhe haben, ich schaue auf keine Social-Media-Plattform mehr, mir fehlt die Kraft dazu.

Was beschäftigt Sie/dich derzeit, auch im Hinblick auf Ihren/deinen Alltag?
MARLIES ZECHNER:
 Es beschäftigt mich, oder was ich so sehen kann ist, die Menschen waren vier bis fünf Tage zu Hause und haben ihr Leben auch ein wenig eingeschränkt. Dann kommen sie zu uns ins Geschäft und ich habe das Gefühl, viele glauben, dass das Leben jetzt weiter geht wie vor der Krise. Es war in unserem Lebensmittelgeschäft total viel los, wenige Menschen dachten an das Abstandhalten. Wir machten die Leute darauf aufmerksam und die Reaktionen waren sehr unterschiedlich, von sehr positiv bis wenig verständnisvoll. Es war sehr anstrengend, die Menschen laufend darauf hinzuweisen, Abstand zu halten. Mich hat das nachdenklich gestimmt. Verbessert hat sich die Situation nicht, meiner Meinung nach, obwohl es in den Medien anders dargestellt wird. Ich verstehe das nicht...

Was hat sich maßgeblich verändert, in dieser zweiten Woche?
MARLIES ZECHNER: 
Der Tagesablauf ist weiterhin sehr stressig, weil sehr viel los ist. Ich sitze bei der Kasse und arbeite durch. Beim Kassieren achte ich darauf, dass der Abstand zwischen den Kunden eineinhalb Meter beträgt. Von meinem Gefühl her ist das Verhalten schlechter geworden. Die ganze Filiale hat Visiere für die Mitarbeiter bekommen. Wir haben unsere Helme auf. Vielleicht auch, damit der Mensch sieht – okay, die Dame hat einen Helm auf, hoppala – vielleicht nützt das als zusätzliche Abschreckung, weil das wirkt ja auch psychologisch, wenn man einen Menschen mit Mundmaske, Handschuhen, Visier oder einem Helm, wie ich in aufhabe, sieht. 
Maßgeblich hat sich auch mein Familienleben verändert. Ich bin ein Familienmensch, habe alle gerne um mich, koche gerne. Derzeit kann ich meine Eltern nur über WhatsApp sehen oder über den Balkon, wenn ich ihnen was vorbei bringe und das wars – das tut mir weh.
Letzte Woche, dachte ich mir, ich muss mein Kind belohnen, weil er total toll ist zu Hause, sich an die Regeln hält, er macht bei den Hausarbeiten mit, erledigt seine Schulsachen, es gibt keine Diskussionen. Da habe ich beschlossen ihm ein Geschenk mitzunehmen. Mein erster Weg, wenn ich von der Arbeit nach Hause komme führt derzeit immer in den Heizraum. Dort gebe ich meine Wäsche in die Waschmaschine und dann gehe ich duschen. Erst dann begrüße ich meine Familie. Als ich an diesem Tag nach Hause kam, hat mein Sohn sofort entdeckt, dass ich was für ihn habe. Als ich ihm das Geschenk übergeben wollte, ging er auf mich zu, weil er mich umarmen wollte, ist aber dann gleich zurückgewichen und meinte: „Mama, machen wir später, du bist noch nicht geduscht.“ Wenn du so eine Situation an einem schlechten Tag hast, musst du weinen. Es kommt mir vor, als ob ich von einem Reaktor käme, als müsste ich die Strahlen entfernen, so auf die Art. Eigentlich sollte es ganz normal sein, dass du deine Liebsten umarmen kannst und ihnen auch ein Busserl gibst. Es stellt sich für mich die Frage, wann ich das bei meinen Eltern wieder machen kann.

Was möchten Sie/du Ihren/deinen Mitmenschen mitteilen?
MARLIES ZECHNER:
 Die Leute sollen bitte die Situation nicht auf die leichte Schulter nehmen. Wir sollen die Regeln befolgen. Wenn man so eine schwierige und harte Zeit hat wie jetzt, sollten wir an das Miteinander denken und das befolgen was einem gesagt wird. Viele von uns sind erwachsene Menschen und lassen sich nicht gerne etwas sagen, ich kann das verstehen. Aber in Zeiten wie diesen, wäre es nicht schlecht, wenn man die Abläufe oder Vorgehensweisen einfach nur befolgt. Auf dass es wieder einmal besser wird.

Interview: Jacqueline Juri

>>Hier gibt‘s weitere Stimmungsbilder und die Interviews der ersten Woche<<

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