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Blinde Liebe zu St. Pölten und Menschen
- hochgeladen von Roul Starka
Kousha & Hasienah, die entzückendsten Menschen, sprechen mich vor dem Billa Plus im Süden an. Sie werben um Beiträge für den Blindenverband, beide in ‚Kostüm und Maske‘. Ich reagiere wie gewohnt skeptisch, eher abweisend, so „nein, danke“ und will rein zu ‚meinen‘ Lebensmitteln. Worauf ich halt Guster habe. Dann höre ich mir den Kousha an: Plastiktext, wie gewohnt, brav aufgesagt. Kousha ist aber so ehrlich und fühlt sich gut an, ich spüre auch sein Unwohlsein, aber er arbeitet in den Sommerferien, dass er weiter lernen kann, was ER will. Es kommt dazu die hübsche Hasienah, flankierend, sehr, sehr lieb. Ich warne mich leise selbst: „Bleib cool und fall nicht in Koushas und Hasienahs braune Augerl, das kann teuer werden – und tu nicht so, als wären dir die Blinden jetzt so wichtig.“
Hören
Dann sag ich zum Kousha, er solle es mit seinen Worten sagen, und dann solle er mir zuhören und lernen, dass zunächst ‚zuhören‘ das Wichtigste ist und der einzige Weg zum Erfolg. Er hört zu, lange, er hört wirklich zu. So auch die Hasienah. Beide sind um die 20, Kousha ist aus dem Iran, Hasienah aus Afghanistan. Schon diese Worte krampfen meinen Magen auf Gummibärligröße zusammen. Doch Kousha und Hasienah haben gelernt, eindeutig unsere Sprache Deutsch (sehr gut sogar!), sie benehmen sich wie es besser nicht geht. Sie sind offen, authentisch, sie schummeln nicht, sie wollen Geld verdienen und das ist gut. Ich hätte ihnen sofort 20,- Euro in bar gegeben, aber das dürfen sie nicht annehmen, nur Dauerauftrag für den Blindenverband. Das tu ich nicht, ich unterschreibe nichts auf schnell, schnell und „zwengan Herz und für das Gute warads“.
Fühlen
Aber jetzt höre ich zu, höre mir ihre Geschichte an, wie ihre Eltern geflohen sind aus Krieg und Mord, aus Blut und Nichts-Essen-Nichts-Trinken. Sie drücken auf keine Mitleidsdrüse, sie bleiben stolz und sachlich. Das gefällt mir so gut wie schon lange nichts. Meine ebenfalls verständlichen Vorurteile gegenüber ihrer Religion und ihrer Herkunft gebe ich ehrlich zu und spüre, dass man darüber reden kann, es geht, ja, das geht.
Schmecken
Und darum schreibe ich dieses Erlebnis auf als Kolumne. Gott, gäbe es so viel zu schimpfen über St. Pölten, gäbe es so viel Nostalgisch-Melancholisches zu sagen über 40 Jahre St. Pölten Landeshauptstadt. Aber wir alle sind hier, weil wir aus dem Aelium Cetium der Römer etwas gemacht haben, seit 2.000 Jahren, wir alle, alle Menschen, die da durchgewandert oder geblieben sind, wir alle haben uns ‚Gott-welcher-auch-immer-sei-Dank‘ zugehört und manchmal auch geschrien, gestampft, gespuckt, gebissen, geschlagen, alles. Aber wir haben es gemeinsam überlebt und weitergelebt, weil wir einer anderen Seele zugehört haben. Unsere Religionen heißen jetzt halt Samsung, Google, Coca Cola, Mercedes und Tesla, gewürzt mit Original Waldviertler Bauernbratwurst.
Riechen
Da aber funkeln rein die tiefbraunen, ehrlichen Augen von Kousha und Hasienah, ich erkenne meine Verwandtschaft, egal ob die 100 oder 1.000 Jahre zurückliegt. Wir sind alle miteinander verwandt, tatsächlich Brüder und Schwestern. Es genügt ein Erkennen, um wieder zusammenzuleben. Sauerstoff und Wasserstoff konnten das, sonst gäbe es uns nicht. Hätte ein Edelgas gemeint: „Mein Gott ist der einzig wahre und richtige!“, es hätte sich in der Sekunde wieder zusammengezogen, das Universum. Die Idee ‚Gott‘ in Verbindung mit Religion ist des Menschen höchste Anmaßung. Gott braucht keine Buchstaben. Meine Katze Amy, göttlicher als Gott selbst, liebt kitekat und whiskas, geht aber auch mit felix fremd, ohne zu lesen. Alle Schriften, angeblich ‚von Gott geschickt‘, sind ein Auswuchs an Minderwertigkeitskomplex und Angst vor Schwäche und Fehlern. Doch ohne Fehler wirst du nichts. Erfolglose Menschen suchen Fehler, erfolgreiche machen welche. Du bist alleine, wenn du erwachsen werden willst, dann aber bist du mit dem Universum zusammen und nie wieder privat, du bist mit dir und der Welt zusammen und möchtest nie wieder wem weh tun. Da musst du aber bei dir selbst beginnen.
Sehen
Danke, Kousha. Danke, Hasienah. Kein Gott, keine Regel, kein Buch und keine Buchstaben haben uns zusammengebracht. Es waren Blinde, die uns ‚sahen‘. Liebe ist ewig stark und spürt uns, obwohl sie blind ist, blind aus Liebe.
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