14.07.2018, 07:47 Uhr

Ein "Heimatgefühl zum Lesen" ...

Heimatroman: "Für immer dein ..."  - 3. Kapitel

Mein Elternhaus stand oberhalb,
gut eine Stunde Fußmarsch von Heiligenblut entfernt.
Mein Schulweg war immer mühsam und beschwerlich.
Auch führte der Weg über eine Holzbrücke,
die über einer tiefen Schlucht errichtet worden war.
In den langen Wintermonaten war es besonders schlimm.
Oft reichte mir der Schnee bis zu den Hüften. 
Bei der Brücke traf ich dann immer
auf die anderen Kinder,
die von der anderen Seite der Schlucht kamen,
so auch Klara mit ihrem Bruder Bastian,
mit denen ich gemeinsam den restlichen Weg ging.
Hier kam mir Bastian immer entgegen,
nahm mich, wie selbstverständlich an die Hand
und führte mich über die, von mir so gefürchtete Brücke.
.
Ihr Elternhaus war eher klein,
auch herrschte dort oft die große Not.
War doch der Vater ein Köhler und Waldarbeiter.
Bei ihnen daheim gab es nur eine Milchkuh,
ein Hausschwein und ein paar Ziegen und Hühner.
Der Vater war immer schwarz und verrußt. 
Aus dem Gesicht leuchteten nur die Augen,
was mir anfangs Angst machte,
aber seine Stimme dagegen war ruhig
und vielleicht etwas krächzend.
Unvergessen wird mir immer ein Schultag bleiben,
an dem wir unseren Vater beschreiben musste.
Bastian musste mit dem Heft in der Hand
im Klassenzimmner vor der großen Tafel stehen
und seine Arbeit lau vorlesen. 
Dann las er etwas unsicher:
Das Aussehen meines Vaters ist rußig,
wie der offene Kamin in unserer Kuchl.
Schwarz ist er vom Kopf bis zu den Schuhen
und rauchig ist seine Stimme von dem
beißenden Rauch.
Aber sein Herz ist aus Gold,
und ich bin glücklich, dass er, und nur er,
mein Papa ist.
Er ist ein Papa zum gern haben!

Fertig war er und alle lachten.
Doch der Lehrer gebot uns still zu sein und sagte
dann mit einem Lächeln:
"Bastian, du hast die beste Schularbeit geschrieben."
Ja, Bastian war mein Held.
Er schien nie vor etwas Angst zu haben.
Er war ein Freund; mein Freund.
Der Vater hieß es gut,
denn auf den Burschen konnte er sich verlassen.
Doch nach der Schulzeit ging er fort, einfach so.
Er wollte in die Großstadt,
um dort eine Lehre als Schlosser zu machen,
und das liegt jetzt schon einige Jahre zurück.

So war ich mal wieder in Gedanken versunken,
als ich den Abstieg von der Alm heimwärts ging. 
Beim Wegkreuz teilte ich meinen Almrosenstrauß,
den ich zuvor oberhalb gepflückt hatte,
in zwei Teile und stellte einen Teil in die Vase. 
Auf dem Gnadenbild war ein Bild der Muttergottes
in einem weiten, wallenden Mantel,
unter dem die Menschen, die dort abgebildet waren,
sich Schutz und Geborgenheit erhofften.
Hinter der Wegbiegung
war der Blick frei auf das stattliche Anwesen,
"mein Elternhaus", dachte ich mit Stolz.
Mir wurde leicht ums leicht ums Herz,
als ich dann schnell weiterschritt. 
Die Sonne spiegelte sich in den Fensterscheiben.
Vor jedem Fenster, und das waren nicht wenige,
hatte Mutter selber die Balkonblumen gepflanzt.
Am liebsten waren ihr die Nelken.
Im Schutz der Holzbalkone
blühten sie üppig in verschiedenen Farben.
Ein leichter Wind wehte mir den Nelkenduft entgegen.

So viele Düfte waren mir seit der Kindheit vertraut,
so war es auch der leichte Lavendelduft,
der die Mutter immer umwehte,
und der Pfeifentabak des Vaters,  sowie der so
vertraute Duft von Kernseife und Bohnerwachs.

Dann entdeckte ich Mutter auf dem oberen Balkon
mit der Gießkanne in der Hand,
ganz vertieft beim Blumen gießen.
Ein Jodler kam über meine Lippen
und mit den Blumen von der Alm winkte ich heftig.
Sie hob den Blick und winkte mir zurück.
Endlich erreichte ich die Haustür
und trat ein.
Angenehm war die Kühle der großen Diele. 
Unter den beiden Fenstern stand der große Tisch,
an dem zur Erntezeit viel Obst sortiert wurde.
Daneben stand eine reich verzierte, geschnitzte Truhe
und auf der anderen Seite beim Treppenaufgang
der große Schrank, passend zur Kommode.
Habe ich doch hier in der Diele Fahrrad fahren gelernt,
so einladend groß und geräumig war sie.

Nun nahm ich eilig gleich zwei Stufen auf einmal
die Stiege hinauf,
wobei mir meine langen Haare,
die ich oft offen trug, leicht ins Gesicht flatterten. 
Zuvor hatte ich noch schnell den Rucksack
beim Treppenabsatz abgestellt.
Mutter stand noch immer bei ihren Blumen
und zupfte gedankenverloren 
die verblühten Triebe ab.
Ich eilte zu ihr und nahm sie in die Arme.
Sie gab mir einen Kuss auf die Wange:
"Komm mit in den Garten,
dort werden wir uns in die Laube setzen
und dann kannst du mir von der Alm erzählen."
"Schau, die Blumen von der Alm
hab ich für dich gepflückt",
sagte ich und reichte sie ihr.
Dann saßen wir im Schatten der Laube
beim Kräutergarten, in dem auch dicht beim Zaun
die Stockrosen in voller Blüte standen.
Nach einer Weile schaute die Mutter auf und fragte:
"Wo bleibt nur der Vater so lange?"
Die Trockenheit machte uns allen langsam zu schaffen.
Das Wetter gestern brachte den Feldern und Wiesen
ja endlich das ersehnte Nass.
Der Vater sagte, dass alles viel zu trocken sei
und die Gefahr besteht,
dass die gemähte Wiese verbrennen könnte. 
Er ist nach Heiligenblut gefahren
und will sich umhören,
wie es dort mit dem Wasserspeicher ausschaut.
Zum Glück haben wir ja unsere eigene Quelle
draußen bei der Felsenwand,
die in Hunderten von Jahren noch nie versiegte.
Auch habe ich  Vater gebeten,
die bunten Bänder und farbiges Papier mitzubringen.

Der Vater kam dann spät erst spät abends heim
und berichtet,
dass wieder Ingenieure und Geologen aus Wien
und Salzburg kommen würden,
um die Großglocknerstraße neu zu vermessen,
denn einzelne Keren und weitere Straßenstücke
sind weiter auszubauen.

Auch der Gletscher bildete sich unaufhaltsam zurück; 
auch ohne Luftaufnahmen wurden
die drastischen Veränderungen für jeden sichtbar.
Somit muss die begehbare Strecke auf der Pasterze
auch wiederum neu vermessen werden.
Bergsteiger nahmen jährlich so einen Ansturm
auf den Großglockner.
Viele Burschen aus dem Ort waren jetzt als Bergführer
tätig, um den Ansturm bewältigen zu können.
Engagierte Einzelpersonen,
zu denen auch der Vater gehörte.
Naturschützer und alpine Vereine verlangten
schon vor Jahren
einen stärkeren Schutz  für den Gletscher.
In den Regionen der Hohen Tauern, Schober-
und Großglocknergruppen 
bangte man um die Zerstörung der Natur.

"Unsere Naturlandschaft", sagte dann der Vater besorgt,
"ist unser Schatz mit vielen Tier- und seltenen Pflanzenarten."

Und weiter sprach er:
"Die Touristen strömen in Scharen herbei,
sodass die Murmeltiere ihnen bis zum Parkplatz
entgegenlaufen, um den Gästen aus der Hand zu fressen. 
Die possierlichen Tiere sind schon so fett,
dass ihre Beinchen sie bald nicht mehr tragen werden.
Nah, Scherz beiseite, und weiter sprach er:

"Die Gäste haben unserem Dorf einen großen Aufschwung
und viel Wohlstand gebracht.
Ist ja recht, aber um welchen Preis?,
fragte er dann sorgenvoll.
Der Gletscher, ein Gang auf der Pasterze,
was täglich Hunderten von Besuchern geboten wurde, 
beinhaltete ja wohl eine Erlebniswelt
mit einer einmaligen Informationsinfrastruktur für Besucher;
aber es brachte leider auch Menschenmassen ins Schutzgebiet.
Alle sprachen von einer stetigen Erwärmung der Erdoberfläche,
der Klimawandel ließ sich nicht mehr aufhalten
und jährlich verschwand der Gletscher um mehr als einen Meter -
eine dramatische Entwicklung."

Die Mutter und ich hatten konzentriert seinen Worten
gelauscht, aber ich hatte auch das Erschrecken der Mutter
bemerkt, als der Vater von den Ingenieuren berichtete,
die bald wieder kommen sollten.
Aber ich wusste mir keinen Reim darauf zu machen.

Nein, den Großglockner zu besteigen,
daran hatte ich noch nie gedacht.
Aber sich im Winter die Ski anzuschnallen
und die gut präparierten Pisten hinunterzufahren, 
das lag mir schon eher.
Freilich, auch das hat Narben in die Wälder geschlagen.
Als vor Jahren die Männer vom Vermessungsamt
gekommen sind, um riesige Waldflächen,
die gefällt werden sollten,
um den Freiraum für die Piste zu gewinnen.
Riesige Maschinen waren im Einsatz,
auch um die Masten aufzustellen,
auf denen dann die Seile gezogen wurden,
um dort die Sessellifte anzubringen. 
Die wiederum brachten tausende von begeisterte Skifahrer.

Auch dieser Tourismus
sorgte für eine beständige Geldeinnahme
und somit auch für Wohlstand in der Gemeinde.
Aber auch dafür mussten zusätzlich wiederum Wälder
gerodet werden, um Straßen zu schaffen
um den Massentourismus bewältigen zu können;
so entstanden auch Parkplätze und ein riesiges Parkhaus.
Das alles in dem engen Gebirgstal,
in dem die umgebenden Berge -
die natürlichen Grenzen setzten...


Hildegard Stauder 
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Doris Schweiger aus Amstetten | 14.07.2018 | 08:06   Melden
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Hildegard Stauder aus Villach | 14.07.2018 | 08:14   Melden
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Doris Schweiger aus Amstetten | 14.07.2018 | 08:50   Melden
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elisabeth pillendorfer aus Leopoldstadt | 14.07.2018 | 10:56   Melden
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Gabriele Hovezak aus Favoriten | 14.07.2018 | 21:29   Melden
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Hildegard Stauder aus Villach | 16.07.2018 | 18:13   Melden
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Elisabeth Staudinger aus Vöcklabruck | 19.07.2018 | 05:26   Melden
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