Julia Moser & Heidemarie Egger
"Die Grenzen von anderen gelten nicht für mich"
Julia Moser und Heidemarie Egger sind das Leadership-Duo von der unabhängigen Interessensvertretung Frauen* mit Behinderungen (FMB) und beschreiben ihre Arbeitsbeziehung wie eine berufliche Ehe. Wie sind sie dahin gekommen? Was treibt sie an? MeinBezirk.at hat nachgefragt.
MeinBezirk: Wie war ihr beruflicher Werdegang und was war der Antrieb dafür, den Verein FMB zu gründen?
Heidemarie Egger: Ich bin selbst eine Frau mit Behinderung und habe immer in der Kommunikation zum Thema Behinderung gearbeitet, etwa im Österreichischen Behindertenrat oder im Büro des Monitoringausschuss. Daneben habe ich mich mit freiwilliger Arbeit engagiert. Zu Beginn war ich für meine eigene seltene Erkrankung in einer Betroffenenorganisation. Aber intensiviert hat sich das seit zwei Jahren. Da haben Julia Moser und ich gemeinsam mit Eva-Maria Fink den Verein gegründet: FMB - Interessensvertretung Frauen* mit Behinderungen. Und es ist für mich selbst krass zu sagen, erst vor zwei Jahren, weil sich seitdem schon unglaublich viel getan hat.
Julia Moser: Ich bin auch eine Frau mit einer Behinderung. Ich wurde im Heranwachsen mit medizinischen Diagnosen und gleichzeitig mit Prognosen konfrontiert, was das jetzt für mein Leben bedeutet - diese waren allesamt negativ. Und daraus beziehe ich auch ganz viel Motivation dafür, die Situation zu ändern. Ich bin von der Ausbildung her Juristin. Ich habe auch im Bereich Wirtschaftsrecht gearbeitet, bevor ich mich entschieden habe, etwas Sinnvolles und Sinnstiftendes im Leben zu machen. Da haben sich auch die Wege von Heidemarie und von mir gekreuzt. Insofern war das dann auch ein logischer Schritt den Verein zu gründen, mit dem Ziel in Österreich wirklich eine unabhängige Interessensvertretung von Frauen* mit Behinderungen für Frauen* mit Behinderungen zu schaffen und dabei den klaren Fokus auf einen antiableistischen, feministischen und intersektionalen Zugang zu haben.
- Julia Moser und Heidemarie Egger (v.l.n.r.) gründeten die Interessensvertretung Frauen* mit Behinderungen.
- Foto: Martin Baumgartner
- hochgeladen von Sandra Blumenstingl
Welche Erfolge konnten Sie mit ihrem Verein schon feiern?
Egger: Was vielleicht für Außenstehende nicht so wichtig erscheint, aber was für mich einer der wichtigsten Punkte ist: Wir haben es ganz oft geschafft, Räume zu kreieren, in denen sich Frauen mit Behinderungen empowern. In denen sie merken, sie sind eine Community, egal, mit welchen Behinderungen sie leben und sie einander sagen können: „Hey, du schaffst das!“ Daraus habe ich so eine Stärke gewonnen. Und Hard-Fact-Erfolge kann man natürlich auch nennen. Wir haben Preise gewonnen, was immer eine tolle Bestätigung ist. Beispielsweise haben wir den Inklusionspreis der Lebenshilfe gewonnen oder den Preis der Vielfalt des Diversity-Ball. Da haben wir auch gemerkt, dass wir so sehr auf dem richtigen Weg sind.
Moser: Ich sehe es als wirklich großen Erfolg, dass wir die Jury und den Vorstand des Innovationsfonds von "Licht ins Dunkel" mit unserem Projektplan überzeugt haben, der durchaus ambitioniert ist. Wir sind klein, wir sind noch am Anfang, aber dass wir es geschafft haben, mit unserem Konzept und unserem Budget so zu überzeugen, dass uns zugetraut wird, dass wir es schaffen, in den drei geförderten Jahren die Interessenvertretung so aufzubauen, dass sie dann auch darüber hinaus fortbestehen wird.
Egger: Und der größte Erfolg ist, dass wir jetzt hier sitzen, als Leadership-Duo, als Team und wir können jetzt als Haupterwerb dafür arbeiten, dass eine Community von Frauen mit Behinderungen entsteht, die Sichtbarkeit bekommt und die Rechte von Frauen mit Behinderungen endlich zum Thema werden in Österreich.
Bekommen Sie viel Unterstützung und Zuspruch für Ihre Arbeit?
Moser: Ja, wir haben ganz viel Bestärkung und Unterstützung aus dem Umfeld und aus den verschiedenen Netzwerken erfahren. Anfangs hatten wir das Gefühl, wir müssten jetzt erstmal anklopfen gehen und schauen, dass die Leute mit uns reden. Aber eigentlich ist es gar nicht so, dass wir anklopfen müssen - wir müssen eher schauen, dass wir genug Zeit im Kalender finden. Das ist wirklich, wirklich toll. Ohne diese große und auch schon jahrelange Unterstützung wären wir glaube ich nicht dort, wo wir jetzt sind. Aber mit so einem großen Vertrauen, das wir in uns und unsere Arbeit spüren, steigen natürlich auch die Erwartungshaltungen, die es immer wieder zu managen gilt, weil wir in Österreich aktuell die einzige Interessensvertretung von Frauen mit Behinderungen sind, die das Thema wirklich intersektional angeht.
- Julia Moser: "Wenn Frauen mit Behinderungen nicht mitreden, dann fehlt eine ganz wichtige Dimension. Für uns ist total wichtig, dass Frauen mit Behinderungen auch wirklich an die Entscheidungstische kommen."
- Foto: Martin Baumgartner
- hochgeladen von Sandra Blumenstingl
Was überzeugt die Mitglieder Ihres Vereins?
Moser: Gerade Interessensvertretungen haben oft das Problem der Nachwuchsfindung und das ist bei uns sehr anders, würde ich sagen. Wir haben sehr viele junge Mitglieder, die wirklich motiviert sind, die auch sagen: "Cool, bei euch kann man wirklich mitreden, ich werde ernst genommen und meine Stimme hat auch Gewicht".
Egger: Wir haben auch österreichweit Mitglieder, obwohl wir den Sitz in Wien haben, weil wir auch vieles online anbieten und dafür auch stehen. Und wenn man jetzt auf die persönliche Ebene geht, ist es schon so, dass wir uns von dem, was wir mitbringen, sehr gut ergänzen. Julia ist so ein bisschen die "Mutbeauftragte", weil wo ich zögere, sagt sie: "Ja, das machen wir schon!" Und ich bin die Verbindung zur Community. Wir haben Expertise, auch was die wirtschaftliche Seite anbelangt und über was man sich alles Gedanken machen muss.
Sie haben Ihren Verein am 8. März gegründet. Hat der Weltfrauentag für Sie besondere Bedeutung?
Moser: Absolut, ja. Es gibt zwei Tage im Jahr, die für uns sehr wichtig sind. Zum einen der 8. März, der Internationale Frauentag, und zum anderen der 3. Dezember, der Internationale Tag der Rechte von Menschen mit Behinderungen. Und ich glaube, es ist ein ganz neuer Zugang, sich den Frauentag wirklich auch als ganz wichtigen Tag zu nehmen. Aber ich habe auch das Gefühl, seitdem wir damit begonnen haben, machen das andere auch und das ist großartig.
Egger: Und das Spannende ist ja, dass wir jetzt beides verbinden wollen. Wir wollen die Frauenszene, die feministische Szene, bei denen Gewaltschutz ein großes Thema ist und die Szene der Menschen mit Behinderungen verbinden. Und der 8. März bietet einen super Verknüpfungspunkt.
- Heidemarie Egger: "Und der größte Erfolg ist, dass wir jetzt hier sitzen, als Leadership-Duo, als Team."
- Foto: Martin Baumgartner
- hochgeladen von Sandra Blumenstingl
Was muss sich konkret noch am System ändern?
Moser: Wichtig zu sehen ist, dass Frauen mit Behinderungen derzeit kaum partizipieren, kaum an Entscheidungsprozessen beteiligt sind und daher auch an der Qualität der Entscheidungen nicht mit beteiligt sind. Und das fehlt aus unserer Sicht total. Wenn Frauen mit Behinderungen nicht mitreden, dann fehlt eine ganz wichtige Dimension. Für uns ist total wichtig, dass Frauen mit Behinderungen auch wirklich an die Entscheidungstische kommen.
Egger: Und um auch ein bisschen ans Eingemachte zu gehen: Das Thema Gesundheitsversorgung von Frauen mit Behinderungen oder das Thema Gewaltschutz haben noch viel Handlungsbedarf. Frauen mit Behinderungen sind um ein Vielfaches mehr betroffen von Gewalt. Aber natürlich auch das Thema Arbeit. Das wären so die großen Themen, die man sich so anschauen muss und soll.
Moser: Und wenn ich ergänzen darf, weil das auch sehr wichtig ist für ein selbstbestimmtes Leben, flächendeckender Zugang zu persönlicher Assistenz. Das würde Gewalt reduzieren. Frauen mit Behinderungen müssen oft in Gewaltstrukturen bleiben, weil sie einfach keine Wahl haben, weil sie vielleicht keine barrierefreie Wohnung finden, weil sie nicht das eigene Geld haben, weil sie auf das angewiesen sind, was sie im Umfeld vorfinden. Das wäre ganz wichtig.
Haben Sie irgendwelche Hürden erlebt, als Sie Ihren Verein gegründet haben?
Egger: Da habe ich ein ganz konkretes Beispiel. Wir finden keinen Raum, der barrierefrei ist, wo wir uns mit 30 Personen in einer Gruppe von Frauen mit Behinderungen treffen können, welcher nicht die Welt kostet, gut erreichbar ist und wo wir angenehm miteinander sein können. Und wenn wir eingeladen werden zu Vernetzungen oder zu Veranstaltungen, dann haben wir die Grundregel, dass die Basis von Barrierefreiheit gegeben sein muss. Mindestens muss man rein und auf die Toilette kommen können, wenn man einen Rollstuhl nutzt und bei öffentlichen Veranstaltungen braucht es irgendeine Form von Übersetzung wie zum Beispiel Schrifttonmensch und/oder Gebärdensprache. Und dieses „bare Minimum“ ist oft schon ein Struggle.
Moser: Aber auf einer Meta-Ebene ist natürlich auch die Art der Finanzierung in Österreich ein Problem, denn im Sinne der Behindertenrechtskonvention muss der Staat eine Interessensvertretung von Frauen mit Behinderungen ermöglichen, aber die Finanzierung ist nicht gesichert. Man kann Projektfinanzierungen beantragen, die nach einem Jahr auslaufen. Das heißt, man ist jedes Jahr wieder in die Administration verwickelt und das bringt so viel Sand ins Getriebe. Anstatt die Energie in die Sache selbst zu legen, muss man immer wieder um die Finanzierung zu kämpfen und rechtfertigen. Da braucht es längerfristigere Lösungen, die es momentan noch nicht gibt.
Ist Barrierefreiheit in Österreich noch ein Problem?
Egger: So eine Pauschalisierung ist schwierig, aber es ist schon auffällig. Selbst in Wien musst du immer bei jedem zum Beispiel Café vorher schauen. Diese extra Meile, dieser extra Aufwand zu sagen, was wir brauchen und zu überlegen, wie das funktionieren kann oder was es vielleicht für Alternativen gibt, ist so kräfteraubend für alle.
Moser: Aber auch andere Dienstleistungen sind oft ein Problem, weil sie relativ teuer sind, beispielsweise Gebärdensprachdolmetschung oder Schriftdolmetschung. Dafür haben wir jetzt einmal ein Budget erkämpft und ich meine wirklich erkämpft, weil wir das dann noch einmal gut begründen mussten, warum bei uns Veranstaltungen mehr kosten als bei anderen Organisationen.
- Heidemarie Egger: "Das Thema Gesundheitsversorgung von Frauen mit Behinderungen oder das Thema Gewaltschutz haben noch viel Handlungsbedarf."
- Foto: Martin Baumgartner
- hochgeladen von Sandra Blumenstingl
Wie können sich Menschen ohne Behinderung bei Ihnen engagieren?
Egger: Da müssen wir über Allyship sprechen. Allyship ist ein total wichtiges Konzept. Es gibt viele Menschen ohne Behinderungen, die mit einer sehr guten Grundhaltung die Lebensrealitäten von Frauen mit Behinderungen verbessern und ernsthaft etwas tun wollen. Gelebtes Allyship bedeutet einerseits wirklich verstehen zu wollen, was ist die Situation von Menschen mit Behinderung ist und gleichzeitig aber zu wissen, dass die Erfahrungen, von denen ich höre oder das Wissen, das ich mir aneigne, immer anders sein wird als die eigene Erfahrung einer betroffenen Person. Das heißt für uns auch, dass keine Person ohne Behinderung in einer führenden Rolle oder themenführend im Verein ist, aber man kann genauso mitarbeiten und mit unterstützen.
Hat sich die Situation an Schulen seit Ihrer eigenen Schulzeit verbessert?
Moser: Bei mir war es so, dass die Meinung von außen war, dass ich aufgrund meiner Behinderung nicht in die Schule gehen werde können. Da war ich noch im Kindergartenalter. Und mein Beispiel zeigt, wie wesentlich es in Österreich immer noch ist, in welchem Umfeld du groß wirst. Meine Eltern haben diese Meinungen nicht zur Kenntnis genommen, sondern für sie war völlig klar, ich gehe in die Schule, so wie mein Bruder auch. Ich persönlich hatte kaum Probleme, weil ich in dem System funktioniert habe, weil ich eine gute Schülerin war. Aber auf der Meta-Ebene waren da natürlich schon Probleme. Es war nicht so, dass die Schule extra etwas bereitgestellt hätte. Ich bin gut mitgekommen und insofern war ich es auch wert, in die Schule zu gehen. Aber aus heutiger Sicht ist das nicht das, was man unter einem inklusiven Schulsystem verstehen würde. Bei einem wirklich inklusiven System würde es nicht vorkommen, dass ich mich bei der Englischschularbeit durch ein Hörbeispiel durch raten muss. Am Schulsystem selbst hat sich auch nicht so viel geändert. Es gibt ganz viele Lippenbekenntnisse zum inklusiven Bildungssystem, aber wir wissen ja aus den Regierungsprogrammen einzelner Bundesländer, wie zum Beispiel der Steiermark, dass da Ressourcen für Sonderschulen noch verstärkt werden sollen, was eigentlich das Gegenteil von Inklusion ist.
Auch interessant:
Aktuelle Nachrichten aus Österreich auf
Du möchtest kommentieren?
Du möchtest zur Diskussion beitragen? Melde Dich an, um Kommentare zu verfassen.