Wenn Bilder zu klingen beginnen
Hubert Waldner aus St. Daniel über Anfänge, Kunst und Projekte
- Hubert Waldner in seiner Heimat, dem Gailtal, wo seine musikalische Reise einst begann.
- Foto: Privat
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Vom ersten selbst geschriebenen Lied während der Arbeit im Jungwald bis zu Kompositionen für internationale Filmproduktionen: Der Gailtaler Musiker und Komponist Hubert Waldner erzählt, wie er zur Filmmusik kam, was Regisseure von einem Komponisten erwarten und warum dabei manchmal stundenlang an einem einzigen Klang gearbeitet wird.
GAILTAL. Hubert Waldner kann sich noch gut daran erinnern, wann der Wunsch entstand, eigene Musik zu schreiben. Während seiner Hauptschulzeit in Kötschach-Mauthen arbeitete er als Ferialarbeiter bei Hasslacher. Gemeinsam mit seinem Bruder und Freunden aus St. Daniel pflegte er damals junge Fichten, Lärchen und Tannen. Zwischen steilem Gelände und Sichelarbeit gingen ihm erste Melodien durch den Kopf.
Ein Lied zwischen Bäumen
Immer wieder entfernte sich Waldner ein wenig von den anderen, um die Melodien für sich zu singen oder zu pfeifen. Schließlich nahm er Papier und Bleistift mit zur Arbeit und versuchte, die musikalischen Einfälle mit seinen damaligen Kenntnissen der Notenschrift festzuhalten. Eine Melodie der deutschen Popgruppe The Lords, „And at night“, hatte sich besonders in seinem Kopf festgesetzt. Waldner nahm deren Bewegungsrichtung zum Ausgangspunkt und versuchte, sie musikalisch gewissermaßen umzudrehen. So entstand sein erstes eigenes Lied – aus heutiger Sicht noch schlicht und stark von einer bestehenden Vorlage beeinflusst, für ihn damals aber ein wichtiger Schritt: „Ich glaube, das war wohl die Zeit, als ich mir mehr und mehr Gedanken machte, eigene Lieder zu komponieren.“
- Komponist Hubert Waldner beim Musizieren – Musik begleitet ihn seit seiner Jugend.
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Musik, die Bilder verändert
Später sollte ihn eine besondere Form des Komponierens immer stärker faszinieren: die Filmmusik. Für Waldner ist sie weit mehr als eine musikalische Untermalung. Musik könne Gefühle verstärken, eine Stimmung vorwegnehmen oder die Wahrnehmung einer Szene verändern. Auch kleine musikalische Motive können dabei eine bestimmte Figur oder Situation ankündigen, noch bevor sie überhaupt im Bild auftaucht. Gerade bei Dokumentarfilmen, in denen Landschaften, Natur oder historische Ereignisse im Mittelpunkt stehen, kann Musik zudem Übergänge schaffen und Bildern eine zusätzliche emotionale Ebene geben.
Ein Gefangenenlager als Klangwelt
Wie unterschiedlich die Anforderungen dabei sein können, erlebte Waldner zuletzt bei Escape after the escape“ des slowenischen Regisseurs Uros Zavodnik. Für die Dokumentation über das Gefangenenlager Stalag 18 in Wolfsberg sollte er eine atonale Komposition mit bewusst gleichförmiger Rhythmik entwickeln. Rund sechs Minuten Musik waren für das Hauptthema vorgegeben. Waldner setzte sich an seinen Mac und arbeitete mit seinen virtuellen Instrumenten, virtuellen Sounds und dem digitalen Musikstudio Cubase an der Komposition.
Viele Versuche bis zum richtigen Klang
Der Entstehungsprozess war von engem Austausch mit Uros Zavodnik geprägt. Musikbeispiele wurden verschickt, telefoniert und Details immer wieder angepasst. Besonders bei einem Perkussionsinstrument war der Regisseur zunächst noch nicht zufrieden. Waldner probierte deshalb über mehrere Stunden verschiedene Klangmischungen aus, bis die gewünschte Wirkung erreicht war. Für ihn zeigt sich daran, wie wichtig die Kommunikation zwischen Regisseur und Komponist ist: Je genauer die Vorstellungen formuliert werden, desto besser lässt sich die musikalische Idee umsetzen – auch wenn dafür mehrere Anläufe notwendig sind.
Erst die Chemie, dann die Musik
Für Waldner beginnt eine Filmkomposition deshalb nicht unbedingt am Computer, sondern zunächst im Gespräch. Er möchte den Regisseur oder die Regisseurin kennenlernen und verstehen, welche Funktion die Musik im Film übernehmen soll. Stil, Instrumentierung, Atmosphäre und einzelne Szenen müssen gemeinsam ausgelotet werden. Wenn die Zusammenarbeit funktioniert, entsteht daraus eine musikalische Sprache, die sich in den Film einfügt, ohne dessen Bilder zu überdecken.
- Der Gailtaler Komponist Hubert Waldner bei der Arbeit an seiner Musik.
- Foto: Privat
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Zwischen Bach und Elektronik
Ein anderes musikalisches Experiment führte Waldner für „Dark Vertigo“ mit dem italienischen Regisseur Giancarlo Soldi. Gewünscht war eine zarte Musik, die sich an Johann Sebastian Bach und insbesondere an der Form der Fuge orientiert. Waldner musste sich zunächst intensiv mit dieser musikalischen Vorlage beschäftigen, wollte sie aber nicht einfach kopieren. Stattdessen verband er die Anklänge an Bach mit eigenen Ideen und setzte zusätzlich elektronische Elemente und Raumeffekte ein. Besonders in den ruhigen Passagen des Bergdramas soll dadurch eine besondere Spannung entstehen.
Musik ohne Bilder
Eine zusätzliche Herausforderung: Von „Dark Vertigo“ hatte Waldner vorab überhaupt kein Bildmaterial gesehen. Er arbeitete ausschließlich mit den Beschreibungen des Regisseurs. Auch darin sieht er einen besonderen Reiz der Filmmusik. „Da musste ich all meine Routine und mein allgemeines Musikwissen einsetzen“, beschreibt Waldner den Prozess, aus den Vorstellungen des Regisseurs eine eigenständige musikalische Welt zu entwickeln. Beide Filme – „Escape after the escape“ und „Dark Vertigo“ – sollen im Herbst 2026 präsentiert werden.
Der lange Weg zum Film
Dass Waldner heute solche Aufträge erhält, ist das Ergebnis jahrelanger Arbeit. Als er 2018 mit seiner Familie von Wien nach St. Daniel zog, begann er gezielt Kontakte zu Filmemachern, Produzenten und Cuttern aufzubauen. Er sah sich Dokumentationen an, notierte die Namen aus den Film-Credits und schrieb die Verantwortlichen anschließend per E-Mail oder telefonisch an. Gleichzeitig stellte er sein eigenes Repertoire professionell über Dropbox zur Verfügung.
Dranbleiben zahlt sich aus
Auch beim ORF-eigenen Musikverlag konnte Waldner mehr als hundert Werke hinterlegen, die von Filmfirmen genutzt werden können. Die Abrechnung der entsprechenden Tantiemen erfolgt über die AKM. Für Waldner bedeutet der Weg in die Filmbranche vor allem eines: kontinuierlich am Ball zu bleiben. Noch immer verschickt er regelmäßig persönliche Bewerbungen an neue Kontakte. Seine Beharrlichkeit habe sich dabei zunehmend ausgezahlt.
Wenn Musik Geschichten erzählt
Für Waldner ist Filmmusik letztlich eine besondere Form des Erzählens. Sie kann sichtbar machen, was im Bild nicht ausgesprochen wird, Gefühle verstärken oder eine Szene in eine völlig andere Richtung lenken. Der Weg dorthin begann für den Komponisten aus dem Gailtal einst zwischen jungen Bäumen, einer Sichel und einer Melodie im Kopf. Heute entstehen seine musikalischen Geschichten am Computer, jedoch ohne die Verwendung jeglicher KI Werkzeuge!– und begleiten Bilder, die bald auch einem größeren Publikum zugänglich werden.
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