"Graz darf sich ruhig viel mehr zutrauen": Businesslunch mit Guido R. Strohecker

Beim gemütlichen Vormittagskaffee im Tribeka hatte Architekt Guido R. Strohecker (r.) viel zu erzählen.
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  • hochgeladen von Christoph Hofer

Er und sein Team haben die Raiffeisenlandesbank in Raaba ebenso neu gestaltet wie das John-Harris-Fitnesscenter in der Thalia (gemeinsam mit dem Planungsbüro Sam/Ott-Reinisch), sein neuester Streich, die Casino-Graz-Umgestaltung, sorgt seit Samstag für Staunen: So versucht Gudio R. Strohecker von den Strohecker Architekten, immer wieder Glanzlichter zu setzen. Wir haben uns mit dem Grazer zu einem Frühstück voller Visionen getroffen.

WOCHE: Fast 2.500 Gäste überzeugten sich vom neuen Casino-Look. Wie viel Planungsarbeit steckt in so einem Großprojekt?
Guido R. Strohecker: Das hat uns an die drei Jahre beschäftigt. Es gab auch Überlegungen, das Casino auf den Andreas-Hofer-Platz zu verlegen, da hatten wir schon ein Fünf-Sterne-Hotel inklusive Spiel-Tempel geplant.

Wie wichtig war es, neue Ideen in ein Haus mit so viel Geschichte zu implementieren?
Ein Casino ist sowieso eine spezielle Sache, das kann man nicht wie ein Café oder Restaurant behandeln. Es sollte ein richtiger "Place to be" werden, sowohl für diejenigen, die schon 20 Jahre herkommen, als auch für neue Gäste. Wir haben unter anderem die Deckenstruktur erhalten und dennoch neu interpretiert, der Boden ist eine Hommage an Las Vegas.

Sind solche Leitprojekte wichtig für eine Stadt wie Graz?
Absolut. Man sieht es ja am Beispiel Kunsthaus, jeder hat zu diesem Bauwerk eine Meinung, egal, ob positiv oder negativ. Auch der John-Harris-Bau hat polarisiert, aber das sind alles Dinge, die in einer Stadt Platz haben müssen. Leider ist experimenteller Wohnbau nicht mehr gefragt.

Eine Entwicklung, die sich abgezeichnet hat?
In den letzten Jahren hat sich Funktionalität gegenüber Kreativität durchgesetzt. Es wird viel zu sehr in Renditen gedacht. Anstatt kontroversielle Architektur zuzulassen, hat sich ein neues Biedermeiertum eingerichtet.

Kritiker entgegnen oft, dass Architekten, sofern sie freie Hand haben, auch vor historischen Altstadtkernen nicht "zurückschrecken" würden ...
Das stimmt so natürlich überhaupt nicht. Neue Projekte müssen mit Maß und Ziel durchgeführt werden. Man kann ja auch alte, historische Bausubstanz bewahren und trotzdem Neues eingliedern. Wien traut sich da viel mehr, auch Freiburg, das mit Graz eher vergleichbar ist.

Von welchen Städten sind Sie persönlich begeistert, wenn es um Architektur geht?
Barcelona hat sehr viel aus sich gemacht, im Vorfeld von Olympia 1992 wurde begonnen, die Stadt umzugestalten, heute wird sie von Touristen gestürmt. Auch die Hamburger Elbphilharmonie ist, bei all den Witzen über die Bauverzögerungen, ein Highlight.

In Graz bauen Sie gerade die SVA um, dazu sind Ihre Pläne für eine Tiefgarage am Eisernen Tor in aller Munde ...
Das gewaltige Echo auf dieses Projekt hat mich überrascht. Da wurde auch viel falsch kommuniziert. Eine dicke Haut braucht man als Architekt aber sowieso.

Viel wird in Ihrem Metier über Kreativität gesprochen. Was muss ein Architekt noch können?
Der kreative Part beträgt vielleicht zehn Prozent, dazu kommen Organisation, Management, Know-how, Bauüberwachung und -durchführung.

Welche Neuigkeiten darf man in naher Zukunft von Ihrem Büro erwarten?
Wir haben ein System für den modularen Hausbau im Luxussegment entwickelt: Mit dem Villavoon-Konzept, das auch patentiert wird, kommen wir ohne Leim und Metall aus, alles ist aus Holz. Nachhaltiges Bauen ist uns schließlich sehr wichtig.

Steckbrief

Geboren 1965 in Köln.
Seine Mutter stammt aus Ostfriesland, sein Vater ist Grazer und ebenfalls Architekt.
Der Grazer ist mit Gattin Olivia in zweiter Ehe verheiratet und hat drei Kinder.
Aktuell hält ihn seine dreijährige Tochter auf Trab. "Sie ist ein richtiger Sonnenschein."
Ab 1984 studierte er Architektur an der TU Graz, mittlerweile ist er staatlich befugter und beeideter Ziviltechniker.
Strohecker war in den 90ern auch Mitbegründer des Architekturbüros creuz&quer, unter anderem realisierte das Team die Neugestaltung der Bezirkshauptmannschaft Hartberg.
Bevor der leidenschaftliche Koch im Jahr 2014 das Architekturbüro von seinem Vater übernommen hat, gründete er 1996 die untermStrich software GmbH in Bruck/Mur.
In andere Städte zu fahren, ohne bewusst auf die Architektur zu achten, gelingt ihm fast nie. "Ich lebe Architektur, die Haptik ist mir einfach wichtig."
Sich selbst bezeichnet er als Genussmensch, der auch ein Auge dafür hat, an welchen Orten sich andere Menschen wohlfühlen.
Inspiriert ist er von vielen Städten in Deutschland: "Dresden hat mit Frauenkirche und Zwinger viel aus sich gemacht, auch Düsseldorf hat sich neu erfunden."
Privat zieht es ihn immer wieder gerne in die Südsteiermark. "Ich bin ganz einfach ‚steirerphil‘."

Infos zu Strohecker Architekten

Übernahme des Familienbetriebes durch Guido Strohecker 2014, davor war er sieben Jahre Partner von seinem Vater.
Aktuell beschäftigt man sieben Mitarbeiter.
Das Architekturbüro beschäftigt sich nicht nur mit der Planung von Projekten, sondern kümmert sich auch um deren Koordination und Umsetzung.
Zuletzt erhielt das Team um Strohecker den Zuschlag für die Neugestaltung der Innenarchitektur im Casino Graz, dazu gehörte unter anderem auch der Relaunch im Lebendspielsaal sowie der Restaurant-Neubau mit Gastgarten.
Das Büro wurde unter anderem für die Gestaltung des Raiffeisen-Multifunktionszentrums und des Casinos zwei Mal für den Wan (World Architecture News) Award nominiert.
Adresse: Kaiserfeldgasse 1, 8010 Graz
Telefon: 0316/47 46 16-0
Web:www.strohecker.at

Gast und Wirtschaft

Kaiserfeldgasse 6, 8010 Graz
Telefon: 0316/26 97 64
Web:www.tribeka.at
Öffnungszeiten: Montag bis Freitag von 7 bis 20 Uhr, Samstag und Sonntag jeweils von 8 bis 20 Uhr
Beschreibung: Trink besseren Kaffee: Diese Abkürzung steht seit Jahren für sich. Darüber hinaus zeichnet sich die Grazer Kette auch durch urbanes, gemütliches Flair aus. Die Filiale Kaiserfeldgasse ist der jüngste Neuzugang im Tribeka-Universum von Harry Fischer. Kaffee, Tee und andere Spezialitäten kann man auch noch am Grieskai, in der Technikerstraße und in der Leonhardstraße genießen.
Das Essen: Aufgrund eines engen Terminplanes gab es diesmal ein schnelles Frühstück: Guido R. Strohecker, der sehr gerne im Tribeka weilt, entschied sich diesmal für ein Mozzarella-Ciabatta und einen Cappuccino. Redakteur Christoph Hofer begnügte sich mit einem Kaffee.
Die WOCHE meint:
Der Kaffee ist zweifelsohne ein Markenzeichen und schmeckt hervorragend. Auch das Ciabatta lässt geschmacklich keine Wünsche offen, ist reichlich belegt und auch optisch ansprechend angerichtet.

Beim gemütlichen Vormittagskaffee im Tribeka hatte Architekt Guido R. Strohecker (r.) viel zu erzählen.
Genussmensch mit kreativer Gabe: Guido R. Strohecker

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