19.10.2016, 08:00 Uhr

Er liebt die heimische Kaffeehauskultur: Graz persönlich mit Howard Curtis

Ein Kaffee und möglichst viel Lesestoff: So "typisch österreichisch" entspannt sich Howard Curtis nach Vorlesungen auf der Uni, diesmal im Café Kaiserfeld. (Foto: Prontolux)

Der passionierte Drummer und Uni-Professor Howard Curtis über seine zweitbeste Lebensentscheidung, Urlaubswünsche und Vollzeitjobs.

Entspannt sitzt er da bei einer Tasse Kaffee und versteckt sich fast hinter seiner großen Zeitung. Es ist ein gewöhnlicher Nachmittag unter der Woche, draußen geht das Leben seinen Gang, im Inneren des Café Kaiserfeld kommt Howard Curtis zur Ruhe. Diese Art zu leben war dem professionellen Schlagzeuger und Universitätsprofessor fremd, als er vor rund zehn Jahren den Sprung über den Atlantik nach Graz gewagt hat. "Ich kam hier an und musste lachen. Was tun all diese Leute am Nachmittag? Die trinken Kaffee und lesen Zeitung? Undenkbar in Amerika!"

Vollzeit in Graz

Mittlerweile lacht der 63-Jährige nicht mehr, gehört er doch jetzt selbst zu jenen Personen, die einen Arbeitstag auf diese Art und Weise ausklingen lassen. Arbeit? Genau, nur seiner Profession wegen ist Curtis überhaupt in der Murmetropole gelandet. "Ich habe in den USA bereits als College-Professor im Bereich ,Drumming‘ unterrichtet, jedoch war nie ein Vollzeitjob dabei. Als ich erfuhr, dass in Graz ein Professor an der Kunstuniversität in Pension ging, habe ich kurz überlegt und mich dann doch dem Bewerbungsprozess gestellt."
Der Rest ist Geschichte: Eine Erfolgsgeschichte. Seit 2006 ist Curtis am Jazz-Institut der Universität tätig und unterrichtet Jazz-Drumming. "Mir taugen die Studenten hier, mit denen ich Musik mache. Jeder einzelne Arbeitstag macht einfach Spaß, sogar der Montag", lebt die Leseratte ("Ich lese viel und ständig") ihren Traum.

Das Saxophon-Fail

Bevor dieser Traum auch wirklich in die Realität umgesetzt wurde, musste einiges an Wasser den Mississippi hinunterfließen. "Mein erstes Instrument war ein Saxophon. Ich war absolut unbegabt. Dann hat mein damaliger Lehrer mit mir entschieden, dass ich zum Schlagzeug wechseln sollte. Eine im positiven Sinn gemeinte, folgenschwere Entscheidung."
Bereits mit elf Jahren wusste Curtis, dass er die Liebe zu diesem Instrument zu seinem Beruf machen wollte. Neben der Ausbildung an einer Musikschule spielte er auch erste "Gigs". "Natürlich unbezahlt", schmunzelt er.

Die Musik im Blut

Gerade diese Auftritte sind es, die den humorvollen Amerikaner beim Schwelgen in Erinnerungen wieder in die Gegenwart, genauer gesagt ins Café Kaiserfeld, zurückholen. "Hier habe ich vergangenen Freitag mit sechs weiteren Musikern gespielt. Der Schwerpunkt lag auf Rhythm- and Soul-Musik, das war ein einmaliges Erlebnis." Selbst nicht mehr aufzutreten und "nur" mehr an der Uni zu lehren, wäre für den passionierten Meer-Urlauber ("Am liebsten in Italien und Kroatien") nie in Frage gekommen.
Viel lieber denkt er an seine musikalischen Anfänge in Graz zurück. "Als Professor habe ich mein erstes Konzert im Stephaniensaal gespielt, auch das Café Stockwerk war ein Hotspot für Jazzmusiker."

Zu viel Schnee

Dabei war auch für Curtis aller Anfang schwer. "Als ich im März 2006 hier ankam, schneite es unentwegt. Dazu kannte ich überhaupt niemanden. Dann saß ich im Augarten und fragte mich: Was habe ich getan? Im Nachhinein war die Entscheidung, hierher zu kommen, die zweitbeste meines Lebens nach jener, Schlagzeuger zu werden."
In die USA fliegt er nur mehr, um seine Eltern zu sehen. "Ich fühle mich mittlerweile als Grazer, hier habe ich alles, was ich brauche." Sogar Urlaube gehen sich mittlerweile aus. "In Amerika ist das fast unmöglich. Ich war dementsprechend verwundert, wie die Leute hier einfach so eine Woche oder länger auf Reisen gingen."
Bleibt noch die Frage, wie es um das Deutsch von Curtis, der seine Uni-Kurse auf Englisch abhält, bestellt ist. "Ich kann im Alltag überleben, vielleicht habe ich in der Pension mehr Zeit dafür."
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