Radkuriere in Innsbruck
Damit nicht nur die Waden beißen

Die Radkuriere von mjam und Lieferando gehören mittlerweile zum Stadtbild dazu.
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  • Die Radkuriere von mjam und Lieferando gehören mittlerweile zum Stadtbild dazu.
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Wenn sie kommen, erhellt sich jedes hungrige Herz: Ein Blick in das Leben der Radkuriere von Innsbruck.

INNSBRUCK. Sie flitzen mit ihren Rädern durch die Straßen, in ihren Rucksäcken warmes Essen, das per App bestellt wurde. Die Radkuriere von den zwei großen Radlieferunternehmen in Innsbruck: mjam und Lieferando.
Dabei unterscheiden sich die zwei Firmen nicht nur in ihrer Farbe – Grellgrün für mjam und Orange für Lieferando –, sondern auch im Aufbau. Bei mjam, 2008 in Wien gegründet und vom Berliner Unternehmen Delivery Hero 2011 übernommen, sind 90 Prozent der Kuriere freie Dienstnehmerinnen. Mit allen Vor- und Nachteilen.

Ein flexibler Job neben dem Studium

Katha fährt seit Mai für mjam und sieht für sich nur Vorteile. "Diese Arbeit ist aber auch nicht meine Haupteinnahmequelle", wie sie erklärt. Wenn eben nicht Corona ist, hält sich die deutsche Psychologie-Studentin mit vielen kleinen Jobs – wie z.B. im Kino – über Wasser. Obendrein erhält sie auch Bafög vom deutschen Staat. Sie sieht das Radfahren nicht nur als gutes Taschengeld mit maximaler Flexibilität zur Arbeitszeiteinteilung, sondern auch als sportliche Tätigkeit, die sie ohnehin gerne macht. Auch die Begegnungen auf der Straße und bei der Zustellung bereiten ihr Freude. "Die Leute sind immer glücklich, wenn wir da sind", lacht sie. Dann wird sie wieder ernst:"Außerdem ist es grad das Einzige, was man so als Job bekommt."

Fixer Dienstnehmer bei Lieferando

Ein anderer Radkurier hatte seine liebe Mühe mit mjam. Nach etlichen Fauxpas bezüglich Arbeitszeiten, Dienstvertrag und nach einem Arbeitsunfall mit der Versicherung, wechselte er zu Lieferando. Er will mjam nicht verteufeln, meint aber: "Wer eine fixe Anstellung will, ist bei Lieferando besser aufgehoben." Er fährt mit den vorhandenen E-Bikes, bekommt Arbeitskleidung, eine gute Einschulung und für ihn das Wichtigste: Er ist als fixer Dienstnehmer sozial abgesichert. Er schafft drei Lieferungen pro Stunde, zirka fünfzehn Essen an einem Tag.

Zeit vs. Lieferung

Auch die Vergütung funktioniert verschieden. Vereinfacht gesagt, fahren die mjam-Fahrerinnen für die Lieferungen selbst – nach ausgetragener Essensportion erhalten sie die höchste Vergütung –, die Leiferando-Fahrerinnen arbeiten auf Zeit. Katha: "Es passiert schon mal, dass unsere Fahrer nervös werden, weil sie beim Restaurant lange auf die Lieferung warten müssen. Ich nehme das eher gelassen." 

Kochen als Therapie

Auch die Lokale, die jetzt noch aufkochen, sind positiv gegenüber dem Lieferservice eingestellt. Angie Eberl betreibt das israelischer Restaurant HaPoel. Ursprünglich wollte sie bei der ganzen Lieferservice-Angelegenheit gar nicht mitmachen. "Aber ich bin kein Mensch, der nichts tut." Jetzt kocht sie wieder, aber auch die Preise musste sie erhöhen. 30 Prozent geht an Lieferando und mjam. (Auf Grund der zweiten Lockdowns kommt Lieferando den Lokalbetreiberinnen aktuell entgegen und verlangt nur 10 Prozent).
Eberl macht es nicht fürs Geld, für sie ist die Arbeit aktuell eher Therapie. Statt sieben Angestellte, hat sie nur mehr einen, mit dem sie vor allem die Stammkundschaft bedient, die ihr auch jetzt die Treue hält. "Kundenbindung ist wichtig, sie sollen ja nicht vergessen, dass es uns noch gibt. Außerdem haben jede Menge Lokale im zweiten Lockdown dichtgemacht. Die Leute müssen ja was essen." Mit den Fahrerinnen selbst ist sie sehr zufrieden und auch der soziale Austausch ist ihr ein wichtiger Faktor. "Sonst wirst du ja verrückt in dieser Zeit."

mjam: Anzahl der Rad-Kuriere hat sich seit 2019 vervierfacht

mjam ist schon seit Herbst 2009 in Innsbruck mit ihrer Online-App vertreten und seit zwei Jahren hat sie eine eigene Flotte vor Ort, die Speisen für Lokale per Rad ausliefert. Das allerdings vor allem in der Innenstadt.
Man möge meinen, im ersten Lockdown ist die Anfrage nach dem Lieferdienst gestiegen. Geschäftsführer Artur Schreiber winkt ab: "Der erste Lockdown im Frühling brachte keinen Bestell-Segen. Im Gegenteil, die Leute blieben zu Hause und haben die gehamsterten Nudeln gegessen." Diesmal ist es anders. Die Anfragen steigen. Schreiber führt das aber auch auf die Witterung zurück: "In den Herbst- und Wintermonaten wird gewöhnlich mehr bestellt als im Sommer, da die Leute lieber daheim bleiben statt in der Kälte ins Restaurant zu gehen."

Wie viel Umsatz mjam genau macht, wollte man dem STADTBLATT nicht verraten. Dass die Zahl der Fahrerinnen gestiegen ist, das bestätigte aber Schreiber. "Derzeit fahren um die 100 Fahrer für mjam Essen aus. Die Zahl hat sich im Vergleich zum letzten Jahr fast vervierfacht." 90 Prozent von ihnen arbeiten als freie Dienstnehmerinnen im Durchschnitt zirka 10 Stunden pro Woche.
mjam arbeitet außerdem mit 150 Partnerlokalen in Innsbruck zusammen. Durch den zweiten Lockdown kamen auch wieder vermehrt Neuanmeldungen dazu. Trotzdem sieht man aktuell keine allzu rosige Zukunft: "Viele Restaurants stehen seit der erneuten Schließung der Gastronomie wirtschaftlich wieder vor schwierigen Zeiten. Die staatlichen Hilfen sind richtig, aber ob das ausreicht, werden wir erst in den nächsten Monaten sehen. Das ist eine große Herausforderung für uns und unsere Partner."

Lieferando gehört zu einer Amsterdamer Lieferdienstgruppe namens Just Eat Takeaway. Vormals war das Unternehmen als Lieferservice bekannt und zählt zu den größten Konkurrenten von mjam in Österreich. Alle Mitarbeiterinnen werden per Kollektivvertrag angestellt – auf max. 25 Stunden/Woche. Für eine Stellungnahme war das Unternehmen leider nicht erreichbar.

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