30.12.2017, 09:16 Uhr

Eine Woche wird ein Tag

Die großen Feste der Kirche - weihnachten und Ostern - werden eine ganze Woche "begangen", um zu erahnen und zu verinnerlichen was sie uns sagen wollen. (Foto: Stift Wilten, Reinhold Sigl)
Innsbruck: Tirol |


Weihnachten und Ostern verändern die Zeit oder wie die Kirche Feste feiert ---


Haben Sie sich den Kalender der Kirche einmal in Ruhe angeschaut? Sie werden überrascht. Jeder von uns kennt das aus dem eigenen Leben: Es gibt Erfahrungen, Begegnungen, Momente bei denen man sich wünscht, sie sollten einfach länger dauern, womöglich nie mehr aufhören.
Die Kirche hat dieser Sehnsucht des Menschen Rechnung getragen. Sie antwortete in ihrer Geschichte darauf mit sogenannten Oktaven. Große Festtage wurden zu achttägigen Fest-Feiern ausgedehnt, in denen sich Inhalt und Bedeutung großer Festgeheimnisse Schritt für Schritt begreifen lassen. Im nachkonziliaren Jahreskalender der katholischen Kirche finden sich noch zwei große Fest-Oktaven - Weihnachten und Ostern.

Weihnachten ist anders

Weihnachten in seiner kommerzialisierten Variante ist zum zuckersüßen Friedens- und Liebesfest verkommen, das im Konsum und billiger Sentimentalität erstickt. Das Fest der Menschwerdung Gottes wird hemmungslos zur Genuss-Orgie mit Delikatessen und Alkohol und zur glamourösen Fassadenkleckerei mit Modefarben für Adventkranz, Christbaum und Tischwäsche. Nur noch 20 Prozent verbinden das Fest mit einem Gottesdienstbesuch. Alle aber wollen unbedingt ein Fest der Liebe und möglichst viele freie Tage rund um den Christtag.
Dabei lässt die Verkündigung der Kirche kaum Raum für die Couch und faule Tage, Die Menschwerdung Gottes ist tatsächlich ein Herabsteigen in das Elend. Die Kinds-Geburt in einem Stall am Rande einer Volkszählung zur Steuer-Einschätzung ist wenig romantisch. Ochs und Esel als einzige Heizkörper. Die Hirten – halbkriminelle Außenseiter - als spontanes Pflege- und Hilfspersonal der ersten Nacht. Und doch sollte diese Randerscheinung die Geschichte der Menschheit verändern. Wir zählen heute die Jahre nach dieser Geburt – vor und nach Christus. Ein Viertel der Menschheit erkennt Gott in diesem Kind. Der Wert jeder einzelnen Person und die Sorge um die Gefallenen, Verirrten und an den Rand gedrängten ist anders seit diesem Kind, seit Jesus von Nazareth.

Zwischen Gloria, Martyrium und Staatsterror

In der ersten "heiligen Nacht" war es der Gesang der Engel, der die Botschaft eindrucksvoll und unvergesslich bekannt gemacht hat. Das Gloria der Engel, der Friedenszuruf an alle Menschen guten Willens, das unbeschreibliche Strahlen mitten in der Nacht – sie geben der menschlich unmöglichen Situation eine unvergessliche und zu Herzen gehende Bedeutung. Alle Menschen erhalten Würde und Wert.
Keine Kitsch- und Genuss-Weihnacht, sondern eine, in der das Weinen verzweifelter, ausgegrenzter und kriminalisierter Randgestakten in den Gloria-Ruf des Himmels aufgenommen wird: "Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seiner Gnade!"
Kaum ist das Gloria verklungen und die Hirtenschar zurück bei ihren Herden, feiert die Kirche am 26. Dezember den heiligen Diakon Stephanus. Der Christ der ersten Stunde war in der Urgemeinde für die Versorgung der Witwen und Waisen zuständig - Caritas nach Ostern sozusagen. Sein Glaubenseifer und seine feurigen Predigten verärgerten einen Teil der Christenfeinde so sehr, dass sie ihn kurzerhand steinigten.
Diesen starken Glaubenszeugen und dessen blutigen Tod feiert die Kirche am zweiten Tag der Weihnachtsoktav. Christ-sein hat Konsequenzen – bis heute!
Am 27. Dezember steht der Evangelist Johannes im Heiligenkalender. Der einzige Apostel, der nicht einen gewaltsamen Tod sterben musste, gilt als der Verfasser des vierten Evangeliums.
Viele Stellen in der Bibel weisen darauf hin, dass Johannes ein besonderer Jünger war. Gemeinsam mit seinem Bruder Jakobus und Petrus begleitete er Jesus bei der Erweckung der Tochter des Jairus, seiner Verklärung auf dem Berg Tabor und bei seiner Todesangst im Garten Gethsemane . Als einziger der zwölf Apostel folgte Johannes Jesus nach dessen Festnahme bis zum Kreuz, hier vertraute ihm Jesus auch seine Mutter Maria an die dieser dann in sein Haus aufnahm. Der Anfang seines Evangeliums: "Im Anfang war das Wort...
Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit" steht im Mittelpunkt der Verkündigung am Christtag und war über Jahrhunderte das Sendungswort am Ende jeder katholischen Messfeier.
Der 28. Dezember - Mitte der Oktav - trägt den eigenartigen Namen: "Fest der unschuldigen Kinder" und gedenkt der von König Herodes aus Machtgier und Angst ermordeten Säuglinge.

Unschuldig ermordete Kinder als starke Zeugen der Weihnacht

Kein Fest im Rahmen der Weihnachtsfeiertage erhitzt die Gemüter mehr als das der „unschuldigen Kinder“. König Herodes – Marionette der römischen Besatzer und blutrünstiger Herrscher – hatte die Sterndeuter aus dem Osten gebeten, den Messias zu suchen und wenn sie das Kind gefunden hätten, sollten sie ihm berichten, Das taten diese nicht und so heißt es: „Als Herodes merkte, dass ihn die Sterndeuter getäuscht hatten, wurde er sehr zornig, und er ließ in Betlehem und der ganzen Umgebung alle Knaben bis zum Alter von zwei Jahren töten, genau der Zeit entsprechend, die er von den Sterndeutern erfahren hatte.“
Kinder werden Opfer der Machtgier und der Verlustangst eines dem römischen System dienenden Königs. Wie oft hat sich das in der Geschichte abgespielt und wie aktuell ist dieser Festtag heute. Menschliche Freiheit rennt in die Perversion, wenn Kinder zu Opfern gemacht werden. Das beginnt bei gewissenloser Abtreibung, geht über sexuellen Missbrauch, Ausnutzung als billige Arbeitskräfte in der Industrie, Verweigerung von Menschenrechten, Nahrung und Bildung. Einsatz als Kinder-Soldaten, Ziel von Gewalt und schließlich Ermordung. Die Geschichte des Herodes ist nur ein Beispiel. Bis hinein in diese Stunde ist der Missbrauch, die Erniedrigung und das Töten von Kindern ein himmelschreiendes Unrecht auf unserem Planeten. Kirche und Regierungen tragen mit an der Schuld gegenüber den Kindern der Welt. Spätestens dieser Festtag der Oktav erinnert uns daran, dass ein süßes, genussvolles Verweilen nicht der Inhalt von Weihnachten ist.

Statt Neujahr – Maria, die Gottesmutter

Den abschließenden Orientierungspunkt der achttägigen Weihnachtsfeier bildet das Hochfest der Gottesmutter Maria. Die Welt feiert mit Getöse Neujahr – das sei ihr unbenommen. Die katholische Kirche bleibt wieder einmal bei Maria, der Gottesmutter.
Aber eigentlich liegt sie damit gar nicht so falsch, am Jahresanfang eine Mutter zu zeigen. Mir ist das neu aufgegangen, als ich mich nach ihrem Tod im zurückliegenden Jahr, wieder einmal mit Ruth Pfau beschäftigte, die deutsche Ordensfrau, die so lange für Pakistan und Afghanistan in Friedensprojekten arbeitete.
Als Ruth Pfau gefragt wurde:
"Was würden Sie den Taliban sagen, um die Verhältnisse wieder in Ordnung zu bringen?" dachte die ältere Dame einen Augenblick nach. Und dann kam folgende Antwort:
"Die Kerle sollten sich endlich daran erinnern,
dass sie alle von einer Frau geboren sind!"
Ich denke, Ruth Pfau wollte damit sagen:
Keiner hat ein Vorrecht oder einen Vorzug vor dem anderen.
Alle sind durch den Mutterschoß einer Frau gekommen.
Keiner ist Herr seines Lebens.
Jedem wurde das Leben geschenkt.
Und keiner kann sich deshalb über das Leben der anderen aufspielen.
Und sicher steckt auch die Überzeugung dahinter: Wenn Fanatiker sich daran erinnern würden, welchen Schmerz sie einer Mutter zufügen, wenn sie ihren Sohn umbringen, dann würde manch einer davor zurückschrecken.
Am Neujahrstag auf die Gottesmutter zu zeigen und dazu aus dem Galaterbrief zu lesen: "Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau …" (Gal 4,4) ist ein symbolischer Wunsch:
Glaub’ an die mütterliche Seite Gottes am Beginn dieses Jahres. Vertrau’ darauf, dass er – wie eine Mutter – um dein Leben besorgt ist. Vertrau’ darauf, dass du im Glauben an diesen Gott – wie ein Kind bei seiner Mutter – Geborgenheit, Annahme und Trost erfahren darfst.
Und denk dran: Nicht nur du,
alle Menschen, denen du begegnest, sind von einer Frau geboren.
Wie an dir, hängt auch an ihnen eine Mutter.
Wie dich hat auch die anderen eine Mutter großgezogen,
viel investiert, Hoffnung in sie gesetzt.
Wie um dich bangt auch um die anderen eine Mutter:
dass ihnen ihr Leben gelingt, dass niemand ihnen Steine in den Weg legt und sie in ihrer Würde missachtet.
Wie für dich hofft auch für die anderen eine Mutter:
dass die guten Seiten ihres Kindes entdeckt und gefördert werden,
dass es die Chance bekommt, einen Beitrag für das menschliche Miteinander zu leisten und dass sein guter Wille zum Tragen kommt.
Wenn sich alle Menschen daran erinnern würden,
dass sie von einer Frau geboren sind – die Welt würde menschlicher werden.
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