Freigeld & "Chiemgauer"
Regionaler Geld-Ersatz steigert Umsätze – Projekt kommt

Stefan Schütz vom "Chiemgauer" und Veronika Spielbichler, Obfrau des "Unterguggenberger Instituts"  kennen die Regionalwährung entworfen nach dem Vorbild des Wörgler Freigelds.
  • Stefan Schütz vom "Chiemgauer" und Veronika Spielbichler, Obfrau des "Unterguggenberger Instituts" kennen die Regionalwährung entworfen nach dem Vorbild des Wörgler Freigelds.
  • Foto: Unterguggenberger Institut
  • hochgeladen von Sebastian Noggler

Warum verwenden Menschen in Bayern heute ohne wirtschaftliche Not eine eigene Regionalwährung? Der „Chiemgauer“ gilt als erfolgreichstes Regiogeld im deutschsprachigen Raum, als das Konzept dafür 2003 entwickelt wurde, war das Wörgler Freigeld Vorbild. Wie der "Chiemgauer" funktioniert und über die Region hinauswirkt, war am 22. Oktober Thema im Tagungshaus Wörgl.

WÖRGL (vsg). In den Landkreisen Rosenheim und Traunstein gibt's ein besonderes Pfand für Regionalität – den "Chiemgauer". Die eins zu eins in Euro gedeckte Regionalwährung setzt auf eine halbjährliche Abwertung um drei Prozent, um als Umlaufimpuls zu wirken und zirkuliert in Form von Gutscheinen ebenso wie digital bargeldlos als "Regiocard". Rund 1,9 Millionen Euro sind in Form von "Chiemgauern" im Umlauf, 2018 wurde damit ein Umsatz von 6,2 Millionen erwirtschaftet.
Dieses Geld dient auch dem Gemeinwohl: bisher wurden aus der Rücktausch-Gebühr über 580.000 "Chiemgauer" an Fördergeldern an gemeinnützige Vereine und Initiativen ausbezahlt.

Fast den gesamten täglichen Bedarf mit "Chiemgauern" regional einkaufen

In Zeiten stetig wachsenden Internethandels entscheiden sich imemr mehr Menschen bewusst für den regionalen Einkauf.  In der Region schafft der "Chiemgauer" den 3,25-fachen Umsatz im Vergleich zum Euro. Bezahlen kann man damit in rund 530 Unternehmen, darunter seit 2013 auch erneuerbaren Ökostrom bei den Stadtwerken Rosenheim. 80 bis 90 Prozent der Waren des täglichen Bedarfes können mit Chiemgauern eingekauft werden. Wie das in der Praxis funktioniert, schilderte ein 2016 gedrehter Dokumentarfilm von Kathrin Latsch von Monneta mit vielen Infos zur Entstehungsgeschichte, Stellungnahmen regionaler Bankern und Chiemgauer Unternehmen, die auch Motor beim Anwerben neuer Mitglieder sind.

Start in der Waldorfschule Prien

Gestartet vom "Chiemgauer"-Erfinder Christian Gelleri als Schülerunternehmen der Waldorfschule in Prien am Chiemsee, zog das Regionalgeld bald weitere Kreise und erforderte neue Organisationsformen. Heute ist der Träger die "Regios gemeinnützige Genossenschaft" und bei der praktischen Abwicklung unterstützen der "Chiemgauer"-Verein, die "Chiemgauer UG" und Regionalbüros. Ein Kernteam arbeitet großteils ehrenamtlich seit der Gründung am Projekt.

„Das Gestalten von Geld macht Sinn über die Regionalwirtschaft hinaus“, ist Stefan Schütz, 1. Vorsitzender des "Chiemgauer"-Vereins überzeugt, der nach der Filmvorführung im Wörgler Tagungshaus Publikumsfragen beantwortete. Gerechterer Austausch, Gemeinwohlförderung und Unabhängigkeit von internationalen Finanzmärkten sind die Argumente für die Regionalwährung  – und so hätte der "Chiemgauer" auch das Zeug dazu, als Ersatzwährung in Krisenzeiten zu dienen.
Obwohl der Trend hin zu digitalem Geld geht, verwenden die Nutzer nach wie vor Gutscheine mit Nennwerten zwischen einem und fünfzig Euro, ausgestattet mit zehn Sicherheitsmerkmalen und einem Ablaufdatum, an dem alte gegen neue "Chiemgauer" eingewechselt werden.

"Geld ist kein Naturgesetz"

„Der Chiemgauer ist noch nie gefälscht worden“, teilte Schütz mit und hält den Gutscheinen zu Gute, dass sie auch „offline“ funktionieren. Und sie sind ein handfester Einstieg in die Bewusstseinsbildung über die Funktionsweise von Geld. „Geld hat Eigenschaften und ist kein Naturgesetz. Diese können bei uns basisdemokratisch auch geändert werden“, erklärte Schütz. Die Mitgliederversammlung - die Mitgliedschaft kostet 30 Euro im Jahr - entscheidet über die Regeln, und so wurde die jährliche Abwertung von 8 auf 6 Prozent verringert.
Einnahmen aus dem Verkauf der Wertmarken und 2 Prozent der Rücktauschgebühr decken die Kosten für die Aufrechterhaltung des Systems. Die 5 Prozent Wertverlust beim Rücktausch von "Chiemgauern" in Euro tragen vorwiegend Unternehmen.

„Drei Prozent davon sind für einen sozialen Zweck – bei Kreditkartensystemen müssen diese Kosten auch getragen werden, ohne Vorteil für die Sozialstruktur der Region“, so Schütz. Und weil sparen mit dem "Chiemgauer" schlecht möglich ist, wurde vor drei Jahren eine Bürgergenossenschaft gegründet: „Wir nehmen die Energiewende selbst in die Hand“, so Schütz. Auf Einlagen, die eine real gedeckte Wertaufbewahrung darstellen, werden 2 Prozent jährlich an Gewinn ausgeschüttet.

Halbe Milliarde in "Sardex"-Transaktionen

Die Chiemgauer tauschen Erfahrungen auch mit anderen Regionalwährungen in Europa aus. „Der Shooting Star ist derzeit der 'Sardex' auf Sardinien. Er entstand nach der Finanzkrise 2008 in Südsardinien aufgrund wirtschaftlicher Not. Fünf Freunde starteten nach dem Vorbild des Schweizer 'WIR'-Franken ein Kreditnetzwerk unter Unternehmen, das eine Transaktionshöhe von 500 Millionen erreicht hat. Der 'Sardex' ist nur durch Vertrauen gedeckt, ein Eintausch in Euro ist nicht möglich“, berichtete Schütz von seinem Besuch.
Auch in Spanien boomen Regionalwährungen. „In Barcelona wurden von der Stadtverwaltung drei Regionalwährungen installiert“, berichtet Schütz von einem Kongress über soziales Geld vor wenigen Monaten. „30 Prozent der Sozialhilfe wird in 'Regiogeld' ausbezahlt, die Empfänger können damit in lokalen Geschäften einkaufen. Davon profitieren alle – es lenkt den Konsum, hilft den Bedürftigen und stärkt die Regionalwirtschaft“, schildert Schütz den praktischen Nutzen solcher Zweitgelder, die dort mit EU-Förderungen installiert wurden: „Die Idee der Regionalität ist modern – hier findet derzeit ein Umdenken statt.“

"Euregio Inntal" startet Projekt mit Wörgl

Geld gestalten – demokratisch legitimiert, damit wurde Wörgl während der Weltwirtschaftskrise 1932/33 weltbekannt. Das Wissen aus dem Freigeld-Experiment von damals und die Erfahrungen des Chiemgauers heute zusammenzutragen und Informationen über Komplementärwährungen heute weiterzugeben mit dem Ziel, voneinander zu lernen, ist Inhalt eines EU-geförderten Interreg-Projektes der "Euregio Inntal", dessen Träger die Stadtgemeinde Wörgl ist. Unter der Projektleitung von Joanna Egger vom Verein "Komm!unity" wird in Kooperation mit dem "Unterguggenberger Institut" und der "Regios Genossenschaft" im Chiemgau eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit zur nachhaltigen Regionalentwicklung gestartet.

Diese Veranstaltung wurde vom EU-Programm Interreg Österreich-Bayern im Rahmen des Projekts „5G – Gemeinsam Grenzüberschreitend Geld & Gesellschaft Gestalten“ gefördert, das am 5. November in Wörgl vorgestellt wird.

Weitere Beiträge zum Thema Wörgler Freigeld finden Sie hier.

Autor:

Sebastian Noggler aus Kufstein

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