10.09.2017, 08:43 Uhr

Südsteirerin berichtet vom Erdbeben in Mexiko: "Tanzende Lichter am Nachthimmel von Mexiko City"

Torre Latinoamericano (Foto: privat)

Elisabeth Brodatsch-Häusler aus Neurath/Kitzeck brach kürzlich nach Mexiko auf. Die WOCHE Leibnitz nahm Kontakt mit ihr auf. In einem sehr persönlichen Bericht schildert die Südsteirerin, wie sie das jüngste Erdbeben erlebte.

Mein vierter Aufenthalt in Mexiko City begann erst vor einigen Tagen, doch diesmal lässt sich die zweitgrößte Stadt der Welt einen besonderen Willkommensgruß für mich einfallen.

Donnerstag, der 7. September 2017, exakt 23:51 Ortszeit, Mexiko City - ich bin bereits beinahe eingeschlafen, als ein ungewöhnlich lautes Geräusch ganz Mexico City in Alarm versetzt.

Mein Freund Eduardo reagiert blitzschnell, springt aus dem Bett und seine Stimme sagt mir, dass etwas Besonderes im Gange sein muss:
„Lissi, levántate, rápido, hay alarme de temblor, tenemos que irnos afuera!“.
Im ersten Moment blicke ich ihn wohl etwas ungläubig an, aber ja, ich hatte ihn schon verstanden: „Lissi, steh auf, schnell, wir müssen raus, es gibt Erdbebenalarm!“
Von einer Sekunde auf die andere bin ich hellwach, springe ebenfalls aus dem Bett und schnappe mir noch schnell eine Jogginghose.
Vom Schlafraum meines kleinen Apartements führen einige Stufen hinunter in den offenen Wohnraum und bereits beim Hinuntergehen fühle ich ein Schwanken unter den Füßen.

Eduardo meint, um auf die Straße zu gelangen sei die Zeit schon zu knapp, vom Alarm bis zum Eintreffen des Bebens bleiben nämlich maximal dreißig Sekunden...
Meine Jogging-Hose immer noch unter dem Arm, mit Herzklopfen und gemischten Gefühlen folge ich ihm in Richtung Terrrassentür, und als wir die Tür dahin öffnen, begrüßt uns das kleine Windspiel, das zwischen den Ästen einer großen Terrassenpflanze hängt, bereits mit aufgeregtem Klang.

Während Eduardo sich breitbeinig aufstellt und versucht, die Umgebung zu beobachten, lasse ich mich instinktiv auf den Boden nieder.
Es bleibt mir wirklich grade noch Zeit, die Hose anzuziehen als es so richtig losgeht.
Es ist weniger ein Rütteln oder Schütteln, als ein Heben und Senken des Terrassenbodens, so, als wären diese fünfundzwanzig Quadratmeter Terrassenfläche der Boden eines kleinen Ruderbootes , das in stürmische See geraten ist.
Das Windspiel ist mittlerweile noch aufgeregter und die vier Eisensessel und der Tisch auf der Terrasse verlassen kreischend ihren angestammten Platz.
Dann folgen die ersten Explosionen - offensichtlich Transformatoren, die den Erschütterungen nicht mehr Stand halten konnten.

Der Mitternachtshimmel erleuchtet in ungewöhnlicher Stärke und macht mit großflächigen flackernden und tanzenden Lichtern, in etwa vergleichbar mit dem uns bekannten „Wetterleuchten“, auf sich aufmerksam.
Der Grund dafür, erfahre ich bald, ist ein physikalisches Phänomen. Mexiko City ist umgeben von Vulkanen und Bergen und während des Bebens beginnen die felsigen Formationen sich aneinander zu reiben.
Dadurch entstehen Spannungen, die am Himmel in Form reflektierenden Lichtern in blau und grün sichtbar werden.

Irgendwie ist es wie Science Fiction, doch der Gesichtsausdruck meines Freundes lässt erkennen, dass die Situation hier alles andere ist als eine gut gelungene Filmszene.
Alles, was er herausbringt ist: „Es muy forte - muy muy forte.“
„Es ist stark, sogar sehr stark“, und damit sollte er recht behalten.
Nach ungefähr drei bis vier Minuten ebbt das Schwanken etwas ab, da und dort hört man noch die eine oder andere Explosion, doch zehn Minuten später lassen nur noch die unzähligen Sirenen und Folgetonhorne erahnen, was Minuten zuvor die ganze Stadt in Aufruhr versetzt hat.
Wir wagen uns wieder ins Innere, wo die Lampen immer noch schwanken wie auf einem sinkenden Schiff.
Mutter Erde kommt offensichtlich wieder langsam zur Ruhe, ich allerdings fühle mich so, als hätte ich den Boden unter den Füßen verloren.
Noch in den Nachtstunden gibt die Regierung die Warnung für ein mögliches Nachbeben heraus.

Tags darauf erscheint mir das Erlebte beinahe unwirklich, doch die Nachrichten lassen keine Zweifel offen.
Das Erdbeben des 7. September 2017 in Mexiko hatte eine Stärke von 8,2 nach Richter, somit ist es das stärkste Beben des Landes in den letzten hundert Jahren."
Das Epizentrum lag in Chiapas, einem Bundesstaat südwestlich von Mexiko City. Noch ist die genaue Zahl der Toten ungewiss, sie liegt allerdings bereits jenseits der Zahl Sechzig, auch die genauen Schäden wird man erst in den kommenden Tagen genau beziffern können.

Auch wenn die Gefahr auf ein Folgebeben noch nicht ganz gebannt scheint, und der Ausnahmezustand über die Stadt verhängt wurde, begebe ich mich
auf die Straße und habe die Gelegenheit, in einigen Gesprächen zu erfahren, wie die Bewohner hier mit der Situation umgehen.
Da ich im Vorjahr eine Ausstellung besucht hatte, in der das fürchterliche Erdbeben , das die Stadt im Jahre 1985 getroffen hatte, dokumentiert wurde, bin ich neugierig, inwieweit die Erinnerung an das Damals heute noch präsent ist.
Und egal mit wem ich spreche, dass sich die Erlebnisse und Auswirkungen dieses letzten großen Bebens als Trauma in das kollektive Bewusstsein der Menschen hier eingebrannt hat, lässt sich nicht leugnen.

Das Beben von damals hatte eine Stärke von 8.1, dauerte rund 2 Minuten , forderte rund zehntausend Menschenleben und hatte Mexiko City nicht nur in Schutt und Asche gelegt, sondern markierte auch einen Wendepunkt in der Geschichte des Landes.
Auch wenn es diesmal wieder Schäden und leider auch Todesopfer gibt, es zeigt sich, dass die Unternehmungen der Regierung zum Schutz vor Erdbeben in den letzten 32 Jahren erfolgreich waren.

Mich persönlich lässt das Erlebte demütig werden.
Auch wenn man Vorkehrungen treffen kann, die Natur lässt sich weder berechnen, noch erlaubt sie uns Verhandlungen mit ihr.
Wenn sie es möchte, zeigt sie sich mit all ihrer Gewalt und Macht.
Seien und bleiben wir respektvoll mit ihr!
Und noch etwas zum Schmunzeln in eigener Sache!
Mexiko ist nicht nur ein Land mit einer vielfältigen Kultur sondern auch einer noch reichhaltigeren Tradition an Legenden und mystischen Geschichten.
So erscheint es völlig logisch, dass es nicht lange dauerte, bis die tanzenden Lichter am Nachthimmel während des Erdbebens zu einigen kreativen Erklärungen abseits der Wissenschaft führten.
So behaupten die Einen, es handle sich um die sichtbaren Zeichen erzürnter aztekischer Götter, die anderen wiederum meinen, das sei ein erstes Signal für das Untergehen der Welt.

Noch heisser gehandelt werden die Interpretationen rund um Nachrichten von Bewohnern außerhalb unseres Sternensystems.
Egal, für welche Variante man sich entscheiden möge, sie werden auf jeden Fall als Zeichen eines faszinierendes Phänomens in den Kanälen von Youtube ihren Platz finden.


Anmerkung: Die Fotos bezeichnet mit "Monumento Alvaro Obregón" ( CDMX bedeutet Ciudad de México - Hauptstadt von Mexiko), "Cerro de la Estrella" und "Torre Latinoamericano" sind Bilder, die in Mexiko City aufgenommen wurden, die anderen stammen aus dem Bundesstaat Hidalgo, nordöstlich von Mexiko City.

Lesen Sie auch von Elisabeth Brodatsch-Häusler
Inspiriert von den Mexikanern
4
Diesen Mitgliedern gefällt das:
1 Kommentarausblenden
1.607
Friedrich Klementschitz aus Leibnitz | 10.09.2017 | 11:43   Melden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.