Baustellenbesichtigung beim Semmering-Basistunnel.

Vorarbeiten für die Deponie Longsgraben
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Die ÖBB-Infrastruktur AG lud zu einem Informationsnachmittag mit Baustellenbesichtigung nach Steinhaus am Semmering. Jüngeren Mürztalbewohnern fehlt die Erinnerung, wie lange man an dem Tunnel bereits baut.

Stammesfehden und Schildbürgerstreiche im vorigen Jahrhundert

Als in den 80er Jahren die ersten Pläne über einen Semmering-Basistunnel von Gloggnitz bis Langenwang publik wurden, entbrannten beiderseits des Berges heftige Diskussionen über Sinn und Notwendigkeit des Projektes. Auf öffentlichen Veranstaltungen und in den Medien wurde emotional gestritten. Diesseits des Berges dominierten neben dem Argument der Fahrzeitverkürzung auch die Notwendigkeit einer wirtschaftlichen Lebensader für die Obersteiermark und die Verlagerung des zunehmenden Verkehrs von der Straße auf die Schiene. Auf der anderen Seite sah man vor allem die Kosten, die Sorge um den Erhalt der Ghega-Bahn und die ökologischen Probleme besonders im Zusammenhang mit dem Trinkwasser.

Rasch entwickelte sich das komplexe Thema zur Stammesfehde. Die Wiener Redaktion einer Boulevardzeitung kampagnisierte gegen den Tunnel, in der Grazer Redaktion war man dafür. Bei einer Podiumsdiskussion in Mürzzuschlag – ein Auswärtsmatch für die Tunnelgegner – provozierte die Aussage eines niederösterreichischen Theaterdirektors die anwesenden steirischen Regionalpolitiker so sehr, dass sie durch ihren Auszug die Veranstaltung platzen ließen.

Die Mürzzuschlager als brave Steirer waren mehrheitlich für den Tunnel, nur mit dem Portal in Langenwang und einer unterirdischen Haltestelle in der Bezirkshauptstadt hatte man natürlich keine Freude und man intervenierte erfolgreich dagegen. Das Angebot der ÖBB eines Portals hinter dem Mürzzuschlager Sportplatz wurde in einer Bürgerversammlung eindrucksvoll abgeschmettert. Und es kam zur Lösung mit dem Portal an der Osteinfahrt des bestehenden Mürzzuschlager Bahnhofs.

Am 18.4.1994 war ich als Anrainer, der damals auch noch an einer eventuell gefährdeten privaten Wasserquelle hing, zu einer Bauverhandlung im Mürzzuschlager Gasthaus Edlacherhof eingeladen. In besonderer Erinnerung ist mir noch die Aussage eines Hydrogeologen, wonach der Semmering ein „abwechslungsreicher Raum“ sei, der seine Problematik habe. Auch das formal-bürokratische Auftreten eines ÖBB-Anwaltes vergesse ich nicht so schnell.

Obwohl der mächtige Landesfürst auf der anderen Seite die Zustimmung verweigerte, ließ die politisch gleichfarbige Landesfürstin auf der herüberen Seite den nach ihr benannten „Waltraud-Stollen“ in den Berg treiben. Nach 4,3 km stoppte ein Wassereinbruch den leicht geneigten Vortrieb. Das Wasser muss heute noch aus dem stillgelegten Stollen abgepumpt werden.

Entlang der Baustellenzufahrt hatte man eine Lärmschutzwand errichtet. Allerdings auf der falschen Seite der Bahnstrecke. Baufahrzeuge fuhren bald keine mehr, aber alle 10 Minuten donnerten Züge vorbei, deren Lärm die Schutzwand in die Siedlungsgebiete reflektierte. Erst ein Jahrzehnt später baute man eine Wand auf der richtigen Seite.

Semmering-Basistunnel neu, BürgerInnenmitarbeit und Trassenentscheidung

Nach Jahren des Stillstandes beauftragte im März 2005 ein Ministerratsbeschluss die ÖBB mit dem Projekt „Semmering-Basistunnel neu“. Neu waren an dem Projekt vor allem die Ausweitung des Planungs- und Untersuchungsraumes und das Modell der BürgerInnenmitarbeit mit dem Ziel der möglichst hohen Akzeptanz in der Region und in den Gemeinden.

Zum 1. Erweiterten Regionalforum Steiermark am 13.3.2007 in Mürzzuschlag war ich eingeladen als Vertreter der Mürzer Grünen. Man präsentierte uns detailliert die in den letzten 1 ½ Jahren von Experten ausgearbeiteten 4 Trassenvarianten mit 5 möglichen Bahnhofstandorten:

Preiner Gscheid: Langenwang, Pichlwang, Hönigsberg, Ziegenburg;
Ochnerhöhe: Langenwang, Pichlwang, Hönigsberg;
Kleiner Otter: Langenwang, Pichlwang, Hönigsberg, Ziegenburg, Mürzzuschlag Bestand (Tieflage).
Pfaffensattel: Mürzzuschlag Bestand (Niveaulage).

Nach den Erfahrungen im vorigen Jahrhundert war ich angenehm überrascht von der Sachlichkeit, Umsicht und Kooperationsbereitschaft, mit der das neue Projekteam um DI Gerhard Gobiet ans Werk ging. In den nächsten Monaten folgte ein ausdifferenziertes Trassenauswahlverfahren. 13 in Kombination mit den Bahnhofstandorten mögliche Varianten wurden gewertet und gewichtet. Es gab die Fachgebiete: Verkehr + Technik, Raum + Umwelt, Kosten + Risiken. Im Bereich Raum + Umwelt gab es die Kriterien: Bahnhoferschließung, Standort- und Wirtschaftsentwicklung, Siedlungsraum und Immissionen, Landschaft und Tourismus, Grund- und Bergwasser, Trinkwasserschutz, Oberflächenwasser, Naturraum und Ökologie.

Am 7.5.2008 präsentierte man im Hotel Panhans dem Erweiterten Regionalforum NÖ – STMK das Ergebnis des Trassen- und Bahnhofauswahlverfahrens. Die Entscheidung war ziemlich eindeutig auf die Trasse Pfaffensattel mit dem Bahnhof Mürzzuschlag gefallen. Bei nördlicheren Trassenvarianten war das geologische Risiko zu groß und bei westlicheren Portalvarianten das hohe bautechnische Risiko mit der seichten Mürzquerung. Zur Freude aller versprach die Pfaffensattelvariante auch noch eine geringere Bauzeit und geringere Kosten.

Die Arbeitsforen wurden nun umstrukturiert. Nicht an der Trasse liegende Gemeinden fielen weg, die verbleibenden befassten sich mit kommenden Baustellen. Trassenplanung und BürgerInnenmitarbeit endeten mit Beginn des Jahres 2010. Es kamen die Behördenverfahren. Über den Fortgang des Projektes erfuhr man aus den Medien oder von der Webseite www.oebb.at/semmering. Man erfuhr von Einsprüchen der „Alliance for Nature“, um die es in der Phase der Regionalforen still gewesen war.

Was mich beunruhigt: In den Regionalforen hatte es immer geheißen, die Ghega-Bahn sei nicht gefährdet, weil man sie als Ausweichstrecke und für den Regionalverkehr benötige. Aber inzwischen haben Sparpakete in Bund und Land den Nahverkehr auf der steirischen Seite des Semmerings völlig ausgedünnt. Ob das die Akzeptanz des Projektes erhöht?

Am 25.4.2012 war ich zum symbolischen Spatenstich in Gloggnitz eingeladen. In völliger Harmonie präsentierten sich die beiden Landesfürsten mit der Verkehrsministerin, einer EU-Vertreterin und dem ÖBB-Vorstandsvorsitzenden. Ein einsamer Cowboy, der sich mit einem Protesttaferl ins Bild drängte, blieb unbehelligt.

Informationsnachmittag mit Baustellenbesuchen in Steinhaus am Semmering

Am 27.6.2013 lud die ÖBB-Infra ehemalige Forenteilnehmer zur Information ins Baubüro Fröschnitzgraben, von wo aus der Zwischenangriff erfolgt. Projektleiter DI Gerhard Gobiet empfing vor dem Büro die etwa 30 Besucher und zeigte bei seinen Begrüßungsworten die Stelle, von der aus in die Tiefe gebohrt werden soll. Im Büro erfolgte eine Präsentation, bei welcher der Projektleiter und sein Team über den Stand der Vorarbeiten in Gloggnitz, Steinhaus am Semmering und Mürzzuschlag informierten. Dort wird gerade der Bahnhof behindertengerecht umgebaut und es laufen auch Gespräche mit der Gemeinde über eine spätere Verdoppelung der Park & Ride-Plätze und eine Verlegung des Busbahnhofes näher zum Bahnhof. In Steinhaus arbeitet man derzeit an der Schnellstraßenabfahrt und Ortsumfahrung zur Baustelle, an der Festigung der Pfaffensattelstraße und vor allem an den Vorarbeiten zur Deponie im Longsgraben.

Deren Besichtigung war in der Einladung angekündigt. Wegen des derzeit schlechten Zustands der Zufahrtswege wollte man sie entfallen lassen, doch Bürgermeister Reinhard Reisinger urgierte diesen Programmpunkt und mit Hilfe seiner Feuerwehr war die Zufahrt ins etwas unwegsame Gelände doch möglich. Die Besucher bekamen einen Einblick in den Umfang der Vorarbeiten und Informationen, wie es hier nach Abschluss des Projektes aussehen wird. Offensichtlich werden keine Kosten und Mühen gescheut, um allen Auflagen gerecht zu werden. Der Vollständigkeit halber gab es zum Abschluss noch die weniger spektakuläre Besichtigung der Schnellstraßenabfahrt.

Ab 2025 soll der Bahnverkehr durch den neuen Tunnel rollen. Ob sich auch Pendler ohne eigenes Auto in Spital und Steinhaus am Semmering freuen werden? Wohl kaum, wenn sie täglich per Taxi zum Bahnhof Mürzzuschlag anreisen müssen.


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