Irrweg und Ausweg
Notärzte statt Luxuspartys – Sven Hergovich (SPÖ NÖ) im Labyrinth-Gespräch
MeinBezirk lädt Niederösterreichs Partei-Chefs zu einem besonderen Bilanz-Gespräch ein. Im Mais-Irrgarten am Biohof Weichhart in Oberzwischenbrunn geht es, ganz dem Ort entsprechend, um Irrwege und Auswege – einmal ganz persönlich, in Bezug auf das Land sowie gesamtgesellschaftlich. Diesmal mit uns im Maisfeld: Sven Hergovich von der SPÖ.
MeinBezirk: Sven Hergovich, welchen persönlichen Irrweg haben Sie in Ihrem Leben erlebt?
Meine Mutter ist leider sehr früh gestorben. Das hat mir gezeigt, wie wertvoll gemeinsame Zeit ist. Auch mit meiner Tochter habe ich erlebt, dass ich wegen vieler Termine früh weggehe, wenn sie noch schläft, und nach Hause komme, wenn sie bereits wieder schläft. Karriere und der Wunsch, etwas zu verändern, sind wichtig. Aber ebenso wichtig ist es, Zeit mit der Familie zu verbringen und für die eigenen Kinder da zu sein. Mein Irrweg war, dass ich erst lernen musste, zu manchen Terminen Nein zu sagen und Prioritäten zu setzen.
- Oswald Hicker und Sven Hergovich auf der Suche nach dem Ausweg.
- Foto: Lukas Triebelnig
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Sie waren bereits mit 29 Jahren Chef des AMS Niederösterreich und sind früh an die Spitze der Sozialdemokratie gekommen. Haben Sie das Gefühl, etwas versäumt zu haben?
Nein. Ich hatte eine schöne und ereignisreiche Jugend. Als ich beim AMS tätig war, hatte ich noch keine Kinder und konnte mich mit viel Energie meiner Aufgabe widmen. Menschen dabei zu helfen, wieder Arbeit zu finden, war für mich immer eine wichtige Aufgabe. Heute setze ich mich für ein Niederösterreich ein, in dem jedes Kind unabhängig von Herkunft, Aussehen oder finanzieller Situation der Eltern gute Chancen hat. Ich möchte, dass jedes Kind weiß: Niederösterreich ist ein guter Ort zum Aufwachsen. Gleichzeitig habe ich gelernt, mit meinen eigenen Kräften besser zu haushalten. Dabei haben mir meine Frau und meine Tochter sehr geholfen.
Wann haben Sie gemerkt, dass etwas aus dem Ruder läuft?
Der entscheidende Punkt war die Geburt meiner Tochter. Jeder Tag, an dem man nicht da ist, bedeutet, dass man etwas verpasst, das sich nicht wiederholen lässt. Ich arbeite deshalb daran, ein guter Vater und ein guter Politiker zu sein. Ich musste lernen, auch vermeintlich wichtige Termine abzusagen und Prioritäten zu setzen. Man sagt dann nicht Nein zu einem Termin, sondern Ja zur eigenen Tochter.
- Foto: Lukas Triebelnig
- hochgeladen von Sandra Schütz
Wo ist Niederösterreich politisch falsch abgebogen?
Niederösterreich ist ein wunderschönes Land, in dem vieles gut funktioniert. Aber in der Gesundheitspolitik sehe ich einen falschen Weg. Aus dem Gesundheitsplan wird aus meiner Sicht ein Gesundheitssparplan. Ich lehne die Streichung der Notarztstützpunkte und Einsparungen bei den Spitälern ab. Im Gesundheitsplan wurde vereinbart, dass keine Einrichtung ohne mindestens gleichwertigen Ersatz geschlossen werden darf. Nun werden Verbesserungen verschoben und mit fehlenden finanziellen Mitteln begründet.
Die SPÖ hat dem Gesundheitsplan aber zugestimmt.
Ja, unter der klaren Bedingung, dass es keine Schließungen ohne gleichwertigen Ersatz gibt. Wo ist der Ersatz für die elf Notarztstandorte, die wegfallen sollen? Ich sehe ihn nicht. Wir sollten außerdem mit den Nachbarbundesländern zusammenarbeiten, statt Konflikte zu suchen. Bei den Gastpatienten hätte man eine gemeinsame Gesundheitsregion Ost schaffen können. Jeder sollte die beste Behandlung erhalten, unabhängig davon, ob das Spital in Wien, im Burgenland oder in Niederösterreich liegt.
- Hergovich: Wir brauchen gemeinsame Gesundheitsregion Ost.
- Foto: Felix Wagner
- hochgeladen von Sandra Schütz
Was würden Sie tun, um die steigenden Kosten im Gesundheitssystem in den Griff zu bekommen?
Ich würde überall anders sparen, nur nicht bei der Gesundheit. Wir vergeben jährlich 500 Millionen Euro an Förderungen, bei denen Doppel- und Dreifachförderungen geprüft werden müssten. Wir finanzieren Luxuspartys in Kitzbühel und haben mehr als 200 Gesellschaften mit Vorständen und Geschäftsführern. Allein die Landesgesundheitsagentur verursacht jährlich 30 Millionen Euro an zusätzlichen Verwaltungskosten. Das ist mehr, als der Erhalt aller Notarztstandorte kosten würde.
Kritiker sagen, dass Rettungssanitäter schneller vor Ort sind und Hubschrauber einspringen können.
Rettungssanitäter können in vielen Fällen Aufgaben übernehmen. Ein Notarzt darf jedoch deutlich mehr Medikamente verabreichen, was besonders bei Kindern und Jugendlichen entscheidend sein kann. Außerdem können Hubschrauber bei bestimmten Wetterlagen nicht landen. Wenn Menschen künftig deutlich länger auf einen Notarzt warten müssen, kann das in einem Notfall lebensgefährlich sein. Ich spreche hier auch als Familienvater: Ich möchte nicht erklären müssen, warum ein Notarzt zu spät gekommen ist. Sparen ist notwendig, aber die Gesundheit ist dafür der falsche Bereich.
- Rote Kritik im Mais: Das System wird kaputt gespart.
- Foto: Lukas Triebelnig
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Wo ist die Gesellschaft insgesamt falsch abgebogen?
Ich wünsche mir mehr Zusammenhalt. Was im Kleinen oft noch funktioniert – dass man sich auf Nachbarn verlassen kann und Menschen in schwierigen Situationen unterstützt –, sollte auch für das ganze Land gelten. Besonders im Gesundheitswesen sehe ich eine bedenkliche Entwicklung. Früher konnte man darauf vertrauen, rasch die bestmögliche Behandlung zu erhalten. Heute bekommen Menschen teilweise nur dann schnell einen Termin, wenn sie privat zahlen oder jemanden kennen. Das ist falsch. Medizinische Versorgung muss sich nach dem Bedarf richten und darf nicht vom Geldbörserl oder von persönlichen Kontakten abhängen.
Wie könnte der Ausweg aussehen?
Mit mir gäbe es kein Sparen im Gesundheitswesen. Ich will alle Notarztstandorte erhalten, in die Spitäler investieren und eine Ausbildungsoffensive starten. Wir brauchen mehr Ärztinnen und Ärzte, bessere Bezahlung, bessere Arbeitsbedingungen und passende Arbeitszeitmodelle. Es müssen ausreichend Ärzte in Österreich ausgebildet werden und hier bleiben wollen.
- Entscheidungs-Rapp mit Sven Hergovich.
- Foto: Lukas Triebelnig
- hochgeladen von Sandra Schütz
Entscheidungs-WORDRAP
Regieren mit ÖVP und NEOS? Ausweg 👍
Vielleicht im Land mit der FPÖ regieren? Irrweg 👎
Der Gesundheitsplan 2040+? So wie er umgesetzt wird – leider eher ein Irrweg 👎
Den Gesundheitsplan 2040+ mitbeschließen? Wenn alles eingehalten wird – ein Ausweg 👍
Das Medienfördergesetz der Bundesregierung? Irrweg 👎
Andreas Babler? Es wäre unfair, einen Vorsitzenden als Irr- oder Ausweg zu sehen 👉👈
Wehrdienstreform-Kommission? Im Zweifel – ich muss ja mitspielen – mehr Ausweg 👍
Verpflichtende Arbeit für Asylwerber? Ausweg 👍
Weniger arbeiten für gleichen Lohn? Ausweg 👍
Früher in Pension gehen? Für die meisten Menschen mehr Ausweg als Irrweg 👍
Erbschaftssteuer? Ausweg 👍
Derzeitige Spritpreisbremse der Regierung (Stand: 17. September 2026)? Ausweg 👍 – dennoch würde ich mir eine stärkere Spritpreisbremse wünschen
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