Sommergespräch
"Wir stehen vor einem touristischen Paradigmenwechsel"

Landeshauptmann Wilfried Haslauer ist sich sicher, dass Klimaschutzmaßnahmen in den persönlichen Lebensbereich eingreifen werden müssen.
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Landeshauptmann Wilfried Haslauer über "Klimaurlauber", Overtourism und offene Rollläden als Zeichen der Freiheit.

Herr Landeshauptmann, als wir uns vergangenes Jahr zum Sommergespräch getroffen haben, war die aktuelle Landesregierung noch sehr frisch im Amt. Das ist jetzt über ein Jahr her. Wie zufrieden sind Sie mit der Arbeit der Landesregierung.
WILFRIED HASLAUER:
Wir haben uns gut aneinander gewöhnt, das klingt banal, ist aber nicht selbstverständlich. Das Menschliche entscheidet immer. Man muss Erfolg gönnen können und dennoch seinen eigenen Weg finden.

Was war denn der größte politische Erfolg der Landesregierung bis dato?
WILFRIED HASLAUER:
Wir können schon einiges vorweisen: Wir haben das Budget gut saniert. Wir haben in den letzten sechs Jahren fast 40 Prozent der Schulden zurückbezahlt. Wir haben die Pflegeplattform gestartet und zu einem inhaltlichen Abschluss gebracht und setzen das jetzt Schrittweise um. Wir sind im öffentlichen Verkehr einen großen Schritt weitergekommen. Die Maßnahmen, die Landesrat Schnöll erarbeitet hat, greifen jetzt. Es hat gut gestartet.

Schauen Sie sich das Interview mit Landeshauptmann Wilfried Haslauer im Video an. >>HIER<< geht's zum Video.

Das Thema Klimaschutz und -politik zählt nicht direkt zu Ihren Ressorts, aber über Wirtschaft und Tourismus sind Sie natürlich auch von den klimatischen Entwicklungen politisch betroffen. Muss man sich als Politiker für Klimaschutz verantwortlich fühlen?
WILFRIED HASLAUER:
Ja, das ist unabdingbar. Es ist interessant, dass vor allem die Jugend dieses Thema ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gebracht hat. Das ist ein Thema, dem wir uns zu stellen haben. Wir müssen aufpassen, dass hier nicht mit subtilen unbewussten Ängsten der Menschen gespielt wird, ohne dass konkrete Maßnahmen folgen. Außerdem muss man vor der Illusion warnen, dass Maßnahmen nicht in den persönlichen Lebensbereich eingreifen würden.

Es liegt ein Wochenende mit Starkregen und seinen Folgen hinter uns, davor hatten wir Hitzerekorde im Juni. Wie schätzen Sie die Klimasituation in Salzburg ein?
WILFRIED HASLAUER:
In Salzburg sind wir nicht so schlecht unterwegs. Wir sind bei der Energiegewinnung im Bereich Strom in einer sehr guten Situation, weil wir über sehr viel Wasserkraft verfügen und auch in den letzten Jahren viel in die Photovoltaik investiert haben. Wir werden das selbstgesetzte Ziel demnächst erreichen, 50 Prozent der Energiegewinnung – Strom, Wärme und Kraftstoffe – aus erneuerbaren Quellen zu produzieren.

Im Koalitionsvertrag heißt es auch: Bis 2050 soll Salzburg klimaneutral und energieautonom werden, ist das realistisch?
WILFRIED HASLAUER:
In manchen Bereichen ja. Beim CO₂-Ausstoß schaffen wir das alleine nicht. Da braucht es nicht nur Maßnahmen auf österreichischer Ebene, sondern auch auf europäischer. Ich bin davon überzeugt, dass die technische Entwicklung im Diesel- und Wasserstoffbereich wie auch bei den Elektromotoren schnell voranschreitet und sich hier viel tun wird.

Sie haben das Thema Wasser- und Sonnenenergie angesprochen; beim Thema Windenergie hat es dieses Abstimmungs-Nein der Lungauer Gemeinden im Juni gegeben. Ist das ein Dämpfer für den Klimaschutz in Salzburg?
WILFRIED HASLAUER:
Politik ist immer der Ausgleich unterschiedlicher Interessen. Es gibt ein Interesse an sauberer Energiegewinnung, andererseits gibt es landschaftsästhetische Überlegungen. Das zum Ausgleich zu bringen, ist die Aufgabe. Man kann Politik oder Projekte nicht an den Leute vorbei betreiben. Wir akzeptieren die Entscheidung der Lungauer. 

Man hört immer wieder, der Klimawandel würde uns Salzburgern touristische Vorteile bringen. Wie ist das zu verstehen?
WILFRIED HASLAUER:
Vieles entwickelt sich in unsere Richtung: Die Wärmeentwicklung, der Wunsch der internationalen Gäste nach Wasser und Wald, außerdem sprechen die Sicherheit sowie politische Ruhe in unserem Land für uns.

Was ist Ihr persönlicher Hitzetipp? Mit Arbeitskleidung Anzug ist man bei Temperaturen über 30 Grad ja nicht unbedingt bevorteilt ...
WILFRIED HASLAUER:
Wir haben im Chiemsee keine Klimaanlage und schaffen auch keine an. Für die paar Tage im Jahr, die wirklich so heiß sind, ist das schaffbar.

Arbeitgeber können am Bau mittlerweile Hitzefrei ab 32,5 Grad Celsius geben – werden wir das auch in anderen Branchen brauchen?
WILFRIED HASLAUER:
Am Bau ist es eine besondere Situation, weil die Arbeiter der Sonne direkt ausgesetzt sind und die Arbeit eine schön, aber auch sehr harte ist. Das ist nicht mit dem Arbeitsplatz Büro vergleichbar.

Gehen wir vielleicht noch mal zurück zum Tourismus. Das vergangene Tourismusjahr 2017/18 brach wieder Rekorde mit insgesamt fast 29,3 Millionen Nächtigungen im Sommer und Winter. Das ist viel. Ist das zu viel?
WILFRIED HASLAUER:
Wir entwickeln uns in eine Richtung, die wir wollten, mit ca. 30 Millionen Nächtigungen und ca. 7 Millionen Gästen. Die Diskussion zum 'Overtourism' beschäftigt uns vor allem in der Stadt Salzburg. Hier geht's um Tagestouristen und Reisebusse, die die Stadt füllen, ohne Wertschöpfung dort zu lassen. Da braucht es regulierende Maßnahmen. Aber wir werden die Rollläden nicht herunterlassen, denn reisen und besichtigen zu können, ist ein Zeichen von Freiheit.

Woran wird man künftig den Erfolg im Tourismus messen, wenn es nicht mehr um mehr und länger geht?
WILFRIED HASLAUER:
Wir stehen vor einem Paradigmenwechsel. Es wird nicht mehr nur um Nächtigungen gehen, sondern um Wertschöpfung und Qualität. Hier entwickelt sich vor allem der Süden des Landes sehr positiv.

Wie erfolgreich die Salzburger Wirtschaft in Zukunft sein wird, hängt – laut dem Koalitionsvertrag – auch von einer leistungsfähigen Breitband-Infrastruktur ab. Wo steht Salzburg im Ausbau dieses Netzes?
WILFRIED HASLAUER: 
Wir sind mit einer Breitbandanschließung von 92 Prozent Nummer eins in Österreich. Breitband ist eine Riesenchance vor allem für die ländlichen Regionen. Wir haben mit der Salzburg AG die Vereinbarung getroffen, in den nächsten Jahren 250 Millionen Euro in den Ausbau des Glasfaserkabelnetzes zu investieren. Darauf setzen wir primär, aber wir brauchen auch die mobilfunkunterstützten 5G-Netze, um in topografisch schwierigen Gebieten Verbindungen herstellen zu können.

Der Erfolg der Salzburger Wirtschaft wird immer mehr auch von Frauen getragen. Diese mischen bei Unternehmensgründungen mittlerweile gut mit. 2016 wurden im Land Salzburg bereits mehr als die Hälfte von knapp 2.000 Einzelunternehmen von Frauen gegründet. Sind wir Frauen das verbleibende Potential der Wirtschaft?
WILFRIED HASLAUER:
Frauen sind die Zukunft der Wirtschaft. Es gibt Berufe, die zunehmend weiblich werden. Die gesetzlichen Vorschriften und Strukturen müssen wir dieser Entwicklung anpassen. Denn eine Landärztin mit Familie steht vor anderen Herausforderungen als ihr männlicher Kollege. Wir haben mehr Frauen bei den Einzelunternehmerinnen aber dafür nach wie vor zu wenige Frauen in Topfunktionen in der Wirtschaft.

Beim Festakt am Tag der Universität waren sich der scheidende Rektor Heinrich Schmidinger und sein Nachfolger Hendrik Lehnert einig, dass Salzburg zu einer Universitätsstadt werden muss. Warum wird Salzburg nicht als solche wahrgenommen?
WILFRIED HASLAUER:
Eine Grund dafür ist, dass wir viele Studierende aus den umliegenden Regionen haben, die am Wochenende heimfahren und die Stadt als Studenten nicht so stark prägen. Das andere ist, dass sich die Universität mittlerweile sehr bemüht in die öffentliche Wahrnehmung zu kommen, da ist aber noch Luft nach oben. Hier sind wir auch als Land gefordert, die Partnerschaft mit der Universität zu suchen. Wir haben eine besonders schöne Universität und es wäre mir ein großes Anliegen, dass Salzburg als Universitätsstadt wahrgenommen werden würde.

Herr Landeshauptmann, googlen Sie sich ab und an selbst?
WILFRIED HASLAUER: Nie, ich verbringe ja den ganzen Tag mit mir, da brauch ich nicht noch im Netz nach mir suchen.

Also ich habe Sie gegoogelt und würde Sie gerne mit diesen Suchanfragen zu Ihrer Person "konfrontieren".
WILFRIED HASLAUER: Bitte, interessant.

Wenn die Menschen den Namen Wilfried Haslauer googeln, googlen sie auch nach der Wilfried Haslauer-Bibliothek. Worum handelt es sich dabei?
WILFRIED HASLAUER: Das ist eine Forschungseinrichtung in der Griesgasse in Salzburg, die nach meinem Vater benannt ist, ein privater Verein, der sich privat finanziert und sich wissenschaftlich beschäftigt, ein Zeitgeschichte-Institut betreibt und sehr viel publiziert.

Die Menschen googlen auch Wilfried Haslauer Senior – also ihren Vater. Ihr Vater war von 1973 erst als Landeshauptmann-Stellvertreter und dann bis 1989 als Landeshautpmann in der Salzburger Landesregierung – also 16 Jahre lang. Sie selbst sind seit 2004 in der Landesregierung. Sie werden also bald länger in der Landesregierung sein, als Ihr Vater damals. Hätten Sie sich das 2004 so gedacht?
WILFRIED HASLAUER: 2004 hab ich überhaupt nicht gewusst was daraus wird. Es war klar, dass es mein Auftrag war wieder Nummer eins zu werden. Das ist dann neun Jahren gelungen, aber das konnte man 2004 keineswegs absehen.

Wurde das zuhause so schön vorgelebt, dass Sie sich gedacht haben, dass Sie auch ein Leben in der Politik führen wollen?
WILFRIED HASLAUER: Nein, also Ich wollte eigentlich nie in die Politik gehen. Ich hab das ja als Kind miterlebt. Mein Vater war nie Zuhause und uns hat auch das Maß an Öffentlichkeit nicht behagt. Ich verstehe das heute anders und sehe es aus einem anderen Gesichtswinkel. Aber für eine Familie ist das begrenzt witzig. Daher bin ich Anwalt geworden und war zufrieden und dann ist doch alles anders gekommen. Und jetzt bin ich hier.

>> Tipp: Das nächste Sommergespräch findet mit Landesrätin Andrea Klambauer statt. Online können Sie live dabei sein. >>HIER<< erfahren Sie mehr.

Autor:

Julia Hettegger aus Salzburg

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