Gedichte, Sprachen, Frauen, Klima
Die Hitze, Rilke, meine Frau und ich

Hitze und Rilke

Hitze in St. Pölten, Hitze in Herz und Seele. Für Nachrichten aus der Welt habe ich ein neues Handy. Es heißt Rainer Maria Rilke. Es ist flach, passt in jede Hosentasche, und man kann es sich in der Kremsergasse oder am Herrenplatz um € 2,40 anschaffen. Ich habe es schon seit vielen Jahren, und jetzt ‚hat es mich‘ wieder gefunden. Ewiger Akku, unendlich viel Speicher und es riecht nach Freiheit. Ich bin in der Parkstraße hinter dem St. Pöltner Rilkeplatz aufgewachsen und kam so zum Dichter Rainer Maria Rilke, geboren 4. Dezember 1875 in Prag, Österreich-Ungarn. Gestorben am 29. Dezember 1926 im Sanatorium Valmont bei Montreux, Schweiz. Sprache kann tatsächlich viel auslösen, nach allen Richtungen.

Kunst und Schubladen

Rilke machte kurze Zeit in St. Pölten die Militärakademie. Da fühlte er sich eingesperrt, wollte nicht lernen, wie man Menschen erschießt, trat aus und begann Gedichte zu schreiben. Dass man von so etwas leben kann, ist laut Wahrscheinlichkeitsrechnung weniger erfolgreich als Lotto spielen. Das gilt auch für alle anderen Kunstformen. Doch solange Künstler an Physik und Wahrscheinlichkeit glauben, sind sie keine Dichter, Künstlerinnen. Ja, ich schreibe das mit kleinem „i“, ohne Doppelpunkt, weil es für mich in mir drinnen weiblich ist. Als ich diese innere Frau kennenlernte, gab es zunächst einen großen Krach zwischen mir und ihr und das alles in meinem eigenen Bauch. Jetzt arbeiten wir zusammen. Von außen werden die Dinge und Gefühle leider klipp und klar in eine Schublade gesteckt und fertig.

„I Am From Austria“

Ich brauche keine Fußballmanschaft, um mich männlich zu fühlen, ich brauche auch keine Fußballmannschaft, um unbewusst Männer berühren zu dürfen, können, mögen. Ich brauche keine Fahnen, um dies innen leben zu können. Ich brauche keine Nation, um stolz sein zu können. Trotzdem liebe ich Österreich und singe unter Tränen „I am from Austria“ mit, wenn Österreich Tore schießt, sage Österreich zu mir und zum Fernseher und höre mir „Bist. Du. Deppert!“ an.

Frau und Mann

Ich bin innen gern total männlich und versuche, das auch nach außen zu sein. Ich bin innen gern total weiblich. 1976 mit 14 Jahren, nach 50 Jahren „Pubertät“ (uff!), konnte ich es wieder sein. Ein pumperlgesunder St. Pöltner. Als ich so sechs, sieben Jahre alt war, fragten mich fremde Erwachsene, ob ich ein „Bub oder Mäderl?“ sei, wirklich! Ich hatte lange Haare und liebte alles Männliche und alles Weibliche in mir. Einmal so und einmal so. Das hatte damals und heute nie etwas mit meiner sexuellen Ausrichtung zu tun. Die ist nämlich auch einmal so und einmal so. Das war aber in den 70ern in St. Pölten nicht so einfach. 1986 bis 1988 lebte ich zwei Jahre in Sizilien, dann quer durch ganz Italien, insgesamt sechs Jahre, und lernte meine Traumsprache Italienisch, lebte, dachte, träumte, liebte das Italienisch, bis heute. Mein Wunsch seit meinem 10. Lebensjahr, als ich mit Mama, ihrem Freund „Onkel Jupp“ und meinen Geschwistern zum ersten Mal in Jesolo und Venedig war. Da fahre ich heute und für immer noch gern hin, mit meiner Frau und mit gleichem Herz und Seele. Zunächst ohne Grammatik, nur Herz und Seele. Dann lernte ich die Grammatik der Welt.

Oma und „Carnevale a Venezia”

Das „ist jetzt der Ernst des Lebens“, sagte früher die Oma. Ich glaube, das ist der Sinn des Lebens, innen immer ernst, innen immer schön, egal, was ich tu. Damals in Jesolo war alles Autodrom und Wiener Schnitzel und schöne Menschen, manchmal auch Nudeln. Die Menschen dort lachten immer und hatten Freude. In Venedig war alles so schön, wie ich noch nie etwas gesehen habe. Die Häuser, die Kanäle. Früher bauten sie so schöne Gebäude, trugen ein Mal im Jahr Masken, um niemanden wissen zu lassen ‚wie was wer warum‘ sie jetzt sind. Wirklich, das war der Sinn des ‚Carnevale a Venezia‘, sie haben es „tuschen“ lassen. In St. Pölten haben sich Menschen im Fasching, so wie ich, als Cowboy und Indianer verkleidet, oder als Playboy Ultra 2000, super! Ja, das war beim ‚Gschnas‘ in den „Stadtsälen“, heute City Hotel. Ich war im Kindergarten auch einmal der Igel „Mecki“.

Sizilien und Fedrizzi

Später fuhr ich also nach Palermo, um Mann werden zu lernen, um Italienisch zu lernen. Dann sah und lernte ich dort etwas, was ich mich in St. Pölten nie getraut hätte: Die Männer dort sind verheiratet, haben Kinder, gehen am Abend aber trotzdem mit ihren männlichen Freunden Arm in Arm, oder sogar die Arme um ihre Hüften gelegt. Das war dort so, ganz normal. Männer sangen den ganzen Tag, gemeinsam mit Kindern und Frauen, oder alleine mit ihrem Freund. Da sitzt einer gegenüber von seinem Freund und singt so lang, bis der Freund weint. Dann singt der andere auch so lang, bis sein Freund weint. Das ist dort das männlichste Männlich. Stell dir vor, ich hätte das beim Fedrizzi oder im Kaltbad oder im Löwenkeller gemacht, na seawas.

Der Löwenkeller und das Universum

Im Löwenkeller war ich 1984 Discjockey und blieb das – innen - bis jetzt, hinter den Plattentellern bis 1994. Zu Hause habe ich wieder Plattenteller. DJs und Dichter ‚spielen‘ nicht die Musik, die sich Gäste wünschen, das ist ein ‚Tupper Ware‘ Klischee. Ich spielte die Musik, die mir gefällt und ich mich traute. Jetzt schreibe ich das, was mir gefällt und ich mich traue. Und schau, dass die Tanzfläche oder die Herzen pumpvoll werden. Ich will frei sein und das tun, was ich am besten kann: Künstler sein und schreiben. Dem entsprechend werde und wurde ich bezahlt, seit 1974. Dafür bekomme ich Geld. Das ist und war manchmal wenig Geld, das ist und war manchmal gar kein Geld, das ist und war manchmal sehr viel Geld. Wie auch immer: ich schreibe. Das habe ich beim Universum bestellt und das habe ich bekommen.

Discjockey und Schallplatten

Ich hab mich von 1982 bis 1994 als Discjockey blöd verdient, gelebt wie Gott in Frankreich, habe alles sofort wieder ausgegeben, lebte Männerträume zum Quadrat, konnte in Südtirol jedes Jahr sechs (!) Monate am Berg Schifahren, von November bis Mai, mit umgerechnet ca. 70,- Euro Saisonkarte, Tarif für Einheimische. Speikboden und Kronplatz, der ist mittlerweile die größte Schischaukel der Welt. Damals hat es nur geschaukelt, am Lift und in der Mittelstation, super. Drei Jahre 24 Stunden am Tag Party wie im alten Rom oder in Venedig. Dann wurde es fad.

Füllfeder und Bleistift

Ich schrieb jedoch schon seit Jahren immer wieder Gedichte und Texte auf Zetteln, in Schreibblocks und Hefte, da war noch nix mit Laptop. Ich lernte dann später in Wien, da lebte ich 20 Jahre, was Miete, Erlagschein, Gas, Strom und Fixkosten sind. Und Inkassobüros. Und weitere Dinge, die sogar mir zu privat sind. Das war nicht so lustig wie vorher am Sessellift frisch Sonnenöl von Piz Buin auftragen und sich mit einem S.T. Dupont eine Marlboro anzuzünden. Das Dupont hab ich dann irgendwo bei der Bergstation verloren, ich war schon sehr Schnaps mit Zwetschke süß. Dass ich das alles überlebt habe, ist kein Glück sondern ein Wunder. Ich habe viel – angeblich – verloren, nur meine Füllfedern, Kugelschreiber, Bleistifte und Zettel hatte ich immer. Hatte ich sie einmal nicht, hab ich sie mir ausgeliehen, meistens bekam ich sie geschenkt.

Puch Jungmeister und Autodrom

1974 mit zwölf Jahren habe ich zum ersten Mal etwas geschrieben, damals sogar in die Schreibmaschine von der Mama, sie hat sie für zusätzliche Büroarbeiten mit nach Hause genommen. Auf Papier so Buchstaben tippen war für mich wahnsinniger Wahnsinn. Gedruckte Buchstaben, meine, so richtig wie in einer Zeitung oder in einem Buch. Ebenfalls im Jahre 1974 habe ich von der Oma ein Fahrrad geschenkt bekommen: Puch Jungmeister, gelb, mit zehn Gängen, „Zehngaungradl!“. - „Bist. Du. Deppert!“, habe ich gesagt, vor lauter Freude. Zwei Jahre später fuhr ich mit meinem „Zehngaungradl“ zum Rummelplatz, damals beim Hammerpark. Ich musste natürlich sehr flott und sehr lässig zum Autodrom. Ich war so cool, dass ich keine Zeit mehr zum Absperren hatte. Voll uncool wär das gewesen. Als ich vom Autodrom zurückkam, war mein Fahrrad gestohlen. Erst 50 Jahre später bekam ich ‚vom Papa von einer Freundin von meiner Frau‘ ein Fahrrad geschenkt: Puch Clubman, erstes Baujahr 1976, rot, Zwölfgang! Also zwei Jahre jünger als mein Puch Jungmeister, aber eben zwei Gänge mehr, rot statt gelb und mit einem ‚Pariser‘ Lenker. Ohne Strom, nur jung. Es ist das schönste Fahrrad der Welt.

Kino und Blinker

Am Puch Jungmeister hatte ich einmal Blinker montiert, wirklich, die blinkten, mit Batterien. Das sah man am Tag aber fast nicht, also fuhr ich am Abend zum Forum Kino, wartete bis es dunkel wurde, und die Menschen aus dem Kino kamen. Dann fuhr ich die kleinen Asphalt-Wegerl dort auf und ab und blinkte. So lange, bis die Menschen alle weg waren. Eine Runde hab ich dann nur mehr für mich selbst geblinkt. Das war noch schöner als wie vor allen Menschen. Ich fuhr am nächsten Tag trotzdem wieder zum Kino, wenn es finster war, und wartete auf die Menschen, ich hatte ja Zeit.

James Bond und Tiefgaragen

Damals sah ich im Kino James Bond: „Der Mann mit dem goldenen Colt“. Super. Bis jetzt habe ich ihn 56mal gesehen. Das ist übertrieben, aber ich kann nicht mit 63 Jahren warten bis es finster wird und blinken. Letztens in der Tiefgarage St. Pölten Rathausplatz saß meine Frau neben mir im Auto, und ich habe geblinkt. „Du Irrer blinkst in der Tiefgarage!“, hat meine Frau laut gelacht. Ich sagte ernst: „Ja, es ist finster, da muss ich blinken.“ Oben in der Trafik kaufte ich mir, statt wie früher Marlboro, Lucky Strike und erkundigte mich, was ein S.T. Dupont Feuerzeug kostet: 500,- Euro. Das kann ich mir – noch – nicht leisten. Meine Frau stand 100 Meter daneben am Rathausplatz vor einem Modegeschäft. Als ich kam, schüttelte sie ihren Kopf und sagte: „Was die Menschen für ihre Markenmode ausgeben ist Wahnsinn!“ Eigentlich sagte sie ‚reiner Wahnsinn‘ und ihre Augen blinkten, wunderschön.

Rolex und Theater

Ein paar Monate später, wir waren gerade in Barcelona in einem türkischen Speiselokal, hat sich meine Frau bei einem Tisch-Verkäufer eine falsche Louis Vuitton Tasche gekauft. Sie wollte nur wissen, wie das ist. „Einfach lächerlich“, sagte sie und „meine Freundin kauft sich sogar die echte, also da weiß ich mir was Besseres.“ Ich kaufte mir 1990, ich war alleine drei Monate in Thailand, eine falsche Rolex. Ich wollte nur wissen, wie das ist. Wieder zu Hause habe ich als DJ eine Frau kennengelernt und war mit ihr fünf Jahre zusammen. Sie hat die falsche Rolex verschwinden lassen und kaufte mir eine Raymond Weil, eine echte, ‚electro plated‘, scheußliche Uhr. Aber diese Frau war 17 und blond und so süß, und ich hab diese depperte Uhr dann halt getragen. Nach unserer Beziehung, 1995, hab ich diese hässliche Uhr in Wien in einen Mistkübel geschmissen. Da war ich mit meiner Cocker-Hündin im Märzpark spazieren. Ich nannte sie „Poo Ying“, das ist Thailändisch und heißt „Mädchen“. Sie war teuer und hatte am Kopf blonde Haare. Zu der Zeit begann ich Theater-Schauspiel zu lernen, am Volkstheater, bei Michael Schottenberg und Maria Bill. Ich hatte kein Geld, aber das war mir wurscht. Doch bekam ich dann sehr wohl einen Vertrag als „Eleve“, das heißt Schauspielschüler oder Schauspielschülerin. Das Geld für den Hund war das letzte, das ich abheben konnte. Als ich dann die Wohnungsmiete nicht mehr zahlen konnte, fand ich zusätzlich zum Theater am gleichen Tag einen Job als Kellner und unterrichtete am Wifi St. Pölten Italienisch, ich fuhr hin und her. Ich hätte mich das gar nicht getraut, aber meine Schwester sagte: „Du tust das jetzt, ich kenn die Chefin dort, und wenn du zu blöd bist, schmeißt sie dich eh raus.“ Seit damals unterrichte ich – mit Pausen - Italienisch, in der VHS St. Pölten und am Wifi. 2018 sagte meine Frau: „Du unterrichtest wieder Italienisch, ich kenn da eine Frau dort. Und wenn du zu blöd bist, schmeißt sie dich eh raus.“ Am Anfang hatte ich einen einzigen Kurs, voriges Jahr waren es sogar zwölf. Das Honorar hat meine Frau ausgemacht. Zu Beginn sagte die Chefin dort: „Das ist zu viel, das geht nicht!“ Meine Frau sagte: „Das ist mir wurscht, das geht.“ Es ging und geht. Meine Frau ruft im Wifi und in der VHS ab und zu an und ist sehr lieb zu den Frauen dort. Alle meine Chefinnen sind Frauen: Wifi, VHS, Kolumnist, Kühlschrank, Konto, alle. Das regt mich jeden Tag 24 Stunden sehr auf. Aber es ist mir wurscht und ich blinke in allen Tiefgaragen.

Frau, Panther und Herbst

In den frühen 70ern hat mir meine Mutter den Rilke-Platz gezeigt, mir Rilke-Gedichte vorgelesen und mir sein „Stundenbuch“ geschenkt. Da sind seine schönsten Gedichte drinnen. Obwohl Literatur-Kritiker sagen, dieses Buch sei erbärmlicher Kitsch und „Wohlfühlliteratur“. Das ist mir aber wurscht. Ich liebe dieses Buch. Zum Beispiel das Gedicht „Der Panther“ oder „Herbsttag“. Ich kann diese und andere Gedichte von Rilke seit den 70ern auswendig, hab sie mir oft alleine im Wald beim Spazierengehen aufgesagt. Da hatte ich ja keine Blinker, außerdem war es Tag und hell. Ich tu das noch heute und für immer. Ich war nie in einer Militärakademie, wie Rilke, aber in Zwölfaxing beim Bundesheer, so auf ganz normal acht Monate. Mit Ausbildung im kalten Jänner und im Gatsch und mit viel schreien und schnaufen. Die Kellnerin, außerhalb der Kaserne, vorn in einem Gasthaus, war blond und total schön und hatte das beste Wiener Schnitzel. Ich habe es mit Reis gegessen, und gemischtem Salat. Das war 1982.

Joe und René

Nach dem Bundesheer habe ich in Pottenbrunn beim Joe, „Jo-e“ als Discjockey angefangen. Am Mikrophon wurde meine Stimme viel tiefer als sonst, weiß auch nicht, warum. Aber so tief wie dem Jo-e seine Stimme wurde sie nie, damals, jetzt schon. Also vor einem Mikrophon, da blinken die Frauen so schön. Jo-e ist jetzt oben im Himmel und hält das Mikrofon noch immer genauso fest wie damals, obwohl er es locker gehalten hat, komisch, und er lächelt wie damals. Was das alles mit Rainer Maria Rilke zu tun hat? Alles. Die Mutter von Rilke wollte ein Mädchen. Rilke kam zur Welt, seine Mutter zog ihm rosa Kleidchen an und steckte ihm eine Haarspange ins Haar. Sie nannte ihn Renè oder René, das ist ein Bub- und Mädchenname, je nach é oder è. Irgendwie entscheidet das Stricherl über dem „e“, ob Bub oder Mädchen. Oder es ist dem Stricherl wurscht.

Frau Lou und Herr Rainer

In München lernte Rilke am 12. Mai 1897 eine Frau kennen und verliebte sich in sie. Sie hieß Lou Andreas-Salome, Schriftstellerin und Philosophin. Er sagte zu ihr, dass er René heiße. Sie lachte und sagte: „Nein, du kannst super schreiben, bist aber ein süßer Trottel und heißt ab jetzt „Rainer Maria Rilke“. Rilke sagte: „Warum?“ Lou sagte: „Weil ich es sage.“ „Aha.“, sagte Rilke und fuhr sich durchs Haar. Schon 1882 lernte Lou den Philosophen Friedrich Nietzsche kennen. Er machte ihr gleich einen Heiratsantrag. Lou sagte: „Aha.“ Rilke machte ihr erst später einen Heiratsantrag, Lou sagte: „Aha.“ Sie war auch noch mit anderen Männern zusammen und zu allen sagte sie immer wieder: „Aha.“ Alle wollten Lou heiraten, wurden aber abgewiesen und malten und komponierten und schrieben weiter.

Sprachen und Frauen

Ich lernte viele lebende oder verstorbene Dichter und Schriftsteller kennen, zum Beispiel H. C. Artmann, Ernst Jandl, Christian Morgenstern, Joachim Ringelnatz, Berta von Suttner, Enheduenna, eine Frau vor 5.000 Jahren. Ich lernte sie kennen im Buch „Die Erfindung der Poesie“ von Raoul Schrott, der kennt sich aus in diesen alten Sprachen. Meine Mutter hatte mir dieses Buch geschenkt, genauso wie „Das Leben des Giordano Bruno“. Ich lernte Ingeborg Bachmann kennen oder die Frau Mithu M. Sanyal, Kulturwissenschaftlerin und Publizistin. Ihr Buch heißt: „Vulva. Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts“.

Liebe, Bücher und Frauen

Bei all diesen Büchern sagte ich: „Bist. Du. Deppert!“ Was die alle schrieben, war beruhigend, sehr unterschiedlich, aber total schön. Manchmal musste ich weinen, dann wieder bekam ich so irgendwie Angst, dann musste ich lachen, dann hab ich mich überhaupt nicht ausgekannt. Ich lese diese Bücher aber immer wieder und habe Freude daran. Diese Bücher machen mich stark, oder wieder stark. Zum Schluss noch ein Gedicht von Rilke, mein Lieblingsgedicht:

Du musst das Leben nicht verstehen

„Du musst das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest.
Und lass dir jeden Tag geschehen,
so wie ein Kind im Weitergehen
von jedem Wehen sich frische Blüten schenken lässt.
Sie aufzusammeln und zu sparen,
das kommt dem Kind nicht in den Sinn,
es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben, jungen Jahren
nach neuen seine Hände hin.“

(Rainer Maria Rilke, aus dem Band: „Das Stundenbuch“)

Und in dieser Kolumne, ganz zum Schluss, das Lieblingsgedicht von mir selbst, dieses im Dialekt, geschrieben 1996 auf ein Stück Zeitungspapier beim Zwiebelschneiden:

briada

a fridaddnsuppn
und a kluppn
a kluppn
zum zaumzwiggn
aus hoiz.

(Roul Starka, Wien, 1996)
---
Roul Starka
St. Pölten, 12. August 2026

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