10.08.2015, 11:33 Uhr

Kultur kurios: Vaterland, Volk, Heimat

Sieht so "Heimat" aus? (Welchs Sprache spricht der Traktorfahrer?)

Wenn die Vaterländischen vom Vaterland eine Ahnung hätten, bliebe uns so manche politische Torheit erspart und wir könnten uns darauf konzentrieren, daß Europa vor enormen Herausforderungen steht, die zu bewältigen uns niemand abnehmen wird.


Aktuelle Flüchtlingsströme, gegenwärtige Wanderbewegungen, machen uns Wohlstandskinder nervös. Wir berufen uns entnervt auf den modernen Nationalstaat, den es hier noch keine hundert Jahre gibt. Wir möchten unerwünschte Leute in die Welt zurückschicken und Grenzen dicht machen.

All das in völliger Ignoranz der Tatsache, daß Menschen seit es Menschen gibt wandern, daß sie Gebiete mit schlechten Lebensbedingungen verlassen und bessere Chancen suchen. Da war noch nie anders, aber es stört nun jene, die es gut haben, daß Habenichtse plötzlich auf unseren Füßen stehen, statt bloß davor.

Wie sollen sie aus unserer Komfortzone zurückgewiesen werden? Mit Ideologie und Staatsgewalt. Was wird dabei ideologisch gespielt und in die Waagschale geworfen? Herkunft. Ethnos. Kultur.

Heimat, Vaterland, die abendländische Kultur, das christliche Europa, die Volkskultur. Lassen Sie doch jede Perle, jede Lichtgestalt der österreichischen Gesellschaft, die sich dieser Begriffe leichtfertig bedient, ohne dazu etwas Genaueres sagen zu können, bloß einen Euro in einen Kultur-Fonds einzahlen. Die Kultur- und Wissensarbeit Österreichs würde im Geld schwimmen.

Wovon ist denn die Rede? Gehen Sie aufs Land und fragen Sie die Alten oder auch Leute meiner Generation, was gemeint sei, wenn jemand „Hoamatl“ sagt. Die Region? Die Steiermark, zu der man sich per Trachtentragen bekennen möge? Österreich? Nein! Das Hoamatl ist das Elternhaus, die Wirtschaft, von der man kommt.

Wenn früher jemand fragte „Wo ghearstn zua?“ oder „Wem ghearst?“, also „Wo gehörst du hin?“ beziehungsweise „Wem gehörst du?“, war das eine andere Art zu fragen: „Wer bist du?“ oder „Wie heißt du?“ Für einfache Leute ist nämlich das „Vaterland“ über Jahrhunderte keine relevante Kategorie gewesen, das Elternhaus sehr wohl.

Dazu mußte man übrigens erst einmal eines haben; ein Elternhaus. Ledige Dienstbotenkinder durften entweder am Hof bleiben, wenn die Mutter dann weitgehend gratis arbeitete, oder sie wurden weggegeben, waren billige Arbeitskräfte, die „bei di Rotzn“ hausen mußten, also im Stall „bei den Ratten“.

So viel übrigens auch zu der von den Vaterländischen gerne beschworenen „traditionellen Familie“. Die gab es nämlich für die breite Bevölkerung eher nicht. Ein Dienstbot ohne eigenen Hausstand durfte ebenso wenig heiraten wie ein Geselle, außer er heiratete die Witwe des Meisters, die über nötige Mittel verfügte.

Ein einfacher Soldat des Kaisers hatte zum Heiraten eine wesentlich höhere Lizenzgebühr zu zahlen, als seine Offiziere, was für die wenigstens unter ihnen zu schaffen war. Nein, Vater-Mutter-Kind im gemeinsamen Haushalt, das war die letzten tausend Jahre nicht die Regel und daher auch nicht „die traditionelle Familie“.

Sie zweifeln? Fragen Sie alte Leute! Lernen Sie österreichische Sozialgeschichte!

Was soll denn nun das Vaterland gewesen sein? In der Feudalzeit verschoben sich laufend die Grenzen, da die Herrschaft ständig um Grund und Boden kämpfte, die Grundlage ihres Wohlstands. Für den Leibeigenen war es völlig egal, von welchem Fürsten er gerupft wurde, der sprach so oder so eine andere Sprache, lebte eine andere Kultur.

Das Imperium des Kaisers wie die Ländereien der Fürsten waren allesamt nicht das Vaterland der Untertanen. An solchen ideologischen Konstrukten konnten nur die Fürsten ein Interesse haben.

Das änderte sich auf dem Weg vom 18. ins 19. Jahrhundert, weil sich die Herrschaftsverhältnisse verschoben. Ich verkürze es polemisch. Nachdem Napoleon im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation das Licht ausgeknipst hatte und beim Wiener Kongress die Ordnung Europas neu verhandelt wurde, kam die Zeit der Volksarmeen.

Diese Armeen mußten ideologisch begründet werden. Warum sonst hätte ein Bauer Haus und Hof verlassen sollen, um für einen Kaiser in die Schlacht zu ziehen, der so gut oder schlecht war wie jeder andere Herrscher? Mumpitz!

Die waffenfähigen Männer waren für Gott, Kaiser und Vaterland in der Armee. Der Kaiser versenkte ab 1914 (mit Gott) das Vaterland, das Volk durfte bloß bluten. Schon bald darauf kamen Proleten und Schnösel an die Macht, dieses Nazi-Gesindel, versuchten ein „Drittes Reich“ zu etablieren, wiederum mit viel Ideologie und Vaterlands-Geschwurbel.

Was aber war hauptsächlich in diesem „Zweiten Dreißigjährigen Krieg“ Europas geschehen? Österreich und Deutschland hatten einen erdrückenden Überhang junger Männer, die nichts werden konnten, abgefackelt.

Denken Sie ans Hoamatl. Nur die erstgeborenen Söhne konnten etwas werden. Zweit- und Drittgeborene waren überflüssig. Sie mußten dem ältesten Bruder Knechte sein, falls die Wirtschaft das trug, oder mußten zu anderen Bauern in den Dienst. Wenn aber eine Region das wirtschaftlich nicht tragen konnte, mußten die nachgeborenen Söhne weg, weil sie sonst sehr schnell zu einem sozialen und letzlich kriminellen Problem wurden.

Im Klartext, wenn die meisten gesunden Frauen drei, vier, fünf Kinder durchbrachten, wofür sie meist einige mehr gebären mußten, hatte eine Region sehr bald für längere Zeit zehntausend und mehr junge Männer im Alter zwischen 15 und 30 Jahren, die zuhause keine Zukunfts-Chancen fanden, weil es zu wenig lohnende Jobs und nennenswerte Positionen gab. (Laut Gunnar Heinsohn ist 15 das traditionelle Kampfalter von Buben.)

Solche Kohorten frustrierter junger Männer werden früher oder später gewalttätig. Vor allem in einer Gesellschaft, in welcher der junge Mann nur dann ein akzeptiertes Sexualleben haben kann, wenn er verheiratet ist, was er nicht sein kann, wenn die Mittel dazu fehlen.

Wenn Sie heute darüber staunen, daß in Europa mehr junge männliche Flüchtlinge ankommen als andere (Frauen, Kinder, Alte), dann denken Sie, was bei uns und überall sonst seit jeher bewältigt werden muß: Der Machtwille tausender zorniger junger Männer, die nichts werden können und die auf gesellschaftlich akzeptierte Art keine Beziehungen mit Mädchen haben können.

Dieser Realität kann man nicht mit vaterländischem Geschwätz begegnen. Und schminken Sie sich Kraftlackeleien ab. Wir verwöhnten Wohlstandskinder brächten niemals genug bewaffnete Verbände zustande, um diese Kohorten junger Männer abzuwehren.

Wollen wir also in Europa Frieden sichern, brauchen wir soziale und politische Mittel, dieser aktuellen Herausforderung zu begegnen, keine dummen Sprüche und kein Säbelrasseln.

+) Kultur kurios: Überblick: [link]
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