Kunst als politisches Statement
Teil 3: Meinung und Urteil

Es ist nicht mehr möglich, sich der Politik zu entziehen. Deshalb ist des notwendig sich der Politik zu stellen. 29 internationale KünstlerInnen haben auf diesen Kommentar spontan reagiert und haben dazu ihr politisches Statement in Wort und Bild verfasst. Unter ihnen Amora Helenna Jouja, die auch ein originelle Video der Ausstellung produziert hat.

Der Kurator der Ausstellung "Meinung und Urteil", Hubert Thurnhofer, hat dazu folgenden Essay verfasst.

Jede Meinung ist zunächst ein Vorurteil. Diese apodiktische Aussage weckt hoffentlich Widerspruch, denn schon das Grundgesetz 1867, das bis heute Teil der österreichischen Verfassung ist, garantiert das Recht auf freie Meinung als Grundwert.

Das Patriarchat von Kaisers Gnaden hat jedoch die Meinungsfreiheit in staatlichen und kirchlichen Organisationen ebenso wie in Betrieben und Familien weiterhin stark eingeschränkt. Wer hätte sich noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts erlauben können, der Meinung des eigenen Vaters zu widersprechen?

Erst die Entwicklung des Menschen vom Untertanen des Staates zum selbstbewussten Bürger nach dem Ende des 2. Weltkrieges hat schließlich der Meinungsfreiheit (zumindest in den demokratisch verfassten Ländern dieser Welt) zum Durchbruch verholfen. Zu diesem Durchbruch hat die UNO-Menschenrechtsdeklaration 1949 entscheidend beigetragen. Der Artikel 19 lautet: „Jeder hat das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung; dieses Recht schließt die Freiheit ein, Meinungen ungehindert anzuhängen sowie über Medien jeder Art und ohne Rücksicht auf Grenzen Informationen und Gedankengut zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten.“

Seit 1949 hat sich die Welt, haben sich die Menschen massiv verändert. War der Mensch früher selbstverständlich Teil eines Standes und jeder Stand „von Natur aus“ Teil des Ganzen, so ist der Mensch heute zunächst Individuum. Die Unterordnung unter das Ganze ist nicht mehr wünschenswert. Die Menschheit als Ganzes existiert nur noch als Fiktion neben dem Menschen als Individuum als einzige "Wahrheit".

Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teil, lautet eine alte philosophische Weisheit. Heute gilt: das Ganze ist lediglich die Summe seiner Teile und kein Teil hat mehr Rechte als der andere Teil. Jeder hat das Recht recht zu haben – bedeutet: Keine Meinung ist richtiger oder falscher(?) als die andere. Am Ende ist keine Meinung richtig und keine falsch. Die Suche nach der Wahrheit endet damit, die Wahrheit selbst hat sich damit aus dem Diskurs verabschiedet.

Es ist zwar für jeden offensichtlich, dass die soziale Kluft immer größer wird – größer als zu Zeiten, als man seinem Stand oder seiner Klasse kaum entkommen konnte – doch wir leben in der zweifelhaften Gewissheit, dass die Meinungen der Reichen und Superreichen genauso viel oder wenig zählen wie die Meinungen der Mittelklasse oder der Armutsgefährdeten.

Gerade für die Armen ist ihre Meinung oft das Einzige, was ihnen niemand nehmen kann. Die Entwicklung des Individualismus hat dazu beigetragen, dass jeder seine Meinung hütet wie einen Schatz, die Entwicklung der Demokratie hat dazu beigetragen, dass jeder das Recht in Anspruch nimmt, seine Meinung zu vertreten, die Entwicklung der Internet-Medien hat dazu beigetragen, dass jeder die Möglichkeit hat, seien Meinung zu publizieren.

All diese Entwicklungen haben nicht dazu beigetragen, dass sich die Menschen um eine fundierte Bildung ihrer Meinungen kümmern. So bleiben viele Meinungen im Vorurteil haften. Darum wiederhole ich an der Stelle: Jede Meinung ist zunächst ein Vorurteil, denn die Freiheit jede Meinung zu äußern, impliziert für viele Menschen die Freiheit von der Verpflichtung, ihre Meinung zu begründen. Darin liegt eine Fehlentwicklung. Dies ist meine Meinung.

Jedes Vor-Urteil kann nur durch ein Urteil bestätigt oder widerlegt werden. Es ist üblich und durchaus legitim, dass ein Kläger vor Gericht seine Meinungen zu eine Streitfall darlegt. Solange jedoch keine Begründungen vorgetragen wurden, solange keine Gegenargumente und Beweise vorgebracht wurden, bleibt jede Meinung ein Vor-Urteil. Erst die Abwägung aller Argument durch den Richter ermöglicht das Urteil.

Ich spitze daher meinen Meinung zu: die Fehlentwicklung der Meinungsfreiheit, die sich bei genauer Betrachtung in vielen Fällen als Meinungswillkür entlarvt, ist einer der Gründe für die Fehlentwicklungen unserer Demokratie. Ich überlasse es dem Leser und der Leserin – insbesondere den teilnehmenden Künstlern und Künstlerinnen der Ausstellung - diese Meinung zu beurteilen.

Meinung und Urteil von Amora Helenna Jouja: „The Arch of Chase" ist eine spielerische Kombination aus dem zur Ikone gewordenen Gemälde „Der Schrei" von Edvard Munch und einem modernen Märchen von Helenna Jouja. Die Künstlerin zeigt das Leben als Spiel: wie auf einer Bühne geht es um Sehen und Gesehen werden. „Chaser“ („Verfolger“) müsste man in der Welt von Social Media mit „Follower“ übersetzen. Waren die Bühnen früher Strände, Sportplätze, Parks, Bars und Diskos, so sind die Bühnen, die die Welt bedeuten, heute Facebook, Instagram und Tiktok. Das Märchen, durch Popularität reich zu werden, kann heute für jeden in Erfüllung gehen, der auf Facebook und Co viele Follower findet.
Die Bewunderung für die Reichen ist auf der ganzen Welt weit verbreitet. Wir beurteilen die Menschen danach, wie schwer oder leicht sie Reichtum akkumulieren. Unsere Einstellung zu armen Menschen ist meist abweisend. Aber verdienen sie es weniger als die Reichen auf das Podest gestellt zu werden? Während die Reichen und Berühmten feiern, rufen viele Arme um Hilfe. Aber der Schrei bleibt ungehört, wie das berühmte Bild von Edvard Munch andeutet. Einige jagen die Reichen, andere geben ihren Reichtum aus Liebe auf. Die meisten Reichen glauben, sie hätten ihr Vermögen verdient. Man kann darüber streiten. Eines ist jedoch ist sicher: Die Armen verdienen ihre Armut nicht. Niemand hat es verdient, so wenig zu verdienen!
Bild zur Ausstellung: The Arch of Chase, Acryl a.L., 100 x 150 cm


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