Im Gespräch mit einer Innovationsmanagerin
"Innovation darf nie Kosmetik sein"

Heidrun Girz: "Innovation wird von Menschen gemacht."
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Heidrun Girz ist ins Mürztal gekommen und hat viel Wissen rund um Innovation mitgebracht.

Heidrun Girz, Sie sind gebürtige Murtalerin, haben über 20 Jahre in Wien gelebt, wo Sie auch Ihr Unternehmen Heidrun Girz Consult gegründet haben, und unter der Marke More Relations, das Wilhelm Pichler führt, auftreten. Letzten Sommer haben Sie sich mit Ihrem Mann im Mürztal niedergelassen. Was hat Sie denn ins Mürztal verschlagen?
HEIDRUN GIRZ: Mein Mann und ich sind beide in Judenburg geboren und aufgewachsen. Wir haben über 20 Jahre in Wien-Aspern am Stadtrand gewohnt. Als wir vor ein paar Jahren eine Almhütte im Mürztal erworben haben, haben wir in der Stanz sofort Freunde gefunden. Neben den positiven Aspekten der einzigartigen Region habe ich aber auch die wirtschaftlichen Herausforderungen hier kennengelernt. Damit war klar, hier wollen wir leben, wir siedeln uns hier an. Laufende Gespräche mit ansässigen Unternehmern aus unterschiedlichen Branchen untermauerten diese Idee, die als Konzept mit der Achse Wien, Murtal und Mürztal zum „Urban-Regional Innovator Programm“ führte.

Was eigentlich macht Sie zu einer Innovationsmanagerin?
Ich habe mit einer kaufmännischen Lehre in Pöls bei Judenburg gestartet, war bereits mit 19 Jahren Filialleiterin und bin dann, mangels damaliger Jobperspektiven Anfang der 90er Jahre, nach Wien gezogen. Es kamen spannende Positionen und Stationen sowie mein berufsbegleitendes Studium der Unternehmensführung in Wien dazu. Das brachte mich dann auch zu Weltkonzernen wie Coca-Cola, wo ich den Bereich Customer Collaboration und Customer Centricity für Österreich aufbauen durfte. Bei der Vivatis Holding AG verantwortete ich den Bereich Innovation. Meine Stationen und Erfahrungen davor waren dabei eine wichtige Basis, um hier ein funktionierendes und ganzheitliches Innovationsmanagement zu etablieren.
Wann kommen Sie ins Spiel bzw. wie können Sie Unternehmen helfen?
Ich beschäftige mich seit dem Jahr 2000 mit dem Thema Innovation, vor allem auch mit der Digitalisierung. Als gelernte Betriebswirtin, aber vor allem Praktikerin, begleite ich Unternehmen, vom Einzelunternehmen bis hin zum Konzern, bei Fragen der Positionierung und strategiegeleitetem Innovationsmanagement. Die Arbeit mit den Menschen steht bei mir stets im Vordergrund.

Wie sehr brauchen Ein-Personenunternehmen sowie Klein- und Mittelbetriebe Innovation für ihr wirtschaftliches Weiterkommen?
Die zunehmende Dynamik, agile Organisationsstrukturen, unkomplizierte und rasche Entscheidungswege sowie die wertvollen Start-up-Netzwerke sind die besonderen Vorteile der „kleinen“ Unternehmen. Manche Unternehmen sind von der Struktur her für die heutige Marktdynamik zu starr aufgestellt, das bremst oft große Entwicklungen. Oft hinkt aber auch die Innovationskultur nach, wenn Menschen in Organisationen keine Ideen mehr einbringen, weil sie im Stich gelassen wurden.

Auf einer Skala von 1 bis 10: Wie innovativ sieht sich selbst eine Innovationsmanagerin?
Für den beruflichen Alltag getraue ich mir eine 8 bis 9 zu geben. Ich selbst sehe mich als Inspirator und Urban-Regional Innovatorin, die ihre Stärken dort einsetzt, wo sie gebraucht und auch geschätzt werden. Auf unsere Almhütte wächst es sich mitunter auf eine 10 bis 11 aus – das ist der Ort der Reflexion und die Quelle des Schaffens von neuen Ideen und Konzepten.

Kann man Innovation 1:1 von Unternehmen auf eine ganze Region übertragen?
Man braucht die Menschen dazu. Von einer innovativen Region kann man wohl erst sprechen, wenn es gemeinsam gelingt, mit Wissenschaft, Industrie, Handwerk sowie Tourismus und Kultur Programme zu entwickeln, welche die Bürger, vor allem die Jungen, sowie Unternehmen nachhaltig an die Region binden. Wenn man dann noch die Gäste zu richtigen Fans einer Region entwickelt, dann hat man viel erreicht. Innovationszentren und Coworking-Plattformen sind für die Region von Leoben bis Mürzzuschlag geplant, mit den bereits laufenden Vorbereitungen einer regionalen Image-Kampagne ist das eine einzigartige, große Chance für unsere Region! Aber Vorsicht! Es wird gerne auch Innovationskosmetik – außen hui, innen pfui – betrieben; da kenne ich leider sehr viele Negativbeispiele.

Ist Innovation auch eine Frage des richtigen Zeitpunktes? Ist man seiner Zeit voraus, kann es ebenso scheitern, wie wenn man Trends hinterherhinkt. Wann passt es?
Aus einer leerstehenden Immobilie, von denen es hier leider zu viele gibt, schnell ein Coworking-Space aus dem Boden zu stampfen, ohne das Geschäftsmodell komplett durchgedacht zu haben, ist aus meiner Sicht sehr gefährlich. Man kann ein erfolgreiches Konzept aus einer Stadt wie New York, Berlin, Wien oder Graz nicht 1:1 in die Region transferieren. Hier braucht es einen ganzheitlichen Ansatz, wo alle an einem gemeinsamen Strang ziehen, regionale Barrieren, die ich hier schon feststelle, müssen aufgelöst werden. Im Vordergrund sollte immer der gemeinsame Erfolg, nicht der eigene, stehen. Wenn man an etwas glaubt und mit gegenseitigem Respekt fokussiert daran arbeitet, ist das Risiko überschaubar.

Heidrun Girz und das Innovationscenter Kindberg:

Als Ideengeberin war Innovationsmanagerin Heidrun Girz maßgeblich am kürzlich vorgestellten Projekt des Co-Working Space im Gewerbepark Kindberg beteiligt.
Wie kam es dazu, hat man Ihre Idee gleich von Beginn an verstanden?
Das allgemein bekannte ländliche Städtesterben, die zunehmenden Leerflächen von Immobilien und eine gewisse Unsicherheit haben mich motiviert, dieses einzigartige Konzept zu entwickeln. Als Innovationsmanagerin mit etabliertem Netzwerk und gutem Zugang in die Start-up Szene erkannte ich sofort das Potenzial eines regionalen Innovationscenters mit angeschlossenem Coworking-Space, welches ich auch tiefergehend von wirtschaftlicher Seite her untersuchte. Laufende Gespräche mit ansässigen Unternehmern aus unterschiedlichen Branchen untermauerten diese Idee, die als Konzept mit der Achse Wien, Murtal und Mürztal zum „Urban-Regional Innovator Programm“ führte.
Anfang März 2018 habe ich dieses Konzept in Kindberg erstmalig vorgestellt. Die Beteiligten waren interessiert, hatten sich aber zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich mit der Thematik des Coworking beschäftigt bzw. mit den Fakten auseinandergesetzt. Es besteht jedoch immer die Gefahr, dass Leuchtturmprojekte bereits im Keim ersticken oder völlig unterschiedlich interpretiert werden. Da braucht es neben einem Businessplan vor allem auch ein nachhaltiges Geschäftsmodell und Unterstützer, sprich Multiplikatoren, damit sich der Erfolg rasch einstellt.

Das Interview fand beim Roanwirt in St. Lorenzen statt.
Heidrun Girz wurde fotografiert von Katarina Pashkovskaya

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