Corona-Experte Lamprecht
"Auf der Bremse bleiben bis zur Impfung"

Primar Bernd Lamprecht ist Vorstand der Klinik für Lungenheilkunde / Pneumologie am Kepler Universitäts Klinikum, stellvertretender Dekan an der Medizinischen Fakultät der JKU und
wissenschaftlicher Leiter der Pneumologischen Rehabilitation, Rehaklinik Enns.
  • Primar Bernd Lamprecht ist Vorstand der Klinik für Lungenheilkunde / Pneumologie am Kepler Universitäts Klinikum, stellvertretender Dekan an der Medizinischen Fakultät der JKU und
    wissenschaftlicher Leiter der Pneumologischen Rehabilitation, Rehaklinik Enns.
  • Foto: Kepler Universitäts Klinikum
  • hochgeladen von Thomas Winkler, Mag.

Lungenheilkunde-Primar Bernd Lamprecht vom Kepler Uniklinikum gilt als der Corona-Experte in Oberösterreich. Im Interview mit BezirksRundschau-Chefredakteur Thomas Winkler erklärt er, dass ein früherer Lockdown geholfen hätte, dass die Zeit bis zur Impfung ohne allzu große Lockerungen überbrückt werden müsse, und warum die schnelle Impfstoffentwicklung kein Anlass zur Sorge sei.

Die zweite Corona-Welle hat ja eine viel höhere Zahl an Todesfällen als im Frühjahr gebracht – wie hoch ist die Sterblichkeit?

Die aktuell zahlreichen Corona-Todesfälle sind Ausdruck der sehr hohen Fallzahlen. Weil wir im Frühjahr viel weniger Infektionsfälle hatten, blieb uns das erspart. Wir stehen aktuell bei gut 55.000 positiv getesteten Personen in Oberösterreich. Mit der Dunkelziffer dürften es etwa doppelt so viele sein, wie eine aktuelle Studie andeutet, also gut 100.000. Bei bis jetzt 533 Todesfällen bedeutet das also grob gerechnet eine Sterblichkeit von 0,5 Prozent.

Das ist deutlich weniger als die noch im Frühjahr angenommenen 1,5 bis 2 Prozent – da werden jetzt wieder manche sagen: Ist auch nicht schlimmer als bei einer Grippe ...
Von der Influenza sind wir ein deutliches Stück entfernt, bei ihr liegt die Sterblichkeit nur bei 0,1 bis 0,15 Prozent. Und was sich ganz klar zeigt: Ältere Menschen versterben bei einer Corona-Infektion viel häufiger als bei einer Influenza.

Corona deutlich gefährlicher als Grippe

In sozialen Medien heißt es von manchem Corona-Leugner: "Corona fordert nicht mehr Todesopfer als ein starkes Grippejahr"
In einem normalen Grippejahr haben wir grob geschätzt 1.500 bis 2.000 Todesopfer, aber dazu gibt es keine genaue Zahl. Und jetzt haben wir trotz all der Maßnahmen und Einschränkungen, die bisher ohne Vergleich sind, schon mehr als 2.880 Todesopfer.

Im Frühjahr überlebte nur etwa die Hälfte jener Corona-Kranken, die eine intensivmedizinische Betreuung benötigten. Haben sich die Aussichten da verbessert?
Die Prognosen sind weiterhin nicht günstig, wenn eine Intensivbehandlung notwendig wird. Aber die Chancen, wieder zurück auf die Normalstation zu kommen und das Krankenhaus wieder verlassen zu können, sind höher geworden – durch die Erfahrungen in der Behandlung, bei der Beatmung, durch die Bauchlagerung und vieles mehr.

Früherer Lockdown hätte uns Manches erspart

Angesichts der weiterhin hohen Zahlen an Neuinfizierten bezweifeln viele, dass einzelne Maßnahmen wie das Zusperren der Gastronomie oder der "sanfte" Lockdown überhaupt etwas bringen.
Auch der differenzierte Lockdown hat Auswirkungen, sie sind nur geringer ausgefallen und später wirksam geworden. Beide Lockdowns sind zu spät gekommen. Hätte man den differenzierten Lockdown ein paar Wochen früher gemacht, hätten wir uns manches erspart. Aber weite Teile der Bevölkerung sahen damals die Notwendigkeit nicht und hätten die Maßnahmen auch nicht mitgetragen. Aber ich bin überzeugt: Jede Maßnahme, die Kontakte reduziert, reduziert auch die Zahl der Infektionen.

Auf der Bremse bleiben bis zur Impfung

Die zweite Welle kam schneller und massiver daher, als die erste. Wenn nach dem 6. Dezember die Einschränkungen gelockert werden, ist dann nicht der schnelle Aufbau einer dritten, noch massiveren Welle zu befürchten?
Ja, leider. Es ist jetzt wichtig, nicht zur Normalität zurückzukehren. Wir müssen jetzt durchhalten, weil Linderung durch einen Impfstoff in Aussicht steht. Die Impfungen werden im ersten Quartal, jedenfalls im ersten Halbjahr beginnen – und die Zeit bis dahin gilt es zu überbrücken. Wir dürfen nicht von einer Welle in de nächste stolpern. Und wir müssen damit rechnen, dass im Jänner die Influenza dazukommt, wenn auch wegen der Schutzmaßnahmen nicht so stark, wie in normalen Jahren. Deshalb müssen wir jetzt auf der Bremse bleiben.

Welche Öffnungsschritte sind dann nach dem 6. Dezember überhaupt möglich?
Das ist abhängig von den Infektionszahlen, die man noch eine Woche weiter beobachten muss, bevor man Entscheidungen treffen kann. Öffnungs- und Lockerungsschritte sind möglich, aber man darf nicht alles gleichzeitig aufsperren, sondern muss in einer Güterabwägung schrittweise vorgehen. Es geht um eine Risikominimierung, darum zu entscheiden: Was ist wichtiger? Bildung oder Apres-Ski? Wenn wir alles öffnen, haben wir zwar kurzfristig eine Scheinnormalität, erleiden in den Spitälern aber schnell das, woran wir jetzt gerade noch vorbeischrammen. Die Überlastung des Systems.

Schutz zwei bis vier Wochen nach Impfung

Wie schnell wird sich die Corona-Pandemie durch die Impfung abschwächen?
Das kommt darauf an, wie viele sich impfen lassen. Für eine Herdenimmunität bräuchte es 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung – jedenfalls wären mehr als 50 Prozent gut. Dann läuft das Virus bei der Ausbreitung oft in eine Sackgasse und die Pandemie kann unterbunden werden. Der Schutz ist natürlich nicht gleich nach der Impfung da, aber nach etwa zwei bis vier Wochen, wobei zwei Teilimpfungen bei den drei für uns relevanten Impfstoffen notwendig sind.

RNA-Impfstoffe ungefährlich

Zwei davon sind sogenannte RNA-Impfstoffe – über die sagen Impfgegner, dass das Genforschung sei, dass damit neue, unheilbare Kranken ausgelöst werden könnten ...
Die RNA-Impfstoffe sind überhaupt kein Problem. Es gibt bei ihnen keinen Eingriff ins Genom, es wird nichts ins Erbgut integriert, nichts am Erbgut verändert. Es geht nur darum, dass dem Immunsystem eine andere Form der Information zur Verfügung gestellt wird, auf die es reagiert. Statt eines Eiweißteilchens wird das Immunsystem einfach nur mit dessen Bauplan konfrontiert – vom Ansatz her genial.

Impfung: Nur hohes Risiko für Investoren

Kritisch wird auch die im Vergleich zu anderen Impfstoffen so viel kürzere Testphase und schnellere Zulassung der Corona-Impfstoffe gesehen ...
Es wird nicht weniger genau gearbeitet, sondern es wurden mehrere Phasen parallel gemacht. Das bedeutet nur ein hohes Risiko für die Investoren: Denn ihretwegen wird sonst eine Phase nach der anderen gemacht, um das Risiko einer großen Fehlinvestition zu minimieren, falls ein falscher Weg eingeschlagen wird. Das Risiko, mehrere Phasen gleichzeitig zu machen, wie jetzt im Fall der Corona-Impfstoffe, traut sich üblicherweise kein Investor zu.  

Von 11. bis 14. Dezember soll die oberösterreichische Bevölkerung am Massentest teilnehmen – was erwarten Sie sich davon?

Es wird sich eine gewisse Schärfung des Bildes vom Infektionsgeschehen und abhängig von der Teilnahmezahl natürlich auch ein Einfluss aufs Infektionsgeschehen ergeben, wenn positiv Getestete dann auch das Kontaktverbot einhalten. Ein negatives Ergebnis darf aber nicht als Freibrief dafür gesehen werden, dass es über Weihnachten und Neujahr ungehemmt Kontakte zu anderen Menschen gibt. Denn der Test ist eine Momentaufnahme und morgen kann es schon ganz anders aussehen.

Noch kein vielversprechendes Medikament

Von den Impfstoffen ist Vielversprechendes zu hören, um die Medikamente ist es dagegen eher ruhig geworden ...
Es werden vor allem zwei Medikamente in zwei verschiedenen Phasen eingesetzt. In der Frühphase einer schweren Erkrankung mit Sauerstoffbedarf Remdesivir, das Ebola-Präparat. Die Daten dazu sind nicht einhellig. Laut einer großen Studie verkürzt es die Spitalsaufenthaltsdauer um vier bis fünf Tage – diese zeigte aber nicht, ob Remdesivir die Sterblichkeit oder die Wahrscheinlichkeit einer Intensivbehandlung beeinflusst. In der zweiten Phase der Erkrankung kommt Dexamethason zum Einsatz, ein Cortisonpräparat, das überschießende Entzündungsreaktionen mindert. Studien zeigen, dass es die Sterblichkeit um 20 bis 36 Prozent verringert. Das Medikament von Josef Penninger wird noch untersucht, im Dezember oder zu Jahresanfang soll es Ergebnisse geben. Es wird in der ersten Phase der Erkrankung möglichst früh eingesetzt.

Was ist mit dem Blutplasma mit Antikörpern, das von Menschen gespendet wurde, die eine Corona-Erkrankung durchgemacht haben?
In großen Studien hat sich kein Vorteil durch den Einsatz ergeben. Es wurde in den letzten Monaten in Einzelfällen verwendet, wenn alle Therapieoptionen ausgeschöpft waren. Dass die Studien keine Wirkung belegen, könnte ein Indiz dafür sein, dass es mehr braucht, als nur Antikörper. Aber das ist der momentane Stand des Wissens. Für den einen oder anderen Erkrankten könnte es eine Hilfe sein.

Interview mit Corona-Experte Lamprecht im Juni:
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