Mythos Puch: Von den Anfängen

Das erste Großserien-Auto der Geschichte auf dem Gleisdorfer Hauptplatz: Die „Tin Lizzy“, der Ford Model T, hier von 1927.
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  • Das erste Großserien-Auto der Geschichte auf dem Gleisdorfer Hauptplatz: Die „Tin Lizzy“, der Ford Model T, hier von 1927.
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Vor hundert Jahren war ein Kennzeichenzwang für Kraftfahrzeuge schon obligat, weil die Bevölkerung sich jahrelang über den Geschwindigkeitswahn der Autler und Motorradfahrer beschwert hatten. Auch Unfälle häuften sich.


Allerdings ließen technischer Standard der Fahrzeuge und Straßenbedingungen ohnehin kaum mehr als 40 km/h zu. Das war damals für die Menschen ein bedrohlicher Geschwindigkeitsbereich. Die Evidenznummern für Kennzeichen wurden ab 1905 österreichweit zentral vergeben.

Das heißt, Kraftfahrzeuge mußten mit gut sichtbaren Nummerntafeln versehen werden, die mit einer Landeskennung begannen. Wien hatte das A erhalten, es folgte dem Alphabet nach die Steiermark mit einem H. Danach stand die Evidenznummer des einzelnen Fahrzeug, im Bezirk Weiz eine zwischen 971 und 999.

Damals erhielt der Bezirk Weiz ein Kontingent von 28 Nummern, in ganz Österreich wurden kaum mehr als 50 Kraftfahrzeuge angenommen. Daher wissen wir heute, wer in diesen frühen Jahren schon motorisiert war. Dr. Hermann Hornung ist übrigens der erste Automobilbesitzer Gleisdorfs gewesen. Landärzte gehörten am Beginn des 20. Jahrhunderts zur Avantgarde des Automobilismus.

Die Anforderung, in Notfällen möglichst schnell selbst entlegene Häuser zu erreichen, war mit einem „Doktorwagen“ nun schneller zu bewältigen als mit einem „Hafermotor“; so nannte man augenzwinkernd die Pferde, die bei Bedarf ja erst eigespannt werden mußten.

Der Gleisdorfer Arzt Walter Kurtz erzählte mir, sein Großvater, der Unternehmer Camillo Kurtz, habe nicht nur von einer Weltausstellung in Paris ein Grammophon mitgebracht. Da er in Bad Gleichenberg ein Hotel besaß und die Zugverbindungen noch unzureichend waren, verfügte er über eines der ersten Automobile in der Oststeiermark, um Hotelgäste von Graz abholen zu können.

Das ursprüngliche Nummerkontingent war schnell ausgelastet. Darum stellte die Behörde vor die Evidenznummer eine römische I oder II, wodurch sich das Nummernkontigent verdreifachen ließ. So fuhr im Jahre 1914 etwa ein gewisser Richard Mayr, Apotheker, ein Motorrad mit dem Kennzeichen I 974.

Warum ich das erzähle? Es gibt kaum einen Lebensbereich, an dem sich die Umbrüche des radikalen 20. Jahrhunderts so durchgängig illustrieren lassen, wie durch das Thema individuelle Mobilität. Mit dem Jahr 1900 wurde aus der Benutzung von Fahrzeugen die Verfügbarkeit von Kraftfahrzeugen.

In diesem Thema laufen fast alle Alltagsthemen mit dieser oder jener Linie zusammen. Betrachten wir die Geschichte der Kraftfahrzeuge und ihrer Nutzung, wird auch gut sichtbar, welche sozialen Umwälzungen unsere heutige Lebenssituation herbeigeführt haben.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gingen Volksmotorisierung und Maschinisierung der Landwirtschaft Hand in Hand. Wenn man heute durch Gleisdorf schlendert, kann man praktisch alle Generationen Erwachsener und alle sozialen Schichten am Steuer von Kraftfahrzeugen sehen. Das ist ein junges Phänomen, dessen Ablaufdatum schon über den Horizont heraufdämmert.

Solchen Überlegungen und Zusammenhängen ist das Projekt „Mythos Puch“ gewidmet. Das Kuratorium für triviale Mythen (Kunst Ost) wird heuer im Herbst eine zweite Veranstaltung unter diesem Titel realisieren. Den Weg dorthin können Sie über eine spezielle Projekt-Website im Internet verfolgen. Dabei wird in Streiflichtern die Geschichte der individuellen Mobilität aufgeblättert; so weit möglich am Beispiel Gleisdorfs beziehungsweise der Oststeiermark.

+) Mythos Puch: Gleisdorf (Eine Mobilitätsgeschichte) [link]

Das erste Großserien-Auto der Geschichte auf dem Gleisdorfer Hauptplatz: Die „Tin Lizzy“, der Ford Model T, hier von 1927.
Zwei Klassiker auf dem Gleisdorfer Kirchriegel: Der Albl Phönix von 1902, das älteste noch fahrbereite Automobil aus steirischer Produktion. Davor ein Kardanwellen-Rad, das Albl Graziosa Chainless von 1898.

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