Lilli Roncalli
Was zählt, ist die Leistung und was für ein Mensch man ist
- Lilli Paul-Roncalli: Der respektvolle Umgang ist essenziell, gerade weil man so eng zusammenlebt. Das ist etwas, das in der Gesellschaft mehr zum Vorschein kommen sollte – Diversität und Zusammenhalt.
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Lilian (Lili) Paul-Roncalli ist eine österreichische Artistin und Model. Als Artistin auf Rollschuhen und als außerordentlich bewegliche "Schlangenfrau" fasziniert sie ihr staunendes Publikum. Im Gespräch mit MeinBezirk gibt die Artistin Einblicke in ihre Karriere.
ÖSTERREICH. Auch der Zirkus ist Wirtschaft und zählt zum Entertainment-Bereich. Die Zirkusakrobatin Lilli Paul-Roncalli aus der Roncalli-Dynastie will später das Management der Firma gemeinsam mit ihren Geschwistern übernehmen. Sie erklärt, welche Berufsmöglichkeiten es im Zirkus gibt und was Frauen mitbringen sollten, die eine Karriere im Zirkus anpeilen.
MeinBezirk: Sie sind im Zirkus aufgewachsen. Man stellt sich das Leben im Zirkus romantisch, aber hart vor, speziell für Frauen – leben im Zelt, wenig Intimität. Hat sich dieses Leben verändert? Wenn ja, wie?
Lilli Paul-Roncalli: Ich finde, dass diese Klischees gar nicht so sehr stimmen. Obwohl man auch sehr nah beieinander wohnt und den ganzen Tag zusammen verbringt, hat man auch einen gewissen Respekt für die Privatsphäre. Man läuft nicht überall einfach rein; es ist ein Zuhause, in dem man weiß, wo man Abstand halten muss und wo der Rückzugsort ist. Ich hatte nie das Gefühl, dass mir die Privatsphäre fehlt. Ganz im Gegenteil, mir war immer langweilig, als ich zu Hause in Köln war. Der Austausch im Zirkus ist wunderschön. Und das Schöne am Zirkus ist, dass weder Religion noch Herkunft, noch Geschlecht wirklich eine Rolle spielen. Was zählt, ist die Leistung und was für ein Mensch man ist. Der respektvolle Umgang ist essenziell, gerade weil man so eng zusammenlebt. Das ist etwas, das in der Gesellschaft mehr zum Vorschein kommen sollte – Diversität und Zusammenhalt.
Hat sich in dieser Zirkuswelt in den letzten, sagen wir, zehn Jahren etwas verändert? Gibt es Unterschiede zu früher?
Eine große Veränderung war zum Beispiel, dass meine Mama früher in Telefonzellen gehen musste, um zu telefonieren. Für Zirkusleute ist es wunderbar, dass es jetzt so digital geworden ist und man mit seinen Liebsten in Kontakt bleiben kann. Früher, wenn man nach Amerika ging, war man einfach für fünf Jahre weg – ohne Kontakt zu Freunden. Die sozialen Medien haben viel verändert und erleichtern es, in Kontakt zu bleiben. Aber der Kern des Zirkuslebens bleibt immer gleich; es ist eine traditionelle Art zu leben.
Sie sind selbst Artistin und Schlangenfrau. Gab es einen Moment, der der schlimmste in Ihrer Karriere war?
In der Manege habe ich eigentlich jede Sekunde genossen. Ich hatte das große Glück, dass ich keine großen Verletzungen hatte und achte sehr auf meinen Körper. Es gab keinen Moment, in dem ich dachte, dass ich nicht weitermachen kann. Natürlich denkt man als Artistin früh im Leben an das Karriereende, was ein Unterschied zu anderen Berufen ist, wo man mit 25 Jahren gerade erst anfängt.
Was war Ihr schönster Moment?
Es gibt so viele schöne Momente. Ein besonders schöner Moment war, als Sigrid und Roy uns im Zirkus besucht haben. Mit ihnen zu sprechen und ihre Geschichten zu hören, war wahnsinnig spannend und die Wertschätzung von solchen Legenden zu erfahren, war sehr besonders.
Sie haben sich ein zweites Standbein aufgebaut, als Jurorin und Model. Was wäre Ihr Karrierewunsch für die Zukunft?
Mein Wunsch ist es, mit meinen Geschwistern gemeinsam in die Fußstapfen meines Vaters zu treten und den Zirkus weiter zu übernehmen und zu managen. Mein Papa hat das Unternehmen fast 50 Jahre aufgebaut und wir wollen, dass diese schöne heile Welt lange noch erhalten bleibt.
Welche Karrieren können speziell junge Frauen im Zirkus machen?
Im Zirkus kann man eigentlich alles Mögliche sein: Wir haben Gastronomie, Logistik, Pressearbeit und eine Eventfirma. Man kann nicht nur als Artistin auftreten, sondern es gibt viele verschiedene Berufsmöglichkeiten. Eine Zirkusschule haben wir leider nicht, aber die Kinder, die im Zirkus groß werden, werden trainiert und ausgebildet.
Wie gefährlich ist der Beruf eigentlich? Gibt es Momente, die wirklich bedrohlich sind oder ist man in jedem Moment gesichert?
Das kommt auf die Disziplin an. Ein Jongleur hat ein geringeres Risiko (lacht), während eine Luftakrobatin ein höheres hat. Es gibt riskante Disziplinen, aber wir versuchen, unsere Artistinnen und Artisten so gut es geht abzusichern und ihnen die sicherste Performance zu ermöglichen.
Was muss eine Frau im Zirkus mitbringen, um erfolgreich zu sein?
Das Wichtigste ist Fleiß, Training und Ausstrahlung. Das Publikum spürt die Ausstrahlung und es ist genauso wichtig wie die Leistung, dass man es schafft, die Leute mitzunehmen und Emotionen zu vermitteln.
Was bedeutet Mut für Artistinnen?
Mut ist für eine Artistin essenziell. Schon der erste Auftritt vor großem Publikum erfordert enormen Mut. Man muss sich trauen, jeden Tag zwei- oder dreimal die Performance abzuliefern.
War es immer Ihr Traumberuf, Artistin zu sein?
Ja, ich habe tatsächlich mit sechs Jahren angefangen zu trainieren und nie aufgehört. Es war schon ein Kindheitstraum und etwas, das mich fasziniert hat. Meine Mama stammt aus einer Zirkusfamilie in siebter Generation und es ist sehr persönlich und geschichtsträchtig für unsere Familie.
Sie haben gemeinsam mit Ihrer Mutter ein Kochbuch geschrieben. Welche Pläne haben Sie noch?
Viele Pläne darf man nicht im Voraus besprechen, aber ich finde es spannend, zweispurig zu fahren. In der Medien- und Modelwelt lernt man viel, besonders im Marketing, das man dann wieder in den Zirkus einbringen kann. Es sind zwei verschiedene Welten, aber man kann das Wissen in beide integrieren.
Danke für das Gespräch.
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