Erbin verteilt Vermögen
Marlene Engelhorn: "Für mein künftiges Erbe nichts geleistet"

Die Wiener Vermögenserbin Marlene Engelhorn (29) will bis zu 95 Prozent ihres Erbes spenden, wie sie gegenüber den Regionalmedien Austria bekräftigt.
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  • Die Wiener Vermögenserbin Marlene Engelhorn (29) will bis zu 95 Prozent ihres Erbes spenden, wie sie gegenüber den Regionalmedien Austria bekräftigt.
  • Foto: Ulrich Palzer
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Marlene Engelhorn wird von ihrer Großmutter ein Vermögen erben. Gegenüber den Regionalmedien Austria (RMA) erklärt die 29-Jährige, warum sie ihr Erbe weitergeben will.

ÖSTERREICH. Sie studiert Germanistik und lebt in Wien. Bald soll sie das Millionenerbe ihrer Großmutter antreten. Doch Marlene Engelhorn will das gar nicht. Warum nicht, begründet sie gegenüber den RMA.

RMA: Sie haben in einem Interview eine Vermögenssteuer für die Reichsten gefordert. Sie selbst sind Vermögenserbin. Sprechen Sie da nicht gegen Ihre Interessen?
Marlene Engelhorn: Nein. Mein Interesse ist nicht, so reich wie irgendwie möglich zu sein. Genau deshalb habe ich mich ja entschieden, mindestens 90 bis 95 Prozent meines Erbes zu spenden. Von einem funktionierenden Gemeinwesen, einer Gesellschaft mit Demokratie, Gerechtigkeit und Sicherheit profitiert im Übrigen auch das oberste Prozent. Also sollten wir auch einen fairen Beitrag leisten.

Sie leisten auch karitative Arbeit. Was genau machen Sie und für welchen Bereich werden Sie Ihr Vermögen aufwenden?
Damit beschäftige ich mich intensiv und wohl auch in den nächsten Jahren – jedenfalls werde ich mich aber für Steuergerechtigkeit einsetzen. Es kann doch nicht sein, dass wir als Gesellschaft vom Wohlwollen der Vermögendsten abhängig sind, um Probleme anzugehen, die alle betreffen. Aber das passiert, wenn ein Prozent der Bevölkerung 40 Prozent des gesamten Vermögens besitzt. Und wenn auf riesige Erbschaften null Euro Steuern anfallen. Die Entscheidungsgewalt konzentriert sich somit quasi dynastisch bei einer Handvoll Menschen, das ist undemokratisch.

"Die Entscheidungsgewalt konzentriert sich somit quasi dynastisch bei einer Handvoll Menschen, das ist undemokratisch."

Wohlstand und Gesundheit bzw. Bildung hängen eng zusammen. Viele Vermögende, die ebenfalls karitativ tätig sind, betätigen sich im Gesundheits- und Bildungsbereich. Wäre das für Sie auch eine Option?
Dass man nach einem Unfall operiert oder im Alter gepflegt wird, ist ein Recht, das allen zusteht, einfach weil sie Menschen sind. Das gleiche gilt für bestmögliche Bildung. Beides darf doch nicht von der Spendenfreudigkeit einiger Superreicher abhängen, die ja ganz selten bedingungslos die Arbeit in diesen Bereichen unterstützen. Oft werden an dieses Spendengeld Bedingungen geknüpft. Zuerst an allen Ecken und Enden Steuern „sparen“, und dann mit einem Bruchteil des Vermögens demonstrativ wohltätig sein, ist nicht ehrlich.

Was sagen Sie zu einer Wiedereinführung einer Erbschaftssteuer, zum Beispiel mit einem hohen Freibetrag, damit Erspartes steuerfrei weitervererbt werden kann? Oder für welches Modell würden Sie sich einsetzen?
Da bin ich keine Expertin, aber dass auf Arbeit hohe Steuern und auf Vermögen und Erbschaften und Schenkungen kaum bzw. gar keine Steuern erhoben werden, ist einfach nicht gerecht. Ich habe für mein künftiges Erbe nichts, aber auch gar nichts geleistet. Ich habe keinen Tag dafür gearbeitet. Es ist einfach nur mein Lottogewinn der Geburt. Und es gibt ja Modelle für Steuergerechtigkeit, einige sogar, sie sollten gesellschaftspolitisch diskutiert werden, mit allen.

"Ich habe keinen Tag dafür gearbeitet. Es ist einfach nur mein Lottogewinn der Geburt."

Sind Sie für die Einführung einer Vermögenssteuer ab einer Million Euro?
Wer in Österreich mehr als eine Million Euro Vermögen besitzt, zählt zu den obersten fünf Prozent. Wenn wenige viel und viele wenig haben, müsste doch klar sein, dass wir mehr teilen. Dass Besitz so gut wie gar nicht, aber Arbeit schon ab 11.000 Euro im Jahr mit 20 Prozent besteuert wird, ist doch absurd. Zu einer Gesellschaft sollen alle ihren Teil beitragen. Das verlangen wir von jeder alleinerziehenden Mutter, die ihre Kinder mit einem Teilzeitjob durchbringt, ganz selbstverständlich. Warum machen wir bei den Superreichen da eine Ausnahme?

Laut Berechnung der Johannes-Kepler-Universität Linz wären bei einer Vermögenssteuer je nach Höhe des Freibetrags die reichsten vier bis sieben Prozent der Österreicher betroffen. Welchem Bereich sollte dieses Geld Ihrer Meinung nach zugute kommen?
Da sind wir wieder bei der Entscheidungsfrage. Persönlich finde ich, dass im Gesundheitssystem, im Sozialbereich, im Klimaschutz oder auch im Bildungsbereich noch viel zu tun ist. Aber es geht eben gerade nicht darum, dass ich das ganz allein entscheide. Warum soll meine Stimme, mein Wille mehr Gewicht haben, nur weil ich reich geboren bin? Da sollen doch alle mitreden können: Und in einer Demokratie heißt das eben, wir regeln diese Fragen über unsere Steuern. Welche Prioritäten wir hier setzen, müssen wir mit dem Stimmzettel beeinflussen, und nicht über private (Partei)Spenden durchsetzen.

"Zu einer Gesellschaft sollen alle ihren Teil beitragen."

Laut besagter Studie würde die 90-prozentige Bevölkerungsmehrheit mit keinem, geringem oder mäßigem Vermögen gemeinsam auf nur rund ein Drittel des Gesamtvermögens kommen. Das reichste Prozent der privaten Haushalte verfügt über mehr als eine halbe Billion Euro (534 Milliarden Euro) Netto-Vermögen – das entspricht einem Besitzanteil von 40,5 Prozent. Woran liegt diese ungleiche Verteilung Ihrer Meinung nach?
Das liegt an der Art und Weise, wie unser Wirtschaftssystem funktioniert. Reich wird man nicht durch Arbeit, Klugheit oder Fleiß, sondern entweder so wie ich, indem man erbt, und nicht nur Geld, sondern auch Zugang zu den besten Institutionen aller Art – ein immenser Startvorteil. Oder, indem man andere für sich arbeiten lässt – kein Manager kann behaupten, alles hänge allein von ihm ab. Verschärft wird die Ungleichheit noch dadurch, dass Reiche starken Einfluss auf die Politik nehmen können. Eine Folge davon: Sie zahlen kaum Steuern. Und dann geben wir den Reichtum von Generation zu Generation weiter – wieder steuerfrei. So wächst die Ungleichheit mit jedem Tag weiter.

"In einer Demokratie sollten die gleichen Regeln für alle gelten."

Im internationalen Vergleich liegt Österreich beim Aufkommen vermögensbezogener Steuern mit 1,3 Prozent weit hinten (OECD-Schnitt 5,6 Prozent). Sind Sie für eine Abstimmung von Vermögenssteuern auf EU-Ebene?
Wenn wir endlich Vermögenssteuern haben, fände ich es gut, wenn das auf EU-Ebene abgestimmt würde. Es muss aber vorher schon national angegangen werden. Wer also nur sagt, das müsse man EU-weit regeln, will damit vor allem Vermögens- und Erbschaftssteuern im eigenen Land verhindern, indem die Diskussion einfach weitergereicht wird. Hier will ich ansetzen: Es gibt keine Erbschaftssteuer, also mache ich mir eine. Dafür will ich auch keinen Applaus, diese Entscheidung dürfte gar nicht bei mir liegen. Ich sollte einfach fair besteuert werden. Es kann nicht sein, dass Vermögende sich ihre Steuerlast aussuchen können, das können die anderen auch nicht. In einer Demokratie sollten die gleichen Regeln für alle gelten.

Bist du für die Einführung einer Vermögenssteuer?
Bist du für die Erhöhung der Erbschaftssteuer?
Die Wiener Vermögenserbin Marlene Engelhorn (29) will bis zu 95 Prozent ihres Erbes spenden, wie sie gegenüber den Regionalmedien Austria bekräftigt.
Millionenerbin Marlene Engelhorn: "Wenn wenige viel und viele wenig haben, müsste doch klar sein, dass wir mehr teilen. Dass Besitz so gut wie gar nicht, aber Arbeit schon ab 11.000 Euro im Jahr mit 20 Prozent besteuert wird, ist doch absurd."

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