Texte als Tor zur Welt: "Gefragte Frauen" mit Volha Hapeyeva

Hoch über Graz holt sie sich Inspiration für neue Werke: Volha Hapeyeva ist seit September die neue Stadtschreiberin.
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  • Foto: Jorj Konstantinov
  • hochgeladen von Christoph Hofer

Graz ist ab sofort ihre Inspirationsquelle: Interview mit der neuen Stadtschreiberin Volha Hapeyeva.

Seit September hat das Cerrini-Schlössl am Grazer Schloßberg wieder eine neue Hausherrin, ist mit Volha Hapeyeva doch die neue Stadtschreiberin eingezogen. Was die belarussische Schriftstellerin im Rahmen ihres Literaturstipendiums vorhat, wie sie die Liebe zum Schreiben entdeckte und warum sie Graz Wien immer vorziehen wird, hat sie im Interview mit der WOCHE erzählt.

WOCHE: In Ihrem Lebenslauf bezeichnen Sie sich als Lyrikerin, Autorin, Übersetzerin und Linguistin. Ist es gerade diese Breite, die den Beruf so spannend macht?
Volha Hapeyeva: Irgendwie ist es kompliziert. Oft bin ich regelrecht neidisch auf jene Leute, die "nur" Romane schreiben (lacht). Im Endeffekt bin ich aber einfach neugierig: Ein Teil von mir mag den sprachlichen Teil, nachdem ich ja auch den Doktortitel in komparativer Linguistik habe, der andere Teil von mir mag den praktischen Part. Beide Seiten befruchten sich gegenseitig, so baue ich etwa Wortspiele in Gedichte ein.

Sie haben sich für das Stipendium in Graz beworben. Welche Beziehung haben Sie zur Stadt?
Ich war bereits im Jahr 2013 auf Einladung der Kulturvermittlung Steiermark für sechs Wochen in Graz. Es hat mir damals schon sehr gut gefallen, so ist eine spezielle Beziehung zu Graz entstanden. Ich habe im Cerrini-Schlössl gewohnt und kann nur sagen, dass es traumhaft ist. Du bist mitten in der Stadt und doch gleichzeitig im Wald, sogar mit Eichhörnchen! Es ist ein unglaublich friedvoller Ort. Ich habe zwar auch in Wien gewohnt, dort läuft aber alles unpersönlicher und anonymer ab.

Welche Projekte haben Sie sich als Stadtschreiberin bis 31. August 2020 vorgenommen?
Ich möchte die Zeit für meine eigenen Projekte nutzen, arbeite aktuell etwa an einem Buch, an Gedichten und einem Drama. Darüber hinaus möchte ich natürlich in Graz Präsenz zeigen: Es wird also mit Sicherheit Lesungen im Literaturhaus oder ähnlichen Institutionen geben, auch Events werde ich besuchen. Dazu möchte ich die Zusammenarbeit mit Künstlern intensivieren.

Sind Texte und Druckwerke heute noch wichtig?
Mir fällt auf, dass sich die Einstellung zum Lesen von Texten verändert hat. Früher hat man gesagt: In der Zeitung ist dies und das gestanden und man hat das geglaubt. Heute gibt es andere Möglichkeiten. Das ist vielleicht gerade für Autoren meiner Generation schwierig, da wir noch ausschließlich mit Büchern aufgewachsen sind. Heute kann ja, wenn man an Blogger denkt, jeder schreiben und Texte vervielfältigen.

Was hat Sie eigentlich dazu bewogen, sich literarisch zu betätigen?
Ich bin ein Einzelkind und war bereits sehr früh sehr unabhängig, da sich meine Eltern scheiden ließen und meine Mutter lange arbeiten musste. So verbrachte ich viel Zeit allein und habe zahlreiche Bücher gelesen. Schreiben war dann mein Weg, um mit der Welt zu kommunizieren. Nebenbei entwickelte ich eine Vorliebe zu Fremdsprachen. Da war es dann kein Wunder, dass ich mich auf der Universität der Linguistik widmete.

Sie haben ja auch Gender Studies studiert. Wie sieht es hinsichtlich der Gleichberechtigung im Literaturbereich aus?
Es gibt sie noch, die Gespenster der Vergangenheit, aber natürlich wurden in den letzten Jahren Fortschritte erzielt. Ich kenne Studien, die zeigen, dass Leute lieber Bücher lesen, die von Männern geschrieben wurden. Man muss sich ja nur fragen, warum J. K. Rowling nicht ihren vollen Namen auf die Harry-Potter-Bücher geschrieben hat. Das ist wirklich schlimm! Die Diskriminierung läuft sehr häufig aber viel subtiler ab. Dazu geht es ja auch um typische Vorurteile: In Belarus gibt es keine Kinderbücher, ich habe dann eines geschrieben, wo zum Beispiel Papa Igel das Essen kocht und nicht immer die Mama.

Sie beschäftigen sich neben dem Geschlechterverhältnis auch sehr häufig mit schweren Themen wie Krieg und Tod. Wie ist es dazu gekommen?
Ich habe im Rahmen des noch immer schwelenden Krieges zwischen der Ukraine und Russland als Übersetzerin für die OSZE gearbeitet. Es ist sehr hart, wenn man Folter und Verletzungen beschreiben muss. Zu dieser Thematik habe ich auch bei einer Konferenz gesprochen, seither interessiere ich mich zum Beispiel für Helden. Demnächst will ich auch etwas rund um Kriegsbriefe schreiben.

Steckbrief

Geboren am 5. Jänner 1982
Hat Gender Studies und Linguistik in Minsk und Vilnius studiert.
Bisher hat sie neun Bücher (Lyrikbände, Prosa, Kinderbücher) veröffentlicht.
Ihre Gedichte wurden in mehr als zehn Sprachen übersetzt.
Sie ist bis 31.08.2020 in Graz.

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Graz ... bietet diese spezielle Kombination aus Urbanismus und Natur.
Meine Heimat ... ist meine Sprache.
Ich möchte ... die Dichtkunst für mehr Menschen öffnen.

Autor:

Christoph Hofer aus Graz

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