Denkmalschutz
Die Zerstörung des Barocksaals und künftiger städtischer Handlungsbedarf.

"Die Zerstörung war mit nahezu wissenschaftlichen Kalkül auf all jene Details abstellt, die einen Kulturgüterschutz begründen könnten." DI Hauser, BDA
  • "Die Zerstörung war mit nahezu wissenschaftlichen Kalkül auf all jene Details abstellt, die einen Kulturgüterschutz begründen könnten." DI Hauser, BDA
  • Foto: zvg/Depaoli
  • hochgeladen von Georg Herrmann

INNSBRUCK. Die Zerstörung des Barocksaals im Hotel Europa bewegt weiterhin die Gemüter. Die Stadtblatt-Redaktion hat bei Walter Hauser, Leiter des Bundesdenkmalamtes Tirol, nachgefragt. Von Zerstörung mit wissenschaftlicher Präzision, städtischen Handlungsbedarf und nötigen Lösungen für die Theresianische Normalschule in der Altstadt oder die Talstation Patscherkofelbahn.

Stadtblatt: Wann haben Sie von den Zerstörungen im Barocksaal erfahren?
DI Walter Hauser:
Am 22. Dezember im Rahmen eines erzwungenen Begehungstermins des Bundesdenkmalamtes (BDA), der über Wochen immer wieder mit „ehrlichen“ Argumenten verschoben wurde und das BDA neuerlich auf Ende Jänner vertröstet worden wäre.

Wie sehen Sie den aktuellen Zustand des Barocksaals persönlich, wie bewerten Sie die Zerstörung?
Die Zerstörung war mit einer fast schon auf wissenschaftlichen Präzision abgestellten Zerstörung ausgelegt. Alles, was irgendwie als Kunstobjekt zu identifizieren wäre, wurde abgehackt, so dass jeder Zweifel an einem Kulturgut getilgt wurde bevor man ein solches hätte festmachen können. Der Denkmalwert ist, was den Saal betrifft zerstört, das Hotel besaß keinen seit dem Wiederaufbau nach dem 2. Weltkrieg.

Ein rechtlicher Tatbestand durch die Zerstörung liegt nicht vor, diesbezügliche Ermittlungen sind daher nicht möglich. Wird der Vorfall aufgeklärt werden können?
Die Aufklärung der Zerstörung im Hinblick auf die Verursacher, wäre nur mit polizeilichen Mitteln möglich, was in Anbetracht, dass es sich „nur“ um einen Kulturfrevel handelt und nicht um einen rechtlich zu ahndenden Tatbestand, wohl privater Recherche oder dem Zufall überlassen bleiben.

Hätte der intakte Barocksaal die Bedingungen des Denkmalschutzes erfüllt?

Ein Verfahren wäre eingeleitet worden. Wie weit dieses im Instanzenweg Erfolg gehabt hätte, hätte ein Denkmalschutzverfahren zeigen müssen. Der Saal war im Selbstverständnis der früheren Eigentümer als Kulturgut mit dem Hotel beworben, also jenen bekannt. Für ein Hotel wäre der Saal auch ein Alleinstellungsmerkmal gewesen, für eine andere Nutzung der Liegenschaft wohl im Weg, was ja offensichtlich ist. Mit dem Wissen um den Wechsel haben wir ja reagiert.

Das Gebäude selbst wäre aber wohl nicht unter Denkmalschutz gestellt worden?
Nein, siehe oben

Sie halten eine Rekonstruktion des Saales fachlich für möglich, die rechtliche Durchsetzung aber für unwahrscheinlich?
Eine Rekonstruktion des Saales ist fachlich möglich, dessen rechtliche Durchsetzung im direkten Wege nicht. Die Kopie ersetzt dabei nie das Original, aber das Bild wäre mit einigen Abstrichen wieder herstellbar. Würde der Saal Bestandteil eines Denkmalkomplexes sein und wäre eine Zerstörung der Ausstattung eingetreten (z.B. Brand), dann wäre dies wohl bei allen Herausforderungen im Detail, das erste Mittel der Wahl. (Hotelbau 1869, später nach Brand 1881 erneuert, Saal nach 1883, vor 1894 fertig dokumentiert).

Sie sehen die Zerstörung des Saals auch im Zusammenhang mit der künftigen Widmung, für ein Hotel wäre der Saal wohl nicht zerstört worden, für einen Wohnbau würde es Sinn ergeben?
Wohl nicht zerstört, siehe auch oben; Das Kalkül der Zerstörung lag sicher in der Umnutzung der Liegenschaft. Für ein Hotel wäre der Saal nie zerstört worden, es war ja sein Alleinstellungsmerkmal, welches auch so beworben wurde. Daher gab es bis dato auch keinen Veränderungsdruck.

Also hätte hier die Stadtpolitik noch einen Spielraum?
Das einzige Druckmittel, das über eine moralische Anprangerung hinausgeht, ist nun die neue Bebauung (Umbau/Neubau) die eine Umnutzung vorsieht. Nach diesen „vertrauensbildenden Maßnahmen“ wird hier wohl mit entsprechender Skepsis vorgegangen werden. Die Stadt wird hier bestimmt Vorsicht walten lassen. Sie wurde ja gleichermaßen hineingelegt. Anm.: es ist nun auch nicht angebracht, dass einzelne in der Öffentlichkeit stehende Personen etwas versäumt hätten, gegen eine solche klammheimliche Kulturvernichtung ist nie anzukommen. Statistisch ist sie zum Glück unauffällig. Wir betreuen im Jahr ca. 300 Denkmäler, d.h. „Tirol ist nicht so“ …

Die berühmte Frage, woher stammte das Schild am Hauseingang mit der Bezeichnung "Kulturdenkmal" und wer vergibt ein derartiges Schild?
Die berühmte Tafel: KULTURGÜTERSCHUTZ wurde bis vor etwa 20 Jahren an Kulturgütern angebracht. Der Ursprung dieser Hinweistafeln geht auf die Zerstörungen des Zweiten Weltkrieg zurück und fußt auf der Haager Konvention zum Kulturgüterschutz (Verliehen vom Ministerium, nicht Denkmalamt). Die Tafel konnte auf Antrag angebracht werden und war nicht unmittelbar rechtlich mit einem Denkmalschutz verbunden. Sie ist aus der „Mode gekommen“, einmal weil aus dem Schutzhinweis mitunter Zielscheiben in kriegerisch/ethnischen Konflikten wurden und Kriegszerstörungen heute überwiegend aus der Luft geschehen; aber auch weil Kulturgut heute in öffentlichen Katastern zugänglich ist. Ich denke im Übrigen, dass aus dieser Tafel heraus auch das Gerücht entstand, dass seit 1987 Denkmalschutz besteht.

Derartige Schilder sind auch auf Online-Plattformen erhältlich, ist der Kauf und die Verwendung strafbar?
Das hab ich auch schon gesehen, ob hier ein Strafbestand vorläge, wohl schon … ob ein solcher heute auch noch geahndet würde, kann ich nicht beantworten

Die emotionale Diskussion in der Öffentlichkeit, scheint auch mit der Bedeutung des Saales als gesellschaftlicher Treffpunkt zusammen zuhängen?
Ja gewiss!

In der Liste der denkmalgeschützten Gebäude befinden sich einige, die anscheinend dem Verfall preisgegeben werden bzw. die nötige Pflege vermissen lassen, wie beispielsweise die Panorama-Rotunde am Rennweg. Hat hier das Denkmalamt zu wenig Einflussmöglichkeiten?
Sagen wir einmal so, es gibt Objekte, die eine Perspektive brauchen, dazu zählt auch das Rundgemälde – dieses ist aber bestens gesichert und nicht verfallsgefährdet. Weitere Objekte für die in den nächsten Jahren eine Lösung gesucht werden muss: Theresianische Normalschule in der Altstadt oder die Talstation Patscherkofelbahn.

Danke für das Gespräch

Zur Person
Dipl.-Ing. Walter Hauser ist seit 1990 im Bundesdenkmalamt, Landeskonservatorat für Tirol in der praktischen Denkmalpflege tätig und ist seit 2014 Landeskonservators. Walter Hauser wuchs in Vorarlberg auf, studierte Architektur an der Universität Innsbruck, zu seinen Beschäftigungsschwerpunkten zählen die Denkmalpflege und historische Bauforschung sowie die Weiterentwicklung der österreichischen Baudenkmalpflege und deren Lehre an der Universität.

Die Stadtblattbeiträge zum Thema Hotel Europa und Barocksaal sowie Insolvenzversteigerung finden Sie hier

Die Geschichte des Hotel Europa

Rätselraten um Bauarbeiten im Barocksaal

Versteigerungen Luster aus dem Barocksaal

Gesamt 3.500 Gegenstände unter dem Hammer

Weitere Nachrichten aus Innsbruck finden Sie hier

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